Weidelandschaften – der natürliche Lebensraum der Europäischen Landschildkröten – Teil 03

Von Dominik Hauser

Ein Dreiteiler
Teil 01: Veröffentlicht am 22.02.2021
Teil 02: Veröffentlicht am 01.03.2021
Teil 03: Veröffentlicht am 08.03.2021

Nutzungsaufgabe als Gefährdungsfaktor

Mit der Aufgabe der kleinbäuerlichen Weidehaltung verschwinden nicht nur uralte Hirtentraditionen oder die im Mittelmeerraum früher verbreitete Transhumanz. Vielmehr ist es vielleicht der derzeit wichtigste Gefährdungsfaktor für Europäische Landschildkröten.

Abb:: Lebensraum von T. g. ibera im griechischen Thrakien, auffallend langgrasig im August, jedoch mit deutlich verbissenen Gehölzformen. Bei der sogenannten Transhumanz werden die Weidetiere den Sommer über in höheren Gebirgsregionen gehalten und verbringen nur den Winter in den milden Küstenregionen.

Abb.: Maurische Landschildkröte im abgebildeten Lebensraum in Thrakien

Durch zunehmende Unrentabilität und eine falsche europäische Agrarförderung kann mit der großflächigen Weidehaltung bald Schluss sein.

Abb:: Langgrasige Weide im Georgischen Waschlowani Nationalpark. Auf dieser leben Maurische Landschildkröten (T. g. ibera). Im Winter weiden hier riesige Schafherden aus dem ganzen Land, die den Sommer hoch oben im Kaukasus verbringen. Auch eine Form der Transhumanz.

Abb.: Maurische Landschildkröte im abgebildeten Lebensraum in Georgien.

Flächen in der Macchia werden im Mittelmeerraum laufend aufgegeben. Während in Ländern wie Frankreich und Italien dieser Prozess bereits lange voranschreitet, finden sich in vielen südosteuropäischen Staaten wie Albanien und Griechenland noch viele aktive Weideflächen. Der Zusammenhang lässt sich sehr gut auch an der von Schildkröten besiedelten Fläche in diesen Ländern erkennen.
Die Gefahren der schleichenden und unbemerkten Aufgabe ehemaliger Weideflächen liegen für die Schildkrötenpopulationen aus meiner Sicht noch weit über denen von Hotel- oder Straßenbauprojekte.
Dabei gilt diese Problematik nicht nur für unsere Landschildkröten. Auch alle anderen dort heimischen Tier- und Pflanzenarten haben sich in Coevolution mit den großen „Landschaftsgestaltern“ entwickelt und werden ohne deren Wirken, wie auch bei uns, stark zurückgehen.

Abb.: In Regionen mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung, findet Beweidung hauptsächlich noch an steinigen und hängigen Flächen statt. Auf dem Hügel befindet sich eine Population der Maurischen Landschildkröte in Georgien.

Abb.: Maurische Landschildkröte im gezeigten Lebensraum.

Unterstützen Sie als Schildkrötenliebhaber daher doch gerne bei Ihrem nächsten Besuch im Süden den lokalen Ziegenbauern und kaufen bei ihm direkt ihren Käse oder essen im nächsten Dorf einfach mal das Lamm vom Spieß. Denn es sind diese Menschen, die den Lebensraum der europäischen Landschildkröten flächig erhalten.
Außerdem hoffen wir natürlich gemeinsam auf eine entsprechende, die kleinbäuerliche Weidetierhaltung stärkende, europäische Agrarpolitik, denn das Problem des Biodiversitätsverlustes betrifft uns europaweit.

Zum Schluss noch eine gute Nachricht. Die in den Niederlanden gegründete Organisation „Rewilding Europe“ hat das Problem der fehlenden Landschaftsgestalter und der zunehmenden Landaufgabe im Mittelmeerraum erkannt und setzt Gegenaktzente. So wurden zum Beispiel in den bulgarischen Rhodopen und in Rumänien bereits Wisente aus Nachzucht ausgewildert und gestalten dort gemeinsam mit ausgewilderten Pferde- und Rinderrassen wieder die Naturlandschaft. Dabei werden speziell zunehmend entvölkerte ländliche Regionen für diese Projekte ausgewählt. Auch in anderen Teilen Europas finden sich zunehmend ähnliche Projekte, bis hin zu kleinen umzäunten Beweidungsprojekten mit Nutztieren in Deutschland.

Hoffentlich konnte ich mit dem Artikel darstellen, warum ein „unberührter Wald“ heute nicht mehr der eigentlich zu erwartenden Naturlandschaft entspricht. Denn ohne die „großen Landschaftsgestalter“ zu berücksichtigen sind heute in ganz Europa keine Rückschlüsse mehr auf einen echten Naturzustand möglich. Aktuell hängt das Überleben der Europäischen Landschildkröten vielmehr vom Mensch und seinen Nutztieren ab.
Ich würde mich freuen wenn andere Schildkröteninteressierte ähnliche Beobachtungen im Lebensraum gemacht haben und in zukünftigen Auslandsaufenthalten mithelfen in diesem spannenden Gebiet weitere Erkenntnisse zu sammeln.

Der Autor:
Dominik Hauser, geboren 1990, aus Süddeutschland, beschäftigt sich seit früher Kindheit mit Amphibien und Reptilien. Seit seinem zehnten Lebensjahr hält und später züchtet er auch Arten von Land- und Wasserschildkröten. Auf zahlreichen Reisen in Südeuropa und angrenzenden Regionen sucht er gezielt nach Amphibien und Reptilien in ihren Lebensräumen.
Seit März 2020 führt er außerdem selbst ein Beweidungsprojekt mit Ziegen in einer ehemaligen Kiesgrube in Oberschwaben als Artenschutzmaßnahme für dort lebende seltene Amphibien-, Reptilien- und Orchideenarten durch.
Kontakt: dominik_hauser@gmx.de

1 Kommentar


  1. Ich finde die drei Beiträge sehr interessant und sage DANKE dafür. Den Link habe ich auch weitergegeben.

    Gruß
    Hannelore

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