Auf Schildkrötensafari mit Elke Wallrapp (Folge 86)

Unsere nächste Schildkrötensafari führt uns in den Luisenpark nach Mannheim. Hierbei handelt es sich um eine sehr sehenswerte und alte Parkanlage, die von Bad Homburg ungefähr eine Autostunde entfernt ist.
Der Luisenpark (nach Luise, der badischen Großherzogin und Tochter Kaiser Wilhelms I benannt) umfasst heute, nach mehrmaligen Erweiterungen und Umgestaltungen, 41 Hektar und zeichnet sich durch seinen großen Erlebniswert aus.

Unendlich viele Bäume, Büsche und Blumen säumen die vielen Spazierwege, Spiel- und Grillplätze.
Es gibt einen Gebirgsbach, einen Skulpturenweg, verschiedene Themengärten (wie z.B. Citrus- und Heilpflanzengarten), einen Weiher (genannt Kutzerweiher) mit seinen Gondolettas, einem Zoobereich (u. a. mit Mangusten, Pinguine, Eulen und weiteren Tieren) und ein Pflanzenschauhaus mit einigen Terrarien und Aquarien. Hier werden u. a. Fische, Anemonen, Leguane und Schlangen gehalten. Auch Schmetterlinge und Vögel sind hier zu finden.
Und wie erwartet, gibt es auch Schildkröten.
Wir konnten während unseres Besuches jedoch nur Spornschildkröten (Centrochelys sulcata) entdecken, die aufgrund der frühen Jahreszeit und den kühlen Temperaturen ebenfalls im Pflanzenschauhaus mit dem angrenzenden Terrarium gezeigt wurden.

Vor dem Gebäude befindet sich das Außengehege der Spornschildkröten, das mit einer Erklärungstafel gekennzeichnet ist. Eine geschnitzte, vom Wetter gezeichnete Holzschildkröte (wahrscheinlich auch eine Spornschildkröte darstellend), befindet sich im Gehege und ersetzt, die sonst dort lebenden „echten“ Schildkröten.

Und genau hier konnten wir noch zwei weitere Schildkrötendarstellungen bewundern.
Eine große stilisierte Steinschildkröte säumt eine Weggabelung…

und ein Stückchen weiter, befindet sich eine einzigartige Ruhebank aus rosafarbenem Sandstein, deren Rückenlehne mit einer großen Landschildkröte verziert ist.
Diese Schildkröte erinnert uns sofort an ein bekanntes Emblem, nämlich das der Firma „Schildkröt“ – und genau so ist es, wie uns eine Schautafel belehrt.
Die Bank ist insgesamt 2,4 Tonnen schwer und wurde mit einem Fries der alten Fassade des Verwaltungsgebäudes des Neckarauer Schildkrötwerkes (Rheinische Gummi- und Zelluloid Fabrik in Mannheim-Neckarau) gefertigt. Es wurde von der Mannheimer Steinmetzwerkstatt Safferling restauriert und als Rückwand in die Bank integriert.

Im April 1873 wurde die „Rheinische Hartgummi-Waaren-Fabrik“ gegründet. Zu Beginn wurden vorwiegend Kämme und Schmuck aus afrikanischen Gummiharzen hergestellt.
1880 begann man dort mit der Zelluloidproduktion (thermoplastischer Kunststoff, der sich leicht schmelzen und formen lässt). Ab diesem Zeitpunkt konnten hochwertige Naturprodukte, wie zum Beispiel Elfenbein, Perlmutt und Schildpatt imitiert und industriell hergestellt werden.
Nach einem Großbrand wurde die Fabrik 1885 wieder aufgebaut. Sie nannte sich nun „Rheinische Gummi- und Zelluloid Fabrik“ und erlangte durch die Herstellung von Puppen Weltruhm.1899 wurde das Markenlogo, „die Schildkröte in einer Raute“, als gesetzliches Warenzeichen geschützt.
Nach dem ersten Weltkrieg entwickelte sich die erste Konkurrenz.
Leicht angeschlagen, übersteht die Firma den 2. Weltkrieg und den Verkauf des Familienunternehmens an Fremdfirmen. In den 60er Jahren kommt ein erneuter Aufschwung, der Firmenname wird 1965 in „Schildkröt AG“ geändert.
Doch die Konkurrenz nimmt immer mehr zu, das Management trifft Fehlentscheidungen, Teile des Werkes werden stillgelegt und die Puppenproduktion wird nach Frankreich verlagert.
1987 wird die Produktion in Neckarau endgültig eingestellt.
Eine bedeutende Firma, eine große Ära und ein wichtiger Arbeitgeber in dieser Region findet so ein Ende.

Unsere Schildkröte aus Stein, das Markenzeichen der Fabrik in Neckarau, überlebt jedoch den Abbruch der Firmengebäude in den 90er Jahren.

Heute werden auch noch einige „Schildkröt“ Puppen hergestellt, die Produktionsstätte befindet sich in Rauenstein/Thüringen.

Mit großer Wahrscheinlichkeit haben viele von uns ein Gegenstand mit dem berühmten „Schildkröt-Emblem“ besessen – denn auch auf Tischtennisbällen konnten wir die Schildkröte finden.
Auch meine erste Puppe mit dem Markennamen „Schlummerle“ war eine „Schildkröt-Puppe“.
Sie ist heute noch in meinem Besitz und wenn ich so nachdenke, war das überhaupt die erste Schildkröte, die ich besaß.

Das Symbol, die Schildkröte, wurde als Markenzeichen ausgewählt, da sie für die Dauerhaftigkeit und die Unverwüstlichkeit der Produkte stehen sollte. Das Zelluloid galt als bruchfest, farbecht und natürlich abwaschbar.
Auch ähnelten die Zelluloid Erzeugnisse in ihrer Tönung und Musterung einem Schildkrötenpanzer.

In Mannheim erinnern noch heute eine „Schildkröt- und Celluloidstraße“ an einen der größten Arbeitgeber der Region.

Zur Information:
Unser Besuch im Luisenpark fand im Frühjahr 2019 statt. Durch die Corona Einschränkungen seit letztem Jahr ist der Park nur bedingt zugänglich.

 

Text und alle Bilder: Elke Wallrapp. Alle Rechte bei der Autorin

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