Auf Schildkrötensafari mit Elke Wallrapp (Folge 82)

Und auch in diesem Monat sind wir in München unterwegs. Wir widmen uns den Fassadenverzierungen und schauen uns gleich drei Schildkrötendarstellungen, wahrscheinlich Sumpfschildkröten, an.
Die Schildkröten sind nicht nur in ihrem Aussehen, sondern auch in ihren künstlerischen Gestaltungen komplett verschieden. Bei diesen drei Arbeiten können wir erkennen, wie unterschiedlich der Blick eines Künstlers auf ein Thema sein kann.

Unsere erste Schildkrötendarstellung befindet sich im Münchner Stadtteil Lehel. Hier führt die Widenmayerstraße an der Isar entlang, wodurch ihre Bebauung nur einseitig ist.
Für uns ist das Mietshaus mit der Nummer 25/25a interessant.
Durch seine rötliche Fassade mit den zwei symmetrischen Giebeln, den vielen Fenstern und den ungleich gestalteten Balkonen fällt das Haus sofort auf. Aber noch etwas sticht ins Auge – sechs helle Bilder verzieren die Fassade.
Sie befinden sich jeweils zwischen 2 Fenstern und zwei hellen Säulen, die ebenfalls die rötliche Fassade schmücken.
Mich erinnern die Bilder an Stuck, sie sind plastisch gestaltet und zeigen Motive aus dem Tier- und Pflanzenbereich.
Zweimal können wir einen Pfau mit seiner aufgestellten Federkrone und zweimal kleinere Vögel mit Blüten- oder Obstkörben sehen. Ganz außen existieren zwei weitere wunderbare Bilder – rechts ein Fisch und links eine Schildkröte. Auch sie werden mit einem Blumen- oder Fruchtbehälter dargestellt, der sich auf dem Rücken bzw. Panzer befindet.
Jede dieser Darstellungen ist sehr fein und detailliert gearbeitet und wirklich sehr schön zum Betrachten.
Das Haus wurde 1911 von „Emanuel von Seidl“ (Architekt und Ingenieur der deutschen Kaiserzeit, 1856-1919) im klassizistischen Jugendstil erbaut und bis heute mehrfach restauriert.

Nur circa eine halbe Stunde Fussweg entfernt, befindet sich unsere nächste Schildkröte – ein Zufallsfund beim spazieren gehen.
So ganz plötzlich, ohne auch nur an Schildkröten zu denken, entdeckte ich sie aus dem Augenwinkel heraus.
Sie verziert einen Steinpfeiler, neben einer Einfahrt, der Teil einer Umzäunung ist.
Ein blaues Schild „Leopoldstr.12“ mit einem Pfeil um die Ecke befindet sich links neben der plastisch gearbeiteten Schildkröte und lenkt etwas von ihr ab.
Sie ist sehr einfach gestaltet, leicht verwittert und an einigen Stellen bereits beschädigt. So auch am Schwanz – dennoch ist sie gut zu erkennen.
Viele andere Lebewesen, wie zum Beispiel Vögel, Eidechsen, eine Schlange, ein Ammonit und eine Muschel dekorieren die anderen Steinpfeiler des Zauns.
Auf dem dahinter liegenden parkähnlichen Grundstück befindet sich ein großes Gebäude, dem ehemaligen „Palais Leopold“, einst Unternehmenssitz der „schweizerischen Lebensversicherungs- und Rentenanstalt“.
Das Gebäude wurde wahrscheinlich um 1909 von dem Architekten „Friedrich von Thiersch“ (1852-1921) im neuklassizistischen Stil erbaut.

Unsere dritte und letzte Schildkrötendarstellung befindet sich ganz in der Nähe der U-Bahn Haltestelle „Schwanthalerhöhe“ im gleichnamigen Stadtteil im Westen von München.
Von der Ganghoferstraße aus, denn hier verlassen wir die U-Bahn Station, fällt unser Blick automatisch auf einen großen gelben Häuserblock.
Und genau dort wollen wir hin.
Dieser Wohnblock ist als gelber „Moll Block“ bekannt und wurde 1927/1928 mit insgesamt 118 Wohnungen und 5 Läden erbaut.
Er umfasst die Ganghoferstraße 46, die Anglerstraße 19a/21/23 und 25, die Geroltstraße 31 und die Sandtnerstraße 1/1a/3 und 5 und schließt einen begrünten Innenhof ein.
Für uns sind die Eingangstüren der einzelnen Häuser interessant, denn die Türumrahmungen aus einem hellen Stein sind mit plastischen Tierskulpturen verziert.
Und natürlich entdecken wir auch hier eine Schildkröte.

Insgesamt gibt es an diesem Häuserblock zehn verzierte Eingänge.
Das Hauptportal in der Ganghoferstraße ist besonders ausgeschmückt, hier finden wir neben detaillierten Tierdarstellungen nähere Informationen über diesen Wohnblock. In der Geroltstraße befindet sich ein weiterer dekorierter Hauseingang.

In den beiden anderen Straßen existieren jeweils vier Eingänge.
Jeder dieser Eingänge ist mit vier plastischen Tierdarstellungen in den Ecken der Türumrahmung verziert. Die dargestellten Tiere wiederholen sich an jeder zweiten Tür.
Und genau hier befinden sich unsere Schildkröten, insgesamt sind es vier Stück.
Keine gleicht jedoch der anderen.
Wahrscheinlich waren hier unterschiedliche Steinmetze am Werk oder auch die Verwitterung spielt eine größere Rolle. Bei genauerem Hinsehen könnten sogar verschiedene Arten dargestellt sein.
Des weiteren können wir Eichhörnchen, Hasen, Wiesel oder Marder, verschiedene Vögel und Schnecken entdecken.

Der Wohnblock wurde von „Leonhard Moll“ (1870-1945) in Auftrag gegeben. Der ausführende Architekt war „Theodor Fischer“ (1862-1938).

Text und alle Bilder: Elke Wallrapp. Alle Rechte bei der Autorin

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