Fachfrau Sisi und das Kochbuch – statt einer Rezension

„Sisi“, sage ich. „Schau her, was ich heute in der Post habe.“
Ich halte das Buch Schildkrötensuppe war gestern – über 55 leckere Wildkräuter-Gerichte in der Hand. Sisi interessiert das allerdings nicht. Könnte sie sprechen, würde sie vermutlich antworten, ich sollte sie mit diesem Zeug zufrieden lassen, außerdem habe sie gerade wichtigeres zu tun – fressen.
Aber Sisi kann nicht sprechen, was keine Entschuldigung für dermaßen demonstratives Desinteresse an diesem wunderbaren Buch ist. Also halte ich es ihr direkt vor die Nase.
„Sisi“, sage ich, „wir müssen über Wildkräuter sprechen!“

Meine Hartnäckigkeit grenzt schon fast an Tierquälerei, denn Sisi erkennt natürlich sofort die Löwenzahnblüten auf dem Cover, das Alexander Honig von der L&W Druck GbR aus Bad Endbach unter Verwendung einer Zeichnung von Matthias Lebens vortrefflich gestaltet hat. Und Sisi macht, was vermutlich alle Europäischen Landschildkröten tun, wenn sie eine Löwenzahnblüte sehen. Hingehen und sie auffressen.
Zwei versuchte Bisse ins Buchcover, dann lasse ich es genug sein. Der erste Praxistest dieses Kochbuchs ist absolviert. Von einer echten Fachfrau. Nämlich meiner Schildkrötendame Sisi. Sie ist quasi die Stammesälteste und hat demzufolge gewisse Vorrechte. Außerdem ist sie noch immer ein Gasttier, das einem guten Freund gehört, also genießt sie zwar nicht Hausrecht (das sieht sie anders), aber Gastrechte. Und selbige, also Gäste, sind bekanntlich Könige. Oder Königinnen. Sisi halt! Sagt doch der Name schon.

Um es kurz zu machen: Das Buch hat den ersten Test mit Bravour bestanden. Und ganz nebenbei weiß ich, dass Schildkröten Löwenzahnblüten am Aussehen und nicht am Duft erkennen, sonst hätte Sisi sich nicht herabgelassen, ins Buch zu beißen. So hatte auch dieser kleine Versuch einen Erkenntnisgewinn zur Folge.

Jetzt ginge es theoretisch ans Eingemachte, also an die Innereien, die 55 Rezepte mit Wildkräutern. Ich verzichte allerdings darauf, Sisi alle Seiten, die vielen inspirierenden und appetitanregenden Fotos zu zeigen. Das wäre nun wirklich nicht in Ordnung. Ich könnte die anderen Tiere der Reihe nach aus ihren Lieblingsplätzen locken und mit Fotos von Wildkräutern und deren Blüten konfrontieren, aber das wäre genauso unfair.

Um Wildkräuter und deren Blüten geht es nämlich in dem Buch, das auf eine Idee von Rita Klein, Marina Wettstein und Mandy Wrona zurückgeht. Eine Rezeptsammlung mit Kräutern zusammenzustellen, als Buch zu veröffentlichen und die Erlöse Schildkrötenprojekten zur Verfügung zu stellen. Also haben die drei viele Schildkrötentanten und -onkel angeschrieben, um Rezepte gebeten, Thorsten Geier hat die verlegerische Arbeit übernommen, aus dem Konvolut dieses Buch zu produzieren und zu vertreiben. Damit hat er einmal mehr sein Verlagsprogramm um ein tolles „Nebenprodukt“ neben der einschlägigen Ratgeberliteratur erweitert. Nach Storytelling, amüsanten Geschichten und einem Schildkrötenkrimi nun also ein Kochbuch. Die Sparte entwickelt sich gut und es bleibt zu hoffen, dass es in dieser Richtung weiter geht.

Jetzt zum Kochbuch. Viele Rezepte gehen auf Leute zurück, die ich persönlich kenne – von Tagungen und Workshops, andere kenne ich aus den einschlägigen Facebook-Gruppen, das soziale Netzwerk spielte bei der Entstehung dieses Buches eine nicht unwesentliche Rolle.
Wer sich dort bewegt, dem dürften zumindest die Namen der meisten Rezeptlieferanten etwas sagen – schon alleine deshalb lohnt das Durchblättern. Jetzt weiß ich, dass Torsten Kiefer und seine Frau Pesto aus Giersch machen, Barbara Hentschke Wildkräutersuppen kocht und Michaela Volkmann Wiesenkräutermoussee mit Kräutergelee. Stammleser der Testudowelt-Seite werden in dem Kochbuch Rezepte von so mancher Autorin und so manchem Autor dieser Seite wiederfinden. Allerdings nicht von mir.

Auch mich ereilte eines Tages die Anfrage von Rita, ob ich nicht ein Rezept beisteuern wolle. Rita kennt meine Unfähigkeit und Unlust zum Kochen allerdings genauso wenig, wie meine kolossale Abneigung gegen grünes Essen: Sprich Gemüse. Da ich aber auch mein Scherflein zu diesem Projekt beisteuern wollte, bot ich ihr an, in bewährter Manier ein spitzzüngiges Nachwort statt eines Rezepts zu liefern. Da geht es zwar auch ums Kochen (in dem Fall um meine experimentelle Marmeladenküche), aber die Gefahr, dass jemand beim Nachkochen Würgeanfälle bekommt, ist doch eher gering. Aber so Leute wie ich suchen immer nach einem Hintertürchen, einem Seiten- oder Sonderweg – und sie finden auch immer einen.
Auch davon könnte ich Sisi erzählen, die sich längst wieder dem Grünzeug zugewandt hat und mal hier und dort am Blatt zupft.
Was würde sie sagen?
Dass wir Menschen nun völlig am Rad drehen und jetzt anfangen, den geliebten Schildkröten auch noch die Wildkräuter wegzufuttern?
„Nö, der Löwenzahn ist nicht für Dich, die kommen zu den Bratkartoffeln,“ höre ich schon in Gedanken Nina Auwärter ihren sehnsüchtig nach den Blumen schielenden Schildkröten zuraunen. Und Thorsten Geier rückt die Malvenblüten auch nicht mehr raus, die braucht er für seinen Zitronenkuchen.
Nur meine Tiere können sicher sein, dass alle Wildkräuter, die ich anschleppe ausschließlich für sie sind. Denn ich werde mich weder an einer Brennnessel-Giersch-Löwenzahnsuppe versuchen noch an Kapuziner-Kresse-Röllchen.

So ist es natürlich nicht. Aber es soll ein wenig rechtfertigen, warum ich mir kein Urteil über die Qualität der Rezepte erlaube.
Aber so höre ich in den einschlägigen sozialen Netzwerken, an denen ich immer ein Ohr zum Lauschen habe, bereits erste begeisterte Reaktionen aus den Küchen der Schildkröten-Community. So soll es sein. Alle Beteiligten, die Ideengeber, die Rezeptlieferanten und Thorsten, der das unternehmerische Risiko auf sich genommen hat, verdienen, dass Schildkrötensuppe war gestern – über 55 leckere Wildkräuter-Gerichte ein voller Erfolg wird. Denn dann profitieren nicht nur die Schildkrötenprojekte, die mit dem Buch unterstützt werden, sondern auch alle, die ihren Speiseplan mit Kräutern und Blüten anreichern wollen, sprich: Die Rezepte nach kochen sondern auch alle, die ihren Speiseplan mit Kräutern und Blüten anreichern wollen, sprich: Die Rezepte nachkochen:

Und wer weiß: Vielleicht wird es irgendwann einen zweiten Band geben? Mit einer Malve auf dem Cover? Ob dann eines meiner Tiere mal testweise reinbeißen darf?
Wir werden sehen.

Also Leute: Kaufen, kochen, genießen – und locker dabei was Gutes tun.

Schildkrötensuppe war gestern – über 55 leckere Wildkräuter-Gerichte
Herausgegeben von Thorsten Geier
104 Seiten, 79 Fotos, zahlreiche Illustrationen, 1. Auflage 2021, ISBN 978-3-944484-27-3, € 16,80
Das Buch ist über die Verlagswebsite bestellbar.

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