Eine „Waschanlage“ für Landschildkröten?

Die Diskussion ist nicht neu, die immer dann entbrennt, wenn eine aus einem Besen selbstgebaute „Waschanlage“ für Landschildkröten in einer Facebookgruppe vorgestellt wird. Und wie beim Thema der „Draußen-Übernachtung“ scheiden sich schnell die Geister. Die einen finden es genial, großartig, wollen es am liebsten gleich nachbauen. Die anderen halten das für überflüssig und unsinnig. Nun geht es bei der Draußen-Überwinterung unter Umständen um Leib und Leben der Tiere, bei einer „“Waschanlage“ hingegen setzt ein Halter seine Tiere keiner Gefahr aus. Trotzdem ein strittiges Thema, denn sofort werden in den Kommentaren die ehernen Grundsätze der Schildkrötenhaltung angeführt: „Artgerecht“ und „naturnah“ sind die beiden Stichwörter, die bemüht werden. Jedes Mal wieder übrigens, wenn diese selbstgebauten Bürstenbrücken werden mit schöner Regelmäßigkeit im Netz präsentiert.

So hat am 30. August 2020 der Tierarzt Xaver Wapelhorst, der auch die höchst informative Internetseite www.zierschildkroete.de betreibt, auf seinem gleichnamigen Youtube-Channel ein Video hochgeladen, das den Titel „Waschanlage“ für Landschildkröten aus Besen selbst bauen trägt. „Aus Besen und Eisenwinkeln kann man für seine Landschildkröten eine Waschanlage bauen, dort können sie sich ihren Panzer schubbern, wie sie es sonst in der Natur unter Büschen machen würden“, so lautet seine Beschreibung dessen, was er in dem Video präsentiert (zum Anschauen bitte ggf. auf Vollbildmodus wechseln – Doppelklick auf das Video):

(Hinweis: Link führt direkt zu Youtube)
Und wie nicht anders zu erwarten, waren die Reaktionen wieder sehr gespalten:  Totale Begeisterung auf der einen Seite, Rundum-Ablehnung auf der anderen. „Artgerecht ist das nicht“, ist meistens die erste Kritik, die beim Verbreiten solcher Videos und Bauanleitungen folgt. Für mich ein Grund, meine etwas weiter reichenden Gedanken zu diesem Thema an dieser Stelle zu veröffentlichen.
Ganz zutreffend allerdings ist das nicht, dass solche „Schubbermöglichkeiten“ nicht artgerecht sind.  Denn es entspricht tatsächlich den Bedürfnissen von Landschildkröten, unter „Bürsten und Borsten“ hindurchzukriechen und so den Panzer zu reinigen. Vieles, was wir im Gehege bauen (müssen) ist da weit weniger artgerecht. Das fängt schon bei der Einzäunung an, die mitnichten den Bedürfnissen der Schildkröten entspricht, aber nun mal zwingend notwendig ist, wenn wir verhindern wollen, dass die Tiere „abhauen“, unter Rasenmäher oder Autoreifen gelangen oder Opfer von Fressfeinden werden. Aber das nur am Rande.

Eine solche Waschanlage ist meiner Meinung nach durchaus zwar in gewisser Weise artgerecht, aber eben nicht naturnah. Dass Tiere gern unter Bürsten und Borsten hindurchkriechen ist unumstritten. Naturnaher allerdings wäre es, an Stelle einer „Waschanlage“ entsprechend geeignete Pflanzen ins Gehege zu setzen.

Dann kriechen sie nämlich nicht unter „Bürsten und Borsten“ umher sondern unter Ästen, Blättern, Nadeln, Strauchwerk. Ein paar Sträucher im Gehege erfüllen meiner Erfahrung nach ganz genau den gleichen Zweck: Hier bieten sich unter anderem Lavendel, Rosmarin, kleine Kiefern, Fingerstrauch, Zwergwacholder und viele andere Pflanzen an. Und gegenüber Besen und Bürsten haben echte Pflanzen eine Menge an Vorteilen, die man vielleicht nicht außer Acht lassen sollte.

  1. Büsche und Sträucher schauen einfach besser aus. Darüber lässt sich natürlich streiten. Es gibt sicher Leute, die es herzallerliebst finden, wenn Schildkröten sich unter Bürsten „schubbern“ und sie ihre Tiere dabei beobachten können. Das ist verständlich. Bei Strauchwerk geht das natürlich nicht so ohne weiteres. Damit erfüllen „Waschstraßen“ allerdings eher ein Bedürfnis der Halter als eines der Tiere.
  2. Büsche und Sträucher wachsen natürlich. Da sind weder Fertigung noch die Verwendung von Kunststoffen (Borsten) notwendig.
  3. Büsche und Sträucher liefern über den Reinigungseffekt hinaus den Tieren ihre benötigten Versteckplätze.
  4. Büsche und Sträucher strukturieren ein Gehege und liefern den Tieren Rückzugsorte im Schatten und Halbschatten. Naturnaher geht es kaum.

Darüber hinaus hat eine Gehegebepflanzung an Stelle einer „Waschanlage“ auch einige ökologische Vorteile:

  1. Büsche und Sträucher liefern, wenn sie blühen, wertvolle Nahrung für die heimischen Insekten
  2. Büsche und Sträucher binden bei ihrem Wachstum Kohlendioxid und liefern Sauerstoff
  3. Büsche und Sträucher liefern im Mikroklima des Geheges einen Beitrag für die Luftfeuchtigkeit

Von daher kann meine Gehegegestaltung komplett ohne „Waschstraßen“ für Landschildkröten auskommen. Auch wenn ich ihnen nicht beim „Schubbern“ zusehen kann sondern manchmal nur anhand der Bewegung von Ästen und Blüten erahnen kann, dass unter dem Lavendel gerade eine Schildkröte hindurchkriecht. und ich sie erst sehe, wenn sie aus ihrem Versteck schon wieder herauskommt.

Aber letztlich muss natürlich jeder selbst wissen, wie er sein Gehege gestaltet.

 

Text: Lutz Prauser, Fotos: Lutz Prauser, Bettina Thomas

1 Kommentar


  1. Ein Schmunzelvideo!

    Mir hat besonders gefallen, dass die Schildkröte dem Waschanlagenbauer gegen Ende des Videos zeigt, wie sie sich unter bzw. an Pflanzen den Panzer putzt.

    Hannelore

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