Quarantäne für neue Pflanzen?

„Die müssen erst noch für vier Wochen in Quarantäne!“ Empfehlungen dieser Art liest man oft in den sozialen Medien, wenn die Frage auftaucht, ob man diese oder jene Pflanze, die man im Gartencenter oder Baumarkt gesehen hat, ins Schildkrötengehege pflanzen darf.
Begründet wird dies lapidar mit dem Hinweis, die seien möglicherweise gedüngt. Doch das greift viel zu kurz.
Ich möchte diese wiederkehrenden Diskussionen und Ratschläge zum Anlass nehmen, ein paar allgemeine Anmerkungen zu veröffentlichen und auch meine persönliche Erfahrung und Meinung zu dieser Frage zu veröffentlichen.

Was ist Quarantäne?

Vier oder sechs Wochen in Quarantäne – was meint das eigentlich?
Quarantäne ist hier nicht ganz das richtige Wort, denn es geht ja nicht darum, die Pflanzen von anderen zu isolieren, um möglicherweise die Übertragung von Krankheiten oder Parasiten zu verhindern, sondern nur darum, diese Pflanzen nicht sofort nach dem Kauf ins Gehege zu setzen. Stattdessen, so die allgemeine Empfehlung, sollen diese Pflanzen für vier Wochen (niemand kann erklären, wieso gerade dieser Zeitraum angegeben wird) irgendwo im Garten zu deponieren, dann seien die Pflanzen frei von schädlichen Stoffen.

Das funktioniert natürlich nur, wenn die Pflanze regelmäßig „geduscht“ wird, sei es, dass sie auch im Regen steht, sei es, dass man sie mit dem Gartenschlauch abspritzt, um die Schadstoffe nicht nur herunterzuwaschen, sondern auch die Erde im Topf davon zu befreien.

Was ist eigentlich das Problem?

Düngung
– die Erde im Topf könnte gedüngt sein. Ist das wirklich ein Problem?
Pflanzen benötigen für ihr Wachstum Nährstoffe (in der Regel Stickstoffverbindungen), die sie dem Boden entnehmen. Für ein gesundes Wachstum reichen, je nach Bodenbeschaffenheit die Stickstoffanteile des Bodens nicht aus. Dann wird Stickstoff hinzugeführt, natürlich nicht pur (Stickstoff ist ein Gas) sondern in Nitratverbindungen.
Es wird gedüngt. Düngung bedeutet jedoch nicht nur die Nährstoffanreicherung mit Stickstoffverbindungen sondern grundsätzlich die Anreicherung des Bodens zum Beispiel auch mit Kalium, Calcium, Phosphor etc., den Mikronährstoffen. Dazu gibt es ganz unterschiedliche Produkte: Künstliche Präparate („Kunstdünger“), Dünger aus organischen Abfällen (z.B. Kompost) oder Wirtschaftsabfällen wie Stallmist, Jauche oder Gärresten, Grünstoffe („Düngepflanzen“) oder auch Tierkot („Guano“, Pferdeäpfel). Eine Vielzahl an Bestimmungen regelt, wie viele und welche Dünger in der Landwirtschaft ausgebracht werden dürfen. Es würde zu weit führen, das an dieser Stelle aufzuführen. Der Hintergrund ist dabei nicht nur eine mögliche Überanreicherung der Pflanzen selbst, sondern vor allem die schädliche Wirkung für das Grundwasser zu verhindern.

Foto: Baumschule Horstmann

Wichtig aber ist: Pflanzennährstoffe werden überwiegend von den Wurzeln aufgenommen, in geringeren Mengen auch über die Blätter. Diese Stoffe werden in den Pflanzenorganen über den Bedarf hinaus angereichert (Luxuskonsum), wenn sie durch starke Mineralisierung (z. B. Stickstoff-Freisetzung in humosen Böden) oder zu hohe Düngergaben in größeren Mengen in der Bodenlösung enthalten sind.
Die Nitratanreicherung der Pflanzen kann also in begrenztem Rahmen gesteuert werden. Was für die „Kraftfutter“-Nahrung in Zuchtbetrieben hilfreich ist, ist bei der Schildkrötenhaltung eher ein Problem: Die hohen Stickstoffanteile in den Pflanzen, auch die der ganz natürlichen Eiweiße. Denn der Stickstoff-Stoffwechsel und vor allem Abbau und die Ausscheidung von Nitraten funktioniert bei Schildkröten anders als bei Säugetieren. Hierzu lesenswert: Nachgefragt beim Tierarzt: Gicht.
Daher würde ich von der Verfütterung intensiv gedüngter Pflanzen immer abraten, denn die dort angereicherten Stickstoffverbindungen werden genauso wie bei sehr proteinhaltigen Pflanzen natürlich von den Schildkröten aufgenommen und eingelagert.
Daher kann hier eine „Quarantäne“ helfen, den Stickstoffanteil in den Pflanzen zu verringern,. Lässt man diese nämlich ohne weiter zu Düngen wachsen, vergrößert sie ihre Masse, aber sie reichert nicht mit weiteren Nitraten an. Daher halte ich grundsätzlich nichts von Düngen mit Nährstoffen in Schildkrötengehegen. Das Ziel sollte im Gegenteil eher darin liegen, magere Böden im Gehege zu haben.

Hinzu kommt bei einer Quarantäne, dass durch häufiges Gießen die Düngezugaben aus dem Boden im Topf ausgelaugt werden können. Das erreiche ich natürlich auch, indem ich die Pflanze ohne ihre Blumentopferde ins Gehege setze. Da stehen eigentlich jedem Gärtner die Haare zu Berge, denn eigentlich soll man genau dies nicht tun. Bei Pflanzen, die in meine Schildkrötengehege gesetzt werden, sind mir die Haare der Gärtner allerdings ziemlich gleichgültig.

Da eine Überdüngung den Pflanzen allerdings mehr schadet als nutzt, gehe ich nicht davon aus, dass in den entsprechenden Anbaubetrieben für Zimmer- und Gartenpflanzen und später im Handel diese intensiv und damit überdüngt werden. Eine „Quarantäne“ schadet sicher nicht, ob sie wegen des Düngens unbedingt notwendig ist, ist umstritten.

Ein ganz anderes Thema hingegen sind die

Pestizide
– die Pflanzen könnten mit Pestiziden, also Giftstoffen behandelt sein, die sich auf oder in ihr abgelagert haben: Insektizide (Insektengifte) oder Fungizide (Pilzgifte). Solche Pflanzen haben auf der Speisekarte unserer Tiere nichts zu suchen!
Für Pflanzen, die gefressen werden könnten oder sollen, ist das ein absolutes No Go! Ich persönlich rate grundsätzlich von einem Kauf ab, dann stellt auch die Frage der „Quarantäne“ gar nicht mehr.
Im Zweifel ist es besser, im Geschäft zu fragen, ob diese Pflanzen entsprechend behandelt wurden. Leider sind viele Mitarbeiter in Baumärkten nicht in der Lage, diese Frage zu beantworten will. Wer da sicher gehen will, kauft in der Gärtnerei seines Vertrauens und bekommt dort sicher eine qualifizierte Antwort.

Foto: Thorsten Geier

Sonstige
– Gelegentlich werden (vor allem Zimmerpflanzen) importiert, die mit Substanzen behandelt, die hierzulande nicht genutzt, sogar zum Teil verboten sind, aber im Ausland verwendet werden können. Das betrifft zum Beispiel Wachstumshemmer. Bestes Beispiel ist hier das Kriechende Schönpolster (Callisia repens). So behandelt wächst es langsam, schön buschig und gibt damit eine dekorative Zimmerpflanze ab, die oft angeboten wird, so auch in Pflanzenabteilungen von Möbelhäusern.
Behandelt man das Schönpolster nicht, wachsen schnell einzelne Triebe heraus, lang, dünn, unattraktiv. Das wiederum senkt den Verkaufswert der Pflanze.
Kriechendes Schönpolster wird – selbstverständlich unbehandelt – auch als Futterpflanze angeboten, unter anderem unter dem eingetragenen Markennamen Golliwoog®.
Wer also die „Urpflanze“ im Gartencenter kauft und denkt, er könne diese genauso verfüttern, liegt zwar grundsätzlich nicht falsch, aber er kann eben nicht sicher sein, ob dieses Exemplar frei von Düngestoffen, Pestiziden oder Wachstumshemmern in den Verlauf geraten ist.
Bei Zimmerpflanzen geht es schließlich in aller erster Linie um ihr Aussehen und nicht um die Verfütterbarkeit für Tiere.

Gelegentlich werden auch Pflanzen mit Blattglanzspray behandelt. Auch das scheint ihren Verkaufswert zu erhöhen.

Blattglanzspray besteht aus verschiedenen öligen Substanzen, die durch ein Treibgas in feinste Tröpfchen (Aerosole) versprüht werden. Dieser feine Ölfilm legt sich auf die Blätter von Pflanzen und sorgt dort für einen intensiven Glanz. Die Öle wirken wasserabweisend, sodass beim Einsprühen der Pflanze das Wasser nicht auf den Blättern stehen bleibt, sondern abperlt. So werden Kalkflecken, die beim Trocknen von Leitungswasser entstehen, vermieden. Vor der Behandlung müssen stark verstaubte Blätter mit lauwarmem Wasser gereinigt werden, da sich das Öl sonst mit dem Staub zu einem schmierigen Film verbindet.
Auch solche Pflanzen sind nicht zum Verfüttern geeignet. Eine Rückfrage beim Kauf kann im Zweifel weiterhelfen.

Quarantäne? Nicht unbedingt!

Wer muss denn in „Quarantäne“ und wer nicht?
Die Antwort hier hat zunächst nichts mit den einzelnen Pflanzenarten zu tun sondern mit ihrer Verwendung.

Gehegepflanzen
– Pflanzen, die ins Gehege gesetzt werden und definitiv von den Schildkröten nicht gefressen, nicht mal angeknabbert werden, benötigen keine Quarantäne. Wozu sollte die auch dienen?
Das betrifft zum Beispiel Nadelgehölze wie Zwergkiefern, kriechenden Wacholder aber auch Seggen, Blauschwingel und andere Gräser. All diese Pflanzen werden von Europäischen Landschildkröten nicht gefressen, aber sie alle bieten wunderbare Versteckmöglichpflanzen und strukturieren das Gehege. Mehr aber eben auch nicht.
Wer auf Nummer sicher gehen will, kann natürlich beim Pflanzen die Erde von den Wurzelballen entfernen und sie dann erst einpflanzen.

Küchenkräuter
– Klassische Küchenkräuter (z.B. Thymian, Majoran, Melisse, Salbei, Estragon, Oregano, Minze…) benötigen ebenfalls keine Quarantäne, denn sie sind ja für den menschlichen Verzehr gedacht und daher frei von Pestiziden oder anderen schädlichen Zusätze. Eine Ausnahme bilden nur Pflanzen, die in erster Linie als Gartenpflanzen und nicht als Gewürze angeboten werden (z.B. Lavendel oder Rosmarin). Die allerdings werden in der Regel ebenfalls nicht von Schildkröten gefressen und können daher direkt ins Gehege gepflanzt werden.

Dort dienen sie in erster Linie als Versteckpflanzen, um das Mikroklima zu beeinflussen und einem Gehege Struktur zu geben. Selbstverständlich können die Küchenkräuter im Gehege auch geerntet werden. Lesenswert dazu auch: Das magische Dreieck.
Es empfiehlt sich, hier robustere Pflanzen zu nehmen, die von größeren Tieren nicht einfach „plattgewalzt“ werden können.

Eine Ausnahme bildet zum Beispiel die Kapuzinerkresse, die als Gewürz- und Salatpflanze verkauft wird. Entgegen den meisten anderen Kräutern wird sie von vielen Schildkröten leidenschaftlich gern gefressen. Als zum Verzehr gedachtes Lebensmittel benötigt sie auch keine „Quarantäne“.

Fressbare Pflanzen
Pflanzen, die von Schildkröten gefressen werden sollen oder gefressen werden könnten, werden sinnvollerweise in „Quarantäne“ genommen, zumindest, wenn man nicht sicher sein kann, dass sie schadstofffrei groß gezogen wurden. Das betrifft zum Beispiel Funkien,, Vergissmeinnicht, Sedumgewächse, Frauenmantel, Bergflockenblume, Akelei, Rosen, Fuchsien und viele mehr. Diese Pflanzen werden im Handel als reine Zierpflanzen für den Garten angeboten und können unter Umständen mit den weiter oben genannten Substanzen behandelt sein. Daher ist gerade hier besondere Vorsicht angesagt.

Futterpflanzen
– Pflanzen, die explizit als Tierfutter verkauft werden, dürfen natürlich ohne Quarantäne sofort verfüttert werden. Dazu lesenswert ist das Interview mit Nadine und Manfred Schrape, aus deren Gärtnerei Golliwoog® stammt.

Nicht zum Verzehr geeignet

Gelegentlich findet man Hinweise auf den Blumentöpfen oder auf Streckern in der Erde: Nicht zum Verzehr geeignet. Das mag irritieren. Ja, was denn nun? Gerade erst hat doch die versammelte Facebook-Gruppe gesagt, die Pflanze könne man seinen Schildkröten durchaus zum Fressen anbieten.
Und genau das ist der Punkt: Nicht zum Verzehr geeignet! bezieht sich immer auf den Verzehr durch Menschen, nie darauf, ob eine Pflanze von einem Tier gefressen werden kann/darf oder nicht. Zunächst einmal können Schildkröten durchaus auch Pflanzen fressen, die für den menschlichen Verzehr nicht unbedingt geeignet sind, weniger wegen eines Giftes als vielleicht wegen enthaltener Bitterstoffe. Das gilt auch umgekehrt – nicht alle Pflanzen, die wir Menschen essen, sollten wir auch unseren Schützlingen verfüttern.

Hier aber geht es um etwas Anderes: Pflanzen, die so gekennzeichnet wurden, sind nicht unter den sehr viel strengeren Auflagen für Lebensmittelproduktionen angebaut bzw. gezogen worden. Sie können (s.o. gedüngt) oder mit Pestiziden behandelt sein. Oder sie können Pflanzen, die man essen kann, zum Verwechseln ähnlich sehen. Es ist also eine Vorsichtsmaßnahme und zugleich ein Hinweis auf einen Haftungsausschluss, wenn Gartenbaubetriebe oder Händler Pflanzen als Nicht zum Verzehr geeignet markieren. Dabei geht es immer um diese eine, spezielle Pflanze – sie kann, nach einer gewissen „Quarantäne“ aber durchaus für die Schildkröten eine interessante Nahrungsergänzung darstellen.

Text und Fotos (sofern nicht anders angegeben): Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor.

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