Auf Schildkrötensafari mit Elke Wallrapp (Folge 85)

In diesem Jahr starten wir mit unserer ersten Safari ungefähr in der Mitte Deutschlands.
Keine 80 km von Bad Homburg, meiner Heimatstadt entfernt, liegt die Universitätsstadt Marburg mit ihrer sehenswerten Altstadt.
Für uns ist Marburg ein schönes Tagesausflugsziel, so dass wir diese Stadt schon öfters besucht haben.
Natürlich auch, weil es dort Schildkröten zu sehen gibt.
Diese wurden nicht von mir entdeckt, sondern von Bekannten meiner Eltern. Vor fast 20 Jahren gaben sie mir zwei Fotos mit einem Denkmal von Ivan Theimer (*1944).
Und wenn wir uns an die bisherigen Denkmäler und Monumente von Theimer erinnern, dann werden immer Schildkröten dargestellt. So auch hier in Marburg.

Und trotzdem ist dieses Denkmal anders – es ist kleiner, unauffälliger, rätselhaft und umstritten – viele Gerüchte ranken sich um das Denkmal der „Sophie von Brabant und ihr Sohn Heinrich I“ auf dem Marktplatz von Marburg.
Gestiftet wurde es von der Marburger Stadtsparkasse anlässlich ihres 150-jährigen Gründungsjubiläums (1838), es sollte repräsentativ sein und lokalgeschichtliche Ereignisse widerspiegeln.
Angeblich wurde dem Künstler kein schriftlicher Auftrag erteilt und auch keine detaillierten Vorgaben zur Gestaltung gemacht, so dass das Denkmal mit den für Theimer typischen Symbolen und Tieren (Muscheln, Eidechsen, Schildkröten, Affen) verziert ist. Aufgestellt wurde das Denkmal im Dezember 1989.

Die Statue von „Sophie von Brabant“ (1224-1275) befindet sich links vom Rathaus, ganz am Rande des Marktplatzes und steht auf einem achteckigen Fundament aus rotem Sandstein (ca. 75 cm hoch) und einem verzierten Bronzesockel (ca. 55 cm hoch).
Sophie hält mit angewinkelten Armen ihren Sohn Heinrich (1244-1308) vor ihrem Körper. Sie war die Tochter der heiligen Elisabeth und ihr Sohn Heinrich wurde der erste Landgraf von Hessen.
Sie ist barfuß und trägt ein eher schlichtes Gewand, Heinrich wird dagegen nackt dargestellt. Es scheint so, als präsentiert sie hier ihren Sohn den Bürgern Marburgs als deren nächsten Herrscher.

Zu den Füßen Sophies sitzt ein dämonenhaft aussehender Affe mit langem Schwanz auf einem Schildkrötenpanzer. Sein Maul ist offen, so dass seine spitzen Zähne zu erkennen sind. Sein Kopffell ist straff nach hinten gekämmt. Der Affe umklammert mit seinen schmalen langen Fingerchen eine Tafel, die die Stadt Marburg des 16. Jahrhunderts zeigt. Auch diese ist beidseitig mit einem Affen, der auf einer Schildkröte sitzt, verziert.

 

Der darunter liegende Bronzesockel besitzt an seinen acht Seiten kleine Nischen mit unterschiedlichen Bildern. Sie zeigen neben den typischen Symbolen und Tierdarstellungen von Theimer auch menschliche Figuren, Reliefs und Stadtansichten.
Insgesamt werden hier vier größere Schildkröten dargestellt. Zwei Schildkröten tragen ein Siegel oder eine Medaille auf ihrem Panzer, eine Schildkröte wird von einem Mann in den Händen gehalten und eine weitere steht neben einem Fuß auf dem Nischenboden.


Kleinere Schildkrötendarstellungen sind immer wieder als Verzierung am gesamten Bronzesockel zu finden.
Mehrfach können wir auch Sophie und Heinrich in unterschiedlichen Darstellungen in den Nischen entdecken.

Immer wieder wurde versucht die umfangreiche, fast verwirrende Ausschmückung des Denkmals zu deuten. Es gibt viele Erklärungsversuche – keine wurde bestätigt und auch der Künstler schweigt dazu. Bei der Gestaltung überwiegt wahrscheinlich Theimers Phantasie.

Leider nagt auch an diesem Denkmal „der Zahn der Zeit“ oder gar der Vandalismus. Bei meinem letztjährigen Besuch musste ich feststellen, dass einige Details der Bronzefiguren fehlen, wie zum Beispiel der Schwanz des Affen. Und auch die Medaillen auf den Schildkröten wurden teilweiße herausgebrochen. Der dämonisch aussehende Affe hat eine rote Farbe angenommen, warum, ob aus Wut oder anderen Gründen, werden wir nie erfahren!

Und noch etwas ist zu bemerken – ist der dämonische Affe nur ein falsche Interpretation von Theimer, ein Zufallsprodukt? Hätte er ein Löwe (das Wappentier Hessens) sein sollen?
Denn bei der Fassadenbetrachtung des nahe gelegenen Rathauses fiel mir ein Relief ins Auge. Auf diesem wird neben der heiligen Elisabeth ein Löwe dargestellt. Mich erinnert dieser aber eher an einen Affen, nämlich an den von Ivan Theimer. Auch dieser hier dargestellte Löwe hat affenähnliche Züge, große Ohren, ein offenes Maul und eine nach hinten gekämmte Mähne. Aber das darf jeder selbst entscheiden.

Text und alle Bilder: Elke Wallrapp. Alle Rechte bei der Autorin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wenn Sie einen Kommentar hinterlassen, speichert das System automatisch folgende Daten: Ihren Namen oder Ihr Pseudonym (Pflichtangabe / wird veröffentlicht)

1. Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtangabe / wird nicht veröffentlicht)
2. Ihre IP (Die IP wird nach 60 Tagen automatisch gelöscht)
3. Datum und Uhrzeit des abgegebenen Kommentars
4. Eine Website (freiwillige Angabe)
5. Ihren Kommentartext und dort enthaltene personenbezogene Daten

Achtung: Mit Absenden des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und die IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden. Weitere Informationen zu Akismet und Widerrufsmöglichkeiten.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.