Weidelandschaften – der natürliche Lebensraum der Europäischen Landschildkröten – Teil 02

Von Dominik Hauser

Ein Dreiteiler
Teil 01: Veröffentlicht am 22.02.2021
Teil 02: Veröffentlicht am 01.03.2021
Teil 03: Veröffentlicht am 08.03.2021

Auswirkungen von Weidetieren und der natürliche Lebensraum unserer Schildkröten

Die gesamten Auswirkungen welche die unterschiedlichsten Weidetierarten auf ihre Umwelt haben, sind, wie überall in der Ökologie, extrem umfangreich, komplex und vermutlich bei weitem nicht vollständig erforscht. Im Folgenden daher nur einige ausgewählte Punkte.

Abb.: Weiderasen in Griechenland in der Nähe des Olymps

Der größte Einflussfaktor ist sicher der Verbiss der Großherbivoren. Einige Arten wie Ziegen fressen zum überwiegenden Teil an Büschen, wo sie sowohl Blätter bis in etwa 1,80m Höhe aufnehmen, als auch die Rinde gezielt schälen und damit Büsche und kleinere Bäume zum Absterben bringen können. Rinder, Pferde und Schafe fressen ebenfalls etwas Gehölze, sind aber hauptsächlich Graser, d.h. sie schaffen und erhalten gezielt sogenannte Weiderasen und vermeiden so die Verbuschung. Der Begriff „Weiderasen“ sollte hier aber nicht mit unserem „Gartenrasen“ gleichgesetzt werden und auch nicht mit den maschinell nachgepflegten Rinderweiden hierzulande. Auf extensiven (niedrig besetzten) Weideflächen entwickeln sich artenreiche und blütenreiche Flächen, auf denen zahlreiche Orchideen, Anemonen und andere Pflanzenarten vorkommen können. Unzählige nicht gerne gefressene Arten wie Disteln oder der giftige und im Mittelmeerraum stellenweise landschaftsprägende Affodill stechen als höhere Elemente aus solchen Weiderasen hervor.

Abb.: Auch in diesem Lebensraum von T. h. hermanni auf Mallorca dominiert der Affodill. Dieser Lebensraum hat vor einiger Zeit gebrannt, trotzdem findet sich hier eine noch gute Populationsdichte.

Abb:: Übergang von Weiderasen zu dichtem Buschland in Menorca. Lebensraum einer großen Population von T. h. hermanni. Auf der Lichtung konnten neben adulten und subaldulten Tieren auch etwa 8 Schlüpflinge vom letzten Jahr gefunden werden.

Abb.: Schlüpfling aus dem Vorjahr auf zuvor gezeigter Lichtung in Menorca.

Auch sind diese Weideflächen bei naturnaher Beweidung nicht flächig offen sondern durchsetzt mit zahlreichen kleineren, häufig typisch verbissenen, Büschen und Bäumen. Die entstehenden kreiß- und kegelförmigen Krüppelformen haben sogar einen eigenen Namen. Sie werden als „Kuhbüsche“ bezeichnet und waren auch bei uns früher typisch für das Landschaftsbild auf extensiven Weiden. Für Schildkröten sind sie mit ihrer heckenartigen, dichten Beastung und meist Bedornung die bevorzugten Rückzugsorte, die einen hervorragenden zusätzlichen Schutz vor Fressfeinden bieten.

Auch wo höhere Baumarten zu erwarten sind, wie im sandigen Küstentiefland, sorgen Weidetiere durch den laufenden Verbiss von Jungwuchs dafür, dass sich keine geschlossenen Wälder bilden. Es entstehen dann nach dem Absterben von Altbäumen überall Lichtungen und allgemein lichte Waldflächen bis hin zu savannenartigen offeneren Flächen mit zerstreuten Einzelbäumen.

Abb.: Beweidung und Forstwirtschaft lichter Kiefernwald an der Küste der Peloponnes. Hier weiden Rinder, Ziegen und Schafe gemeinsam. Lebensraum einer großen Population von T.h.boettgeri.

Abb:: Typische kontrastreich gezeichnete T. h. boettgeri mit gelbem Kopf aus dem gezeigten Kiefernwald.

Auf solchen naturnahen Weideflächen sind Offenflächen, Buschland und Wald nicht klar voneinander getrennt wie wir es aus unserer heimischen Landschaft heute kennen. Vielmehr sind alle Formen mosaikartig ineinander verzahnt und es kommen alle möglichen Übergangsformen vor.
In den offenen Bereichen dieser Mosaike haben Schildkröten die Möglichkeit zur Thermoregulation und sie finden die als Nahrung wichtige, krautige Vegetation.
Wer einmal in einem, seit vielen Jahren komplett „naturbelassenen“, geschlossenen Steineichenwald war, bemerkt schnell dass hier die krautige Vegetation nahezu vollständig fehlt und damit allein schon die Nahrungsgrundlage für Landschildkröten. Auch fehlen hier die Sonnenplätze. Der Boden besteht meist nur noch aus Laubstreu und Ästen sowie einigen bemoosten Steinen.
Naturnahe Weidelandschaften sind unglaublich reich strukturiert und weisen unzählige sogenannte Grenzlinienstrukturen auf, die gerade für Reptilien so wichtig sind. Grenzlinienstrukturen sind die Übergänge von Busch-/ Waldland zu Offenland und können auch rund um Einzelbüsche auf einer Weide bestehen.

Abb.: Durch Beweidung reich strukturierter Lebensraum von T.graeca ibera nahe der Georgischen Hauptstadt Tiflis im August.

Abb.: Halbwüchsiges Exemplar der Maurischen Landschildkröte im zuvor gezeigten Lebensraum. Kurz zuvor hatte es an einem alten Kadaver eines Schafes gefressen.

Abb.: Adultes Exemplar der Maurischen Landschildkröte oberhalb des gezeigten Lebensraumes am Straßenrand beim Fressen von Natternkopf.

Auch der Kot- und die Kadaver der Pflanzenfresser sind eine wichtige Nahrungsgrundlage. Unzählige Insektenarten und damit auch Insektenfresser sind auf ihn angewiesen. Inwiefern vielleicht auch Schildkröten, von denen das Kotfressen allgemein bekannt ist, von diesem profitieren, ist meines Wissens bisher noch nicht erforscht.
Durch Wälzen und Tritt entstehen unter der Anwesenheit von großen Pflanzenfressern laufend offene Bodenstellen. Das sind nicht nur die natürlichen Brutplätze der unzähligen erdnistenden Wildbienenarten. Neben den Flussauen sind das auch die natürlichen Standorte aller Pionierpflanzenarten, die auch von Schildkröten gerne gefressen werden. Auch Reptilien und selbst Schildkröten konnte ich bei der Eiablage an solchen „Störstellen“ beobachten. Möglicherweise sind sie in manchen Regionen sogar die wichtigsten Eiablagestellen und bei Nutzungsaufgabe haben die Tiere im dichten Buschland keine geeigneten Möglichkeiten mehr zur Eiablage.

Abb.: Sandiges Flussdelta in Griechenland. Durch den Tritt von Pferden und Rindern entstehen hier immer wieder Offenstellen.

Abb.: Pferde im zuvor angesprochenen Flussdelta

Nun ist aber nicht jede Fläche auf der im Mittelmeerraum Rinder oder Ziegen stehen ein Ideallebensraum für Landschildkröten. Da es die wildlebenden Großtiere heute nicht mehr in der Natur gibt ist es nicht mehr möglich die genaue Dichte und Artenzusammensetzung von Auerochse, Wildziege und Co. in den unterschiedlichen Klima, Boden und Höhenlagen des Mittelmeerraumes nachzuvollziehen. Auch deren Wanderbewegungen über das Jahr hinweg bleiben offen.

Abb.: Habitat einer intakten Population der Breitrandschildkröte auf der Peloponnes Halbinsel. Durch Ziegen- und Schafbeweidung ist der Hang nahezu frei von größeren Büschen und Bäumen. Ein weiter hinten liegender, nicht bewirtschafteter und daher dicht verbuschter Hangbereich brannte vor einigen Jahren flächig ab.

Abb.: Eine Ziegenherde am zuvor gezeigten Hang.

Abb.: Wenige Jahre alte Breitrandschildkröte am gezeigten Hangbereich.

Vielleicht ist es aber auch gar nicht nötig. Vielleicht zeigen uns gerade Gebiete mit gesunden Beständen an Landschildkröten mit einer guten Altersdurchmischung wie die Naturlandschaft richtig bewirtschaftet werden sollte. Bei zu geringer Beweidung schrumpft die Fläche der Schildkrötenhabitate. Bei zu starker Überweidung werden alle Versteckstrukturen vernichtet und es kommt sicher auch zu einer starken Nahrungskonkurrenz zwischen Weidevieh und Landschildkröten.
Gerade im Mittelmeerraum findet sich aber noch flächig eine kleinbäuerliche Landwirtschaft mit frei gehaltenen Weidetiere. Vom Stall weg finden sich dann unterschiedliche Gradienten an Weidedruck und die Schildkröten finden immer ihr ideales Habitat. Meist sind es in kargen, steinigen Lagen Ziegen und Schafe in den fruchtbaren Feuchtgebieten im Tiefland und den grasreichen Hochebenen Rinder oder auch Pferde, die gehalten werden. Daneben kommen noch zahlreiche weitere Arten wie Esel oder sogar Wasserbüffel zum Einsatz.
Auch menschlich anderweitig genutzte Flächen wie z.B. extensive Mähwiesen, Rodungsflächen im Wald oder Olivenhaine können gute Schildkrötenhabitate darstellen, ahmen sie doch oft die natürlichen Einflüsse großer Pflanzenfresser nach.
Offensichtlich aufgegebene Weideflächen stellen oft ebenfalls sehr gute Schildkrötenhabitate dar. Nahrung und Sonne findet sich in den ersten Jahren noch besonders viel. Die hohe Krautschicht bietet Schlüpflingen ein hervorragendes, feuchtes Mikroklima. Aber hierbei handelt es sich immer nur um einen Lebensraum auf Zeit.

Wird kommende Woche fortgesetzt!

Text und alle Bilder: Dominik Hauser. Alle Rechte beim Autor

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