Torf und Umweltschutz – Eine Antwort

In der vergangenen Woche erreichte uns eine Zuschrift auf den Beitrag Was haben Europäische Landschildkröten und das Moor gemeinsam? von Bärbel Horenburger. Dirk Röse, Head of Corporate Communication des im Beitrag namentlich genannten Unternehmens Klasmann-Deilmann, schrieb uns:
Eine Stärke dieser Plattform ist, dass die Welt der Landschildkröten aus allen Perspektiven betrachtet wird. Sogar einen interessanten Beitrag über Europäische Landschildkröten und das Moor gibt es nun. Leider sind längst nicht alle Aussagen in diesem Beitrag korrekt. Wahrscheinlich wird es mir auch nicht gelingen, eine berechtigte Gegendarstellung glaubwürdig zu machen, da sich bestimmte Irrtümer durch jahrzehntelange Wiederholung fest etabliert haben und auch durch Naturschutzverbände gerne immer noch verbreitet werden. Trotzdem möchte ich zumindest ein paar Stichworte aufgreifen und damit – vielleicht – zu einem ausgewogenen Meinungsbild beitragen.

Torf und Umweltschutz

1. Es ist richtig, dass die Torfindustrie im 20. Jahrhundert den Großteil der norddeutschen Hochmoore trockenlegte. Dies geschah in Übereinstimmung mit dem damaligen politischen Willen, der aus Mooren Agrarflächen und Siedlungsräume schaffen wollte. Unser Unternehmensgründer erhielt dafür seinerzeit das Bundesverdienstkreuz. Mehr als 80 % der ehemaligen Moore werden heute landwirtschaftlich genutzt und erfüllen ihren Zweck für die sichere Versorgung der Bevölkerung, auf weniger als 10 % findet Torfgewinnung statt – unter anderem durch unser Unternehmen.

2. Das mit der Entwässerung verknüpfte Umweltschutzproblem galt bis in die 1970er Jahre als nachrangig. Doch seit 1981 gilt das Niedersächsische Moorschutzgesetz. Seither stehen intakte Moore unter Naturschutz – so steht es auch im Beitrag auf Ihrer Website. Das bedeutet, dass die Torfindustrie seither ausschließlich auf bereits entwässerten Flächen Torf gewinnen darf. Die sogenannte „Zerstörung der Moore“ hat in Deutschland also schon vor exakt 40 Jahren ein Ende gefunden.

3. Dasselbe gilt längst auch im Baltikum, das zur EU gehört und den EU-Umweltstandards folgt. Die Torfindustrie gewinnt in Estland, Lettland und Litauen ihre Rohstoffe auf Flächen, die zu sowjetischer Zeit entwässert wurden. Intakte Moore und erhaltenswerte Moorböden stehen auch dort unter Naturschutz. Darauf achtet auch die NGO www.responsiblyproducedpeat.org.

Alternative Ausgangsstoffe und gesunde Nahrungsmittel

4. Torf wird zu Kultursubstraten weiterverarbeitet, die im Gewächshaus als Nährboden für eine Vielzahl von Pflanzen eingesetzt werden. Im Beitrag auf Ihrer Website wird eine wichtige Tatsache leider sehr lapidar abgehandelt: Kultursubstrate auf Torfbasis werden in großem Umfang in der Ernährungswirtschaft genutzt. Tomaten, Gurken, verschiedene Salatsorten, Paprika, Kräuter, Beerenobst usw. haben insbesondere die Phase als Jungpflanze zumeist im Substrat verbracht. Für viele gesunde Nahrungsmittel sind Torfkultursubstrate die Garantie für einen guten Start. Sogar die Bio-Betriebe von Demeter, Bioland und anderen ökologisch orientierten Verbänden verzichten nicht auf Torf im Substrat, weil sie wissen, dass dieser Rohstoff nach wie vor der effektivste ist.

5. Die Substratindustrie hat aber längst verstanden, dass Torf ein zwiespältiger Rohstoff ist. Deshalb setzt sie in immer größeren Anteilen die sogenannten „alternativen Ausgangsstoffe“ ein. Dazu gehören Holzfasern, Grünkompost, Rinden und andere Rohstoffe. Sie alle haben Vor- und Nachteile – und funktionieren weiterhin am besten in Kombination mit Torf.

6. Unsere erste eigene Kompostierungsanlage wurde 1991 in Betrieb genommen, heute sind es drei Anlagen. In den letzten 11 Jahren haben wir 8 Holzfaseranlagen errichtet. Hinzu kommen Partnerschaften mit zuverlässigen Lieferanten. Die Sicherung von nachwachsenden Ressourcen ist von zentraler Bedeutung, denn die Alternativen zum Torf sind knapp. Fachleuten ist bereits heute bewusst, dass diese Ressourcen nicht reichen werden, um Torf vollständig zu ersetzen.

7. Würde Europa heute vollständig auf Torf verzichten, bräche sofort ein Großteil der Gemüse- und Salatproduktion sowie der Zierpflanzenkultur ein.

Torf und Klimaschutz

8. Die mit der Entwässerung von Mooren verbundene Klimaproblematik war bis vor etwa 20 Jahren niemandem bewusst. Inzwischen wälzt diese Tatsache die ganze Branche um. Die Renaturierung von ehemaligen Gewinnungsflächen trägt auf jeden Fall dazu bei, dass Biotope entstehen, die dem Klima- und Umweltschutz dauerhaft zur Verfügung stehen. Dass es Jahrhunderte oder Jahrtausende dauern würde, um den vorherigen Zustand wieder zu erreichen, ist korrekt. Gleichwohl erfüllen Wiedervernässung und Aufforstung heute schon ihren guten Zweck – und die Substratindustrie ist die einzige Branche, die zur Renaturierung von Moorböden verpflichtet ist und diese Vorgaben auch umsetzt. Es entsteht etwas Gutes daraus – auch wenn es zunächst wie ein sehr bescheidener Anfang aussieht.

9. Der Einsatz von alternativen Ausgangsstoffen wird mehr und mehr dazu beitragen, dass Kultursubstrate klimafreundlicher werden. Wir selbst haben errechnet, dass wir die CO2-Bilanz pro m³ Kultursubstrat auf diese Weise bis 2025 um 50 % reduzieren können (verglichen mit dem Jahr 2013, in dem wir erstmalig unsere eigene Klimabilanz berechnen ließen). Den Klima-Fußabdruck innerhalb von 12 Jahren halbieren – auch das ist nicht perfekt, aber es ist ein nennenswerter Fortschritt.

Substrat für Landschildkröten

10. Dass Substrate für Landschildkröten jetzt womöglich in Verruf geraten, finde ich schade. Vor etwa zehn Jahren haben ein Kollege und ich sehr stolz einen Bericht über unser „Schildkrötensubstrat“ für die Mitarbeiterzeitung geschrieben. Auch da hatten wir das gute Gefühl, ein sinnvolles Produkt auf dem Markt zu haben.

11. Wäre es nicht ein sehr konstruktiver Schritt, wenn Ihre Fachleute für Landschildkröten gemeinsam mit unseren Fachleuten für Substrate ein neues Schildkrötensubstrat entwickeln, bei dem möglichst weitgehend auf Torf verzichtet wird?

Eine Veröffentlichung dieser Zuschrift ist mit Dirk Röse abgestimmt.

Wir halten es im Sinne der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung unserer Leserinnen und Leser für richtig und wichtig, diesen Text hier zu veröffentlichen.

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