Euböa im Sommer 2017: Viele Steine, wenige Schildkröten (Teil 02)

Der Text erschien zuerst in der Zeitschrift Schildkröten im Fokus Ausgabe 03/2018

Teil 1 lesen Sie hier

Und wie immer bei solchen Urlauben hat das erste Tier das Pech, ausgiebig und intensiv fotografiert zu werden. Ich folge der Schildkröte auf Schritt und Tritt, anfangs lässt sie es geduldig geschehen, dann aber löst es doch eine gewisse Unruhe aus, sie verkriecht sich unter dornigem Gestrüpp. Eine östliche Eidechsennatter kreuzt meinen Weg. Weiter oben, im felsigen Bereich, haben sich Gumpen gebildet, in denen sich tatsächlich noch Wasser befindet. Es wimmelt von Kaulquappen in ihnen.


Zwischen Stacien und Disteln finde ich am nächsten Tag auf der anderen Straßenseite direkt vor der Haustür ein Marginata-Weibchen, das ich eine Zeitlang beobachte, bei ihrem Weg über die Straße fotografiere und zuschaue, wie sie zwischen Steinen und vertrockneten Gräsern verschwindet. Ihr Panzer verschmilzt förmlich mit der Landschaft, wüsste ich nicht, wo sie sich befindet, sie wäre kaum mehr zu entdecken.

Einmal mehr denke ich über die Lebensbedingungen der Tiere in unseren Gehegen nach. Es sind die vielen aufgeräumten Freifächen, die so mancher Gehegebauer bevorzugt, damit er die Tiere immer schön sehen kann, die so gar nichts mit den natürlichen Lebensräumen zu tun haben. Es ist das satte Grün unserer Gehege bis weit in den Sommer hinein und es sind die riesigen Nahrungsmengen, die wir unseren Tieren selbst im Juli und August zur Verfügung stellen können und es auch tun, die immer wieder Fragen aufwerfen. Anderseits sind die Hänge südwestlich von Karystos nur ein Habitat von vielen – in Dalmatien oder in den Bergen der Gallura auf Sardinien sieht es ganz anders aus. Selbst im Inselinneren, das wir auch erkunden, zeigt sich die Landschaft mit einem ganz anderen Gesicht. DAS Habitat gibt es eben nicht.
Schildkrötensuche im Hochsommer ist nicht unbedingt jedermanns Sache. So stelle ich zum Beispiel auf der Rückfahrt von einem Besuch in der Inselhaupstadt Chaldika einmal mehr die verhängnisvolle Frage: „Können wir da nicht mal rechts ranfahren? Ist doch gut möglich, dass es hier Schildkröten gibt.“
Die Frage stößt immer auf wenig Begeisterung, vor allem nicht, wenn die Sonne im Zenit steht, die Temperaturen auf über 36° C angestiegen sind und nirgendwo ein schattiges Plätzchen in Sicht ist. Egal. Das Auto parken wir auf einer Schotterstraße, nach etwa einer halben Stunde entdecke ich eine Wiese mit alten Olivenbäumen, eine von Menschenhand deutlich veränderte Landschaft und hier finde ich Griechische Landschildkröten.

Eines der Männchen zeigt eine leichte Höckerbildung – einmal mehr erweist sich der Satz, dass Höckerbildung ausschließlich bei Tieren in menschlicher Obhut vorkommt, als Irrtum. Natürlich weiß ich nichts von der Vorgeschichte des Tieres, aber ich finde es höchst spekulativ, die Vermutung zu äußern, dass dieses Tier auch in Menschenhand gehalten wurde, sich Höcker gebildet haben und das Tier dann wieder ausgewildert wurde. Ebenso wie ich es spekulativ finde, die veränderte Landschaft dafür verantwortlich zu mache – wäre dem so, wären vermutlich weitaus mehr Tiere mit nicht glatt gewachsenem Panzer dort zu finden. Eine Weile beobachte ich das Tier , dann wird es Zeit, zum Auto zurückzukehren. Man darf die Geduld der Mitreisenden nicht überstrapazieren…


Wie immer erweist es sich als hilfreich, Einheimische zu fragen, wo man Schildkröten finden kann. Auf Euböa lernen wir die Französin Simone kennen, die seit über 30 Jahren auf der Insel lebt, als Wanderführerin unterwegs ist und die Gegend rings um Karystos wie ihre Westentasche kennt. Simone kann uns wertvolle Tipps geben, zum Beispiel die Hänge oberhalb der kleine Ortschaft Mili, links und rechts vom Wanderweg hinauf zu den Kylindri, alten Säulen aus römischer Zeit, die aus dem Hang geschlagen und nie abtransportiert wurden, ließen sich viele Schildkröten entdecken. Das bestätigen auch Touren-Schilderungen vieler Wanderer im Internet. Gerade die Outdoor-, Wander-, Hiker- und Trekkingblogs liefern mittlerweile nicht nur hervorragende Wandertipps mit ausführlichen Wegbeschreibungen und vielen Bildern. Viele Blogger verraten auch, was sie links und rechts des Weges zu sehen bekamen – zum Beispiel wildlebende Tiere wie Schildkröten. Längst habe ich es mir angewöhnt, vor meinen Reisen solche Seiten zu durchforsten, es hilft bei der Suche nach Schildkröten ungemein, wenn man weiß, dass man zumindest theoretisch dort auch welche finden kann.
Leider bleibt uns auf dieser Wanderung das Glück versagt, früh brechen wir auf, noch vor neun Uhr beginnen wir mit dem Aufstieg hinauf zu dem alten Steinbruch. Das Landschaftsbild ist optimal. So sehen Habitate aus. Die Sonne taucht erste Teile des Hangs in ihr Licht, eigentlich, so müsse man annehmen, kommen jetzt die Tiere aus ihrem Versteck, um sich aufzuwärmen. Das tun sie aber nicht. Einzig eine riesige Herde Ziegen bevölkert den Hang, einzig bewacht von einem wild kläffendem und bedrohlich wirkendem Hund, der uns unmissverständlich klar macht, dass wir in der Nähe der Ziegen nichts zu suchen haben. Unverrichteter Dinge kehren wir, nachdem wir die Säulen erreicht haben, um. Nicht eine Schildkröte ließ sich sehen. Da helfen dann nur als Trost eine eiskalte, hausgemachte Limonade und ein Mokka in einem der Restaurants am Hafen.
Simone aber hatte noch weitere Tipps. Auf der besagten Halbinsel, auf der Westseite finde ich in aller Herrgottsfrühe mehrere große Breitrandschildkröten. Wunderbare Exemplare, die genau das machen, was man von einer Schildkröte erwartet. Sie haben sich in der Nähe ihrer Versteckplätze in die Morgensonne gesetzt und tanken Wärme. Eines der Tiere ist ungewöhnlich hell gefärbt, so dass man es auf die Ferne kaum vom natürlichen Untergrund unterscheiden kann. Wieder einmal wäre ich fast blind an der Schildkröte vorbei gegangen. Zu oft hat sich in diesem Urlaub der Satz bewahrheitet:

Alles, was von Ferne aussieht wie ein Stein ist auch ein Stein. Alles, was von Ferne aussieht,
wie eine Schildkröte, ist trotzdem ein Stein …na ja, fast alles. Manchmal ist es auch eine knorrige Wurzel.

Und Steine und Wurzeln finde ich reichlich, Schildkröten allerdings weniger.


So aber halte ich inne, nehme Platz auf einem Stein in ihrer Nähe und schaue der Schildkröte beim Sonnen zu. Das nenne ich Urlaub. Morgens den Schildkröten beim Nichtstun zuschauen und nachmittags an einer der vielen Buchten der Ägäis oder am Strand von Karystos  dasselbe tun.
Nach 14 Tagen geht es mit einer Plastiktüte voller Sepiaschulp für die eigenen Tiere daheim, einem Speicherchip mit knapp 1.000 Fotos, vielen Erinnerungen, einer auskurierten Außenohrentzündung („Swimmers Ear“) wieder auf den Heimweg. Vier Kapitel für das Buch Manchmal sind es Goldstücke, in denen ich ausführlich von meinen Begegnungen mit Schildkröten auf Euböa erzähle, habe ich ebenfalls im Gepäck, dazu die Idee für einen Vortrag und einen Artikel in der Schildkröten im Fokus, den, den ich hier wiederhole.

 

Text und alle Bilder: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor.

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