Was haben Europäische Landschildkröten und das Moor gemeinsam?

Von Bärbel Horenburger

Was haben Europäische Landschildkröten und das Moor gemeinsam?
Diese Frage ist auf dem ersten Blick leicht einfach zu beantworten:
Nichts.
Oder gibt es doch eine Verbindung?

Ja, denn wir verwenden zur Gestaltung unserer Gehege, für das Frühbeet oder Schutzhaus einen vernünftigen Bodengrund. Und dazu benötigen wir Erde, wie auch für die Überwinterung, sei es in der Kühlschrank Box oder in einer Grube und ähnliches. Dafür benutzen wir oftmals Spezialerde, die dafür bestens geeignet scheint; und zwar aus dem Fachhandel/ Gartencenter oder der Reptilien-Abteilung. Dies tun wir aber allzu oft, ohne genauer hinzuschauen, aus was diese Erde gewonnen wird. Und da sind wir schon bei dem Bezug zu unseren Schildkröten.

Natürlich achten wir darauf, dass die Erde nicht gedüngt ist. Aber es geht um viel mehr. Oftmals besteht unsere Wahl aus torfhaltigen Bodensubstrat/ Erde und diese Produkte entstehen aus dem Abbau von Mooren.
Bekanntlich leben aber unsere Landschildkröten nicht im Moor und benötigen zur artgerechten Haltung gewiss keine Erde aus Torf.
Was uns aber bei der Nutzung torfhaltiger Erde zu wenig bewusst wird, ist der Faktor Naturschutz/ Klimaschutz und die Verantwortung jedes einzelnen von uns, dazu beizutragen.

 

Warum macht der Abbau von Torf solche gravierende Zerstörung aus? Warum sind Moore für uns alle so wichtig?
Moore sind ein besonderes Ökosystem, das behütet und geschützt gehört und keinesfalls mit dem heutigen Wissen um ihre Bedeutung ausgeraubt werden darf. Unzählige Pflanzen und Tiere leben nur in diesen Moorgebieten, sie können außerhalb davon nicht überleben. Mittlerweile stehen in Deutschland fast alle noch erhaltene Moore unter strengem Schutz.Auch wenn Hersteller dieser Erde damit werben, dass sie viel Geld für den Wiederaufbau von Moore investieren, stellt sich die einfache Frage: Was passiert in dieser Zeit mit den Pflanzen und Tieren, deren Habitat zerstört wurde? Und noch viel gravierender: Wie will man etwas aufbauen, wenn es 10.000 Jahre benötigt, dass sich ein intaktes Moor bildet?
Diese Zeit wird nämlich benötigt, um die bis zu zehn Meter hohen Torfschichten neu zu bilden, um damit erst ein lebendiges vollständiges Moor zu werden.

Dabei ist es so einfach: Was nicht zerstört wurde, muss auch nicht wieder aufgebaut werden!

Da in Deutschland Torf nur noch in wenigen Gebieten abgebaut wird, beziehen die Hersteller den Torf einfach aus anderen Ländern. Damit wird lediglich die Zerstörung verlagert, aber nicht unsere Verantwortung als Käufer solcher Produkte. In Deutschland wurden im letzten Jahrhundert 95 Prozent der Moore vernichtet durch den Abbau und der Trockenlegung.
95 Prozent!

Historischer Torfstich – Torfabbau im Wurzacher Ried bis 1997. Bild: Wikipedia, User: enslin
Bild: Nabu

Heutzutage werden Moore vorwiegend in anderen Ländern ausgebeutet. Derzeit wird zum Beispiel im Baltikum der Abbau sogar hochgefahren. Wir reden von jährlich insgesamt knapp 2,5 Millionen Tonnen Torf, die über über ganz Europa verteilt werden und sicherlich auch in vielen Schildkrötenhaltungen Verwendung finden. Zwar wird der größte Teil für den Anbau von Gemüse verbraucht, aber aber auch in der Terraristik sind wir ein großer Abnehmer dieser „Reptilien-Erde“.

Wir tragen also eine Mitverantwortung an diesen Raubabbau mit jedem Sack Erde, die aus Torf besteht und erworben wurde. Denn mit ihm ist auch ein Stück Moor verschwunden! Ein winzig kleines nur, aber das entbindet uns nicht aus der Verantwortung.

Zum Trocknen aufgestapelte Weißtorfsoden. Bild: Aktion Moorschutz.

Deutsche Firmen lassen schon lange außerhalb von Deutschland ihre Erde produzieren. zur Zeit kommt der meiste Torf aus dem Baltikum, unter anderem aus Litauen. So hat zum Beispiel der Konzern Klasmann-Deilmann seine Produktion in Litauen und Lettland in den letzten Jahren deutlich intensiviert. Er produzierte alleine im vergangenen Jahr 3,5 Millionen Kubikmeter Kultursubstrat – gewonnen aus 2,9 Millionen Kubikmetern Torf.

Man kann sich gut vorstellen, was für ein Schaden damit angerichtet wird: Eine unwiderrufliche Zerstörung von Landschaften und Ökosystemen. Die Folgen sind jetzt bereits erheblich. Der Moorschwund steigt rasant, die Folgen sind fatal, nicht nur für viele seltene Pflanzen- und Tierarten. Gesunde Moore sind vielfältige Lebensräume für hochspezialisierte Tier- und Pflanzenarten, auch für unser Klima ist der Torfabbau eine Katastrophe.

Durch die Zerstörung werden große Mengen Treibhausgase freigesetzt, die den Klimawandel beschleunigen! Die Folgen des Klimawandels dürften uns allen hinlänglich bekannt sein. Gesunde Moore sind vielfältige Lebensräume für hochspezialisierte Tier- und Pflanzenarten. Alle diese Arten leiden unter der Zerstörung ihres Lebensraumes, viele von ihnen sind stark bedroht. Moore speichern außerdem etwa ein Drittel des erdgebundenen Kohlenstoffs, obwohl sie nur drei Prozent der Landfläche bedecken – doppelt so viel wie alle Wälder der Erde zusammen! (Quelle NABU).

Nun zu uns Schildkrötenhaltern und warum ich diesen Text verfasst habe:

Woher der Torf stammt, der in der Blumen- oder Terrarienerde verarbeitet wird, ist für den Konsumenten kaum oder gar nicht nachzuvollziehen.
Wir sind Naturliebhaber, fasziniert von der Gestaltung unserer Gehege und haben große Freude daran, was alles dort so nebenbei kreucht und fleucht. Es entstehen damit kleine Paradiese.

Wir schaffen zusätzlichen Lebensraum für Insekten, Vögel und Reptilien, legen hohen Wert auf artgerechte Haltung und verweisen in diversen Gruppen in den sozialen Netzwerken darauf, dass Pflanzen nicht einfach gesammelt und abgeschnitten werden dürfen, bevor wie sie als wertvolles Futter bestimmt haben oder als nicht nutzbar für unsere Schützlinge stehen lassen sollen.

All das immer mit der Begründung, dass wir verantwortliche Halter sind, die keinen Schaden an unserer Pflanzenwelt anrichten wollen.
Gleichzeitig benutzen wir aber organische Materialien wie torfhaltige Erde, die andere Habitate unwiederbringlich zerstören. Wie passt das zusammen?
Wir vernichten mit der Nutzung torfhaltiger Erde den Lebensraum eines hochsensiblen Ökosystems des Moores, ohne uns weiter Gedanken darüber zu machen und gleichzeitig pflegen wir Tierarten die durch Verdrängung /Umwelteinflüsse durch den Menschen immer mehr ihren natürlichen Lebensraum verlieren und versuchen, durch Tier- und Artenschutzprojekte, diese Arten zu schützen.
Wer erkennt die Ironie in unserem Handeln und die Mitverantwortung, die jeder Gärtner und/oder Tierhalter trägt, wenn er Produkte kauft und nutzt, die andere Ökosysteme und den Lebensraum unzähliger Lebewesen zerstören?

Alternativen gibt es zu genüge: Nämlich Muttererde, Kompost. Torffreie Erde gibt es im Handel zu kaufen. Sie ist extra gekennzeichnet. Vielleicht regt bei den einen oder anderen dieser Text zum Nachdenken und bestenfalls zum Umdenken an.

Ich habe hier nur ein Beispiel für Torffreie Erde verlinkt. Bitte schaut auf die Zusammensetzung der Erde, die ihr kauft, klickt zum Beispiel bei der NABU das Thema Moorabbau an, es gibt viele interessante Informationen dort zu lesen.
Die NABU hat als Beispiel ein Projekt Gärtnern ohne Torf gestartet. Ich lege Euch dieses Projekt sehr zu Herzen, ich selbst nehme daran teil und bin in der torffreien Karte mit als Garten aufgezeichnet.

Unter der Überschrift Torf und Umweltschutz lesen Sie auf dieser Seite auch eine ganz andere Sicht auf die Dinge – Klicken Sie bitte auf diesen Link.

Text: Bärbel Horenburger. Alle Rechte bei der Autorin.
Bilder: Sofern nicht anders angegbeen Lutz Prauser. Ein Teil der Moorfotos zeigt das
Hochmoorgebiet Kendelmühlfilzen in Bayern. Dort wurde bis 1980 Torf in großem Stil abgebaut. Seit 1992 steht das Gebiet unter Naturschutz. Es wird viele hundert Jahre dauern, bis sich das Gebiet von diesem Abbau erholt haben wird.

 

1 Kommentar


  1. Hallo Frau Horenburger,

    Sie haben hier dankenswerterweise ein Problem angesprochen, dass mir auch nicht sofort geläufig war.
    Mir fällt das Stichwort „Luxusproblem“ ein. Und ich frage mich – ohne es selbst weiter zu kommentieren – ob es uns allen einfach zu gut geht? Wie weit gehen wir mit der Tierliebe? Mit der Umwelt?
    Herzliche Grüße aus Denkendorf

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