Gutes Öl – Böses Öl

Von Gunda Meyer de Rojas

„Schildkröten sind in der Natur so sauber und glänzend, weil sie unter ölhaltigen Pflanzen hindurchkriechen und so ihren Panzer auf natürliche Weise pflegen.“ Diese absurde Theorie wurde über Jahre in Schildkrötenkreisen verbreitet und hält sich bis heute.
Bedauerlich, dass die vielen Landschildkröten vom mittleren und östlichen Balkan niemals in den Genuss einer solchen kosmetischen Behandlung kommen. Denn dort wachsen naturgemäß weder Rosmarin noch Lavendel noch Oregano. Lediglich dürre Salbeistängel und kriechenden Thymian findet man dort.

Dem Mythos liegt die Vorstellung zugrunde, das ätherische Öl trete aus den Blättern der Pflanze aus und lege sich als Film über den Panzer. Ob das wirklich funktioniert, kann jeder ausprobieren. Streift man mit der Hand oder einem Stück Küchenpapier über die Blätter von Rosmarin, Thymian oder Lavendel, bleibt keine Spur einer öligen Substanz zurück. Auch durch mechanischen Druck lässt sich kein Öl aus den Pflanzen herauspressen.
Zur Herstellung von Lavendel-, Rosmarin- oder Thymianöl wendet man das Verfahren der Wasserdampfdestillation an, um die ätherischen Öle zu separieren. Eine andere Methode ist die Mazeration. Dabei werden die Pflanzenteile für mehrere Wochen in ein neutrales Trägeröl eingelegt, auf das die Duft- und Wirkstoffe übertragen werden. Eine Schildkröte beherrscht diese Verfahren leider nicht.

Wenn es also nicht am Öl liegt – Warum sehen Schildkröten in der Natur dann so sauber und matt glänzend aus? Der Grund: Sie übernachten in im Wurzelbereich von Pflanzen, wo es feucht und kühl ist. Die Morgensonne erwärmt die Luft. Die warme Luft trifft auf den ausgekühlten Panzer und kondensiert. Es bilden sich feine Tautröpfchen auf ihm. Beim anschließenden Ausflug durch Gras und Buschwerk (das allerdings selten ölhaltig ist) wird der feuchte Panzer blank gebürstet.

Kein Öl sondern Kondenzwasser. Testudo graeca ibera in einem Habitat an der bulgarischen Schwarzmeerküste

In ungeheizten Gewächshäusern, die sich in den Morgenstunden durch den Thermoeffekt rasch erwärmen, kann man dieses Phänomen gut beobachten.

Mediterrane Duftsträucher sind ausgezeichnete Gehegepflanzen. Nur darf man nicht erwarten, dass die Tiere sie zur aktiven Panzerpflege nutzen und wohlriechend und goldglänzend darunter zum Vorschein kommen. Als Schattenspender sind diese Pflanzen beliebt. Sie verleihen dem Gehege ein mediterranes Flair und sie sind ein Magnet für Hummeln und Schmetterlinge. Für den Innenbereich im Gewächshaus oder Frühbeet eignen sich besonders Kriechender Rosmarin, Lavendel und Oregano. Diese Arten sind extrem robust und vertragen Trockenheit.
Durch kühle Verstecke und Unterschlupfmöglichkeiten lassen sich natürliche Bedingungen im Gehege nachbilden.

Testudo hermanni boettgeri verlässt morgens ihr Schlafquartier. Kondenswasser bringt den noch kalten Panzer zum Glänzen

Im Frühbeet oder Gewächshaus kann man die Schlafquartiere mit Moos und Laub füllen oder die Schildkröten übernachten direkt im Wurzelbereich von Pflanzen. Für kleine Schildkröten eignen sich umgedrehte Firstziegel aus Ton – alternativ zu staubigen, beheizten Schlafhäusern, in denen viele Schildkröten die Nacht zwangsweise verbringen. Wenn die Schildkröte morgens ans Tageslicht kriecht und ihr Panzer vom Kondenswasser feucht glänzt, ist es ein Zeichen, dass die klimatischen Bedingungen des natürlichen Lebensraums erfüllt sind. Jetzt fehlen nur noch ein paar Grasbüschel und fertig ist die Morgentoilette.

Möglichkeiten zur Panzerpflege im Gehege: kühle Verstecke, Grasbüschel, niedrige Sträucher

Eine Schildkröte darf auch mal dreckig aussehen, allerdings sollte das nicht der Normalzustand sein. Wenn sie ständig staubbedeckt ist oder wie ein Erdklumpen aussieht, dann stimmt etwas mit dem Feuchtigkeitsmanagement und der Bepflanzung nicht.

Schildkrötenreinigungsanlage

Ein weiterer Mythos zum Thema Öl:

Kriechender Rosmarin im Frühbeet. Hier ist kein Schlafhaus notwendig.

Öl verstopft angeblich die Poren des Panzers. Es heißt, eine eingeölte Schildkröte müsse auf elende Weise ersticken oder zumindest erleide sie Wachstumsstörungen und Deformationen.
Wer eine glänzende Schildkröte in einem Netzwerk postet, wird umgehend zur Rede gestellt. Da viele Schildkrötenhalter diese Sünde schon einmal heimlich begangen haben, muss ich das Resultat eigentlich nicht beschreiben: Flecken und leichte Nekrosen verschwinden für 2-3 Tage, und die Zeichnung tritt kontrastreich hervor – ein ähnlicher Effekt wie beim Einölen eines Holzmöbelstücks.

Orientieren wir uns am natürlichen Lebensraum. Nein, kein griechischer Gott läuft mit einer Ölflasche durch die Habitate und poliert damit die Panzerträger. Allerdings hat auch kein Panzer Poren, die von Speiseöl verstopfen könnten. Mir ist keine einzige Wachstumsstörung oder Deformation bekannt, die durch Speiseöl hervorgerufen wurde. Öl ist schließlich kein Klarlack. Bei großflächigen Bemalungen mit Lackfarbe sind Schäden dagegen wahrscheinlich, besonders wenn die Wachstumsfugen übermalt werden.
Sollte man tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Deformationen und regelmäßigen Ölungen beobachten, dann handelt es sich eher um eine Korrelation als um eine Kausalität. Das bedeutet: Schildkröten, die regelmäßig geölt werden, unterliegen häufig gleichzeitig Haltungsempfehlungen des letzten Jahrhunderts.

Mediterrane Duftsträucher im Gehege als Bienen- und Augenweide

In den Ratgebern von vor 40 Jahren wurde Obst und Salat als Futter, Terrarienhaltung, keine Überwinterung von Schlüpflingen und eben auch das Ölen oder das Eincremen mit Vaseline als Pflegemaßnahme empfohlen.
Meine Meinung: Wer seine Schildkröte unbedingt mit einem fettglänzenden Panzer sehen möchte, darf sie ruhig einmal ölen. Sie wird dadurch weder ersticken noch Verformungen erleiden. Eine kurze Zeit wird sie glänzen und die Farbkontraste werden wunderbar herauskommen. Sehr bald klebt Staub an dem Ölfilm und der Panzer sieht schmutziger aus als vorher. Der Duft von Speiseöl könnte auch Ratten anlocken. Aus diesen beiden Gründen öle ich meine Schildkröten nicht.

Testudo hermanni boettgeri in Griechenland: sauber und glänzend

Text und alle Bilder: Gunda Meyer de Rojas. Alle Rechte bei der Autorin.
Oktober 2020

 

4 Kommentare


  1. Hallo Gunda,
    wer seine Schildkröten gern „erstrahlen“ lassen möchte, kann den wunderbaren Tieren auch mit einem feinen Strahl Wasser oder einem feuchten Lappen zu Leibe rücken. Und schwupps, wie wunderbar sehen die Tiere – zumindestens kurzfristig – aus.
    Herzliche Grüße
    Kirsten


  2. Hallo Gunda,

    an diesen netten „Mythos“ der mediterran eingeölten Schildkrötenpanzer durch Lavendel, Rosmarin pp. habe ich ohnehin niemals so richtig geglaubt. Umso besser, dass Du das mal plastisch und für alle logisch nachvollziehbar auf den Punkt gebracht hast.

    Die Schildkröten im Habitat müssten dann ja – theoretisch – alle wie glänzende Speckschwarten durch die Gegend wandeln. ;)

    LG Andreas


  3. Hallo Gunda,

    deine Beobachtungen, dass Schutzhütten für Schildkröten keine natürlichen Schlafplätze sind und die Tiere deshalb häufig stumpf und schmutzig wirken, hatte ich auch vor vielen Jahren gemacht. Abgesehen davon, dass sie zu trocken sind, fehlt den Schildkröten der Kontakt einer solchen Hütte mit ihrem Rückenpanzer, den sie brauchen um sich rundum geschützt zu fühlen. Mich wundert seit Langem, dass dieser wichtige Punkt in der Schildkrötenhaltung nicht mehr Erwähnung findet. Meine Graecas ließen meine beheizte – geräumige – Schutzhütte im Gewächshaus links liegen und zwängen sich für die Nacht lieber unter meine stacheligen Agaven und Kakteen. Je mehr Kraft sie aufwänden müssen, um sich drunter bohren zu können, umso lieber scheint es ihnen zu sein. Ist ja auch logisch, umso schwieriger ist es für Fressfeinde, sie aus dem Versteck herauszuziehen. Gleichzeitig wird dadurch natürlich auch regelmäßig der Panzer sauber gescheuert. Dasselbe gilt für meine Homopus und sogar meine Sumpfschildkröten. Letztere bohren sich Gänge in die brettharten Seerosenrhizome, aus denen man sie auch mit viel Kraftaufwand kaum herausgezogen bekommt.

    Für meine Landschildkrötenschlüpflinge hatte ich deshalb Höhlchen entwickelt, die ihnen diesen begehrten Rückenkontakt und gleichzeitig Feuchtigkeit und Kühle für die Nacht gewähren. Wer sich dafür interessiert, kann das hier nachlesen: http://www.graeca-home.de/Krueger%202008%20d%20.pdf

    Wenn sie aus so etwas am Morgen ins sonnenwarme Gewächshaus hervorkriechen, dann sind sie – wie du es auch beschreibst – in Nullkommanix durch die Kondensierung der Luftfeuchtigkeit klitschnass.

    Grüßle, Editha K.


  4. Ein öliges Thema – und so unterhaltsam geschrieben!

    An einen Zusammenhang zwischen dem Kondenswasser und den sauberen Panzern der wilden Schildkröten habe ich nie gedacht. Ich war auch eher jemand, der an die Wirkung der ölhaltigen Pflanzen geglaubt hat.

    Danke Gunda für die „Aufklärung“.

    Gruß
    Hannelore

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