Auf Schildkrötensafari mit Elke Wallrapp (Folge 90)

Auch in diesem Monat bleiben wir noch einmal in Spanien und wechseln von Teneriffa auf die Balearen. Dort besuchen wir die „beliebteste Urlaubsinsel“ der Deutschen.
Ich kann mich gar nicht mehr so genau an meinen ersten Mallorca Urlaub erinnern – auf jeden Fall ist es schon sehr lange her. Damals sammelte ich schon alles rund um das Thema Schildkröten, aber ich interessierte mich noch nicht so sehr für die Darstellungen im öffentlichen Raum.
Deswegen bewahrte ich einen kleinen bebilderten Artikel aus einer mallorquinischen Zeitung, über die schönsten Patios in der Altstadt von Palma, auf, denn er beschrieb einen Patio mit einer Schildkrötenskulptur.

Viele Jahre später, bei einem weiteren Mallorcaaufenthalt, wollte ich mir die beschriebene Schildkröte näher anschauen.
Inzwischen wusste ich auch, dass ganz in der Nähe eine weitere Schildkrötendarstellung existiert.

Mitten in der Altstadt von Palma de Mallorca, an der Kreuzung der Straßen „Avenida de Jaume III“, „Passeig del Born“ und „Carrer de la Unió“ befindet sich die „Placa del Rei Joan Carles I“ mit einem besonderen Brunnen.
Bekannt ist er als „Fuente de las Tortugas“ oder auch „Fuente de la Princesa“.
Der Brunnen ist relativ schlicht und im klassizistischen Stil zwischen 1833 und 1834, anlässlich der Krönung der Königin Isabell II (Prinzessin von Asturien) aus einem Sandstein, der als Santanyi Stein bekannt ist, errichtet worden.
In einem runden flachen Wasserbecken befindet sich mittig ein weiteres, etwas höheres Becken. In ihm steht ein großer, mit vier bronzenen Löwenköpfen verzierter, Steinblock. Auf jeder seiner Ecken befindet sich eine naturgetreue und sehr detailliert gestaltete Landschildkröte aus Bronze. Die vier Schildkröten tragen auf ihrem Panzer einen Obelisken, der von einer Fledermaus gekrönt wird. Auch sie ist aus Bronze, hat weit geöffnete Flügel und ist das Wappentier von Palma.

Von der „Carrer de la Unió“ zweigt eine kleine Gasse namens „Carrer de Sant Jaume“ ab. Dort befindet sich ein aus Kalkstein errichtetes Haus, namens „Casa del Marqués de Reguer-Rullán“. Hier hat die gemeinnützige „Barceló Stiftung“ ihren Hauptsitz.
Das 1883 fertiggestellte Gebäude wurde als Kulturgut deklariert und vom mallorquinischen Architekten „Bartolomé Ferrà“ (1843-1924) entworfen.
In den allgemein zugänglichen Räumen werden wechselnde Kunstausstellungen gezeigt. Das historische Gebäude hat einen wunderschön gestalteten Innenhof, der mit vielen Skulpturen und Wandverzierungen (z.B. Blätter, Drachen, Wappen) geschmückt ist. Dieser Patio ist auch mit einem kleinen Teich und vielen Pflanzen ausgestattet und gleicht einer Oase inmitten von Palma.
Eine Treppe aus Kalkstein (ebenfalls Santanyi Stein) führt nach oben und hier befindet sie sich – die Landschildkröte aus dem Zeitungsartikel! Sie wird von einem kauernden Affen mit seinen viel zu großen Händen festgehalten.
Sein Blick ist schwer zu deuten – fast sieht es so aus, als würde er lachen oder schaut er verschmitzt? So genau werden wir es nie erfahren und jeder wird seinen Gesichtsausdruck anders deuten.

Das Motiv erinnert mich spontan an ein aus Asien stammendes Märchen, das auch von einem Affen und einer Schildkröte handelt. Es wird in vielen verschiedenen Versionen erzählt – mal mit einer Land- und mal mit einer Meeresschildkröte.
Eine Version geht ungefähr so…
An einem fernen Ort befand sich ein Schloss. Dort lag eine Königin krank in ihrem Bett und wurde von Tag zu Tag schwächer.
Viele Ärzte versuchten ihr zu helfen, aber es gelang ihnen nicht.
Ein von weit her stammender Arzt sagte zum König, dass nur eine frische Affenleber der Königin helfen könne.
Der König beriet sich mit seinen engsten Vertrauten und schickte die erfahrene und weise Schildkröte aus, um eine Affenleber zu beschaffen.
Denn die Schildkröte wusste, wo die Affen leben. Sie lief so schnell sie konnte, brauchte aber doch zwei Tage, bis sie den Affenwald erreichte. Dort angekommen, legte sie sich unter einen Baum und stellte sich schlafend. Es dauerte nicht lang, da kam ein junger Affe und trieb seine Späße mit ihr. Die weise Schildkröte schnappte ihn, hielt ihn fest und brachte ihn zum Schloss.
Es herrschte große Freude, als die Schildkröte mit dem Affen erschien. Er durfte, bis zu seiner Tötung am nächsten Tag, frei im Schloss herumspringen.
Der Affe ahnte nichts von seiner Bestimmung.
Ein kleiner Elefant hatte jedoch Mitleid mit dem Affen und erzählte ihm, warum er von der Schildkröte ins Schloss gebracht wurde.
Er dachte über sein bevorstehendes Schicksal nach und suchte verzweifelt nach einer Lösung. Da es in Strömen regnete, kam ihm die rettende Idee.
Er lief zur Schildkröte und erzählte ihr weinend, dass seine Leber zu Hause im Affenwald, zum Trocknen hing. Er hatte Angst, dass sie durch die Nässe verderben würde. Und er wollte von der Schildkröte einen Rat.
Diese erschrak sehr und überlegte, wie der König reagieren würde.
So schlug sie dem Affen vor, ihn zum Affenwald zurückzubringen, um die Leber zu holen. Der Affe stimmte sofort zu und ritt auf dem Rücken der Schildkröte zurück. Im Affenwald verschwand er sofort in den Bäumen, trommelte seine Freunde zusammen und erzählte ihnen seine Geschichte. Von ihnen wurde die Schildkröte verjagt, indem sie sie mit Kokosnüssen bewarfen.
Sie merkte unterdessen, dass sie vom Affen überlistet wurde und kehrte erneut, diesmal ohne Affe, zum Schloss zurück.
Der König hatte das Fehlen des Affen bereits bemerkt und dachte, dass die Schildkröte ihm zur Flucht verholfen hatte. Er wollte sie deswegen mit dem Feuertod bestrafen.
Als der kleine Elefant das hörte, lief er zum König und bekannte sich schuldig. Er gestand, dass er den Affen gewarnt hatte.
Inzwischen war die Königin wieder genesen, denn einige Tage waren vergangen.
Darüber freute sich der König sehr. Er ließ die Schildkröte am Leben und auch der Elefant wurde für seine Ehrlichkeit belohnt und durfte weiterleben.

Tatsächlich, wenn man großes Glück hat, kann man diese Schildkröten- und Affendarstellungen in Geschäften oder auf Flohmärkten finden – die Keramikskulptur stammt ebenfalls aus Mallorca.

Text und alle Bilder: Elke Wallrapp. Alle Rechte bei der Autorin

1 Kommentar


  1. Wieder mal ein ziemlich ausgefallener Bericht, der mir besonders gut gefallen hat.

    Danke!
    Hannelore

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