Woran erkennt man gute Züchter?

Von Ines Kosin

Vorweg möchte ich den Hinweis erwähnen, dass diese Zeilen auf die Züchter bezogen sind, die Europäische Landschildkröten züchten. Alle anderen Arten, sei es tropische Arten oder gar Wasser- und Sumpfschildkröten, sollten andere Kriterien erfüllen als die, die ich hier erwähne.

Wer einen Schildkrötenzüchter aufsucht, tut dies meist mit guter Absicht, sei es erst einmal rein zur Information oder schon direkt für den Kauf oder Verkauf einer oder mehrerer Schildkröten. Man glaubt, ein Züchter hätte im Vergleich zu manch anderen Verkäufern einige Vorteile und viel Erfahrung, sodass man hier wenig falsch machen kann und weiß, die Tiere stammen aus guter Haltung. Da es allerdings immer mehr Züchter gibt, denen augenscheinlich das Wohl der Tiere nebensächlich ist, bewusst oder unbewusst, ist es empfehlenswert, sich vorab darüber zu informieren, ob dieser Züchter wirklich im Interesse der Tiere handelt oder vielmehr seine eigenen Interessen in den Vordergrund stellt zum Leid der Tiere und zum Nachteil des Käufers.

Hier ein paar Stichpunkte, woran man einen guten Züchter erkennt
• Er richtet sich nach der Saison, verkauft somit im Herbst und Winter keine Schildkröten
• Er ermöglicht den Nachzuchten mindestens eine Winterstarre bei sich
• Er verzichtet auf eine Innenhaltung
• Er füttert kein Obst, kein Gemüse, keine Salate, kein Fertigfutter sondern bietet Wildkräuter an, bevorzugt per Selbstversorgung im dicht bewachsenen Freigehege
• Er hält seine Schildkröten, sowohl die Nachzuchten als auch die Elterntiere, in einem Freigehege mit beheiztem Frühbeet
• Er berät so, wie er selbst die Haltung umsetzt: Keine Innenhaltung, kein Verzicht auf die Starre, Fütterung mit Wildkräutern, keine Einzelhaltung
• Er gibt keine Nachzuchten in Einzelhaltung ab sondern nur mind. paarweise oder in bereits bestehende Gruppen
• Er ist interessiert an einem guten neuen Zuhause, wird also entweder die Tiere dorthin bringen oder vorab erfragen, wie die Haltung aussehen wird, ggf. Bilder der Haltung erfragen
• Ein Züchter steht unverbindlich bereits vor dem Kauf beratend zur Seite und ist ach dem Kauf ansprechbar
• Er verkauft seine Tiere nicht unter Wert. Als guter Durchschnitt sind 80-90 € benannt, genaue Infos dazu siehe unten
• Er brütet seine Eier nicht bei weniger als 32,5°C aus bzw. wenn doch, ist dies eine Ausnahme wie z.B. Wildschlupf, defekter Inkubator o.Ä.
• Er kann ein paar Worte zum Herpesvirus sagen und dem Risiko, ob seine Tiere betroffen sein könnten und was man beachten soll
• Er verkauft keine „männlichen“ oder „weiblichen“ Nachzuchten (das kann man so früh nicht erkennen bei weniger als 400g Gewicht)
• Er verkauft keine Eier und er verkauft auch keine Nachzuchten ohne Papiere, alle Nachzuchten sind ordnungsgemäß gemeldet

Nun versuche ich, die einzelnen Punkte nachvollziehbar zu erklären.

Es klingt nach sehr vielen Stichpunkten, aber kurz gefasst sollte es im Interesse des Züchters sein, seine Tiere bei sich möglichst nach dem Vorbild des natürlichen Lebensraumes zu halten, sowohl die Elterntiere als auch die Nachzuchten. Er sollte interessiert daran sein, dass auch im neuen Zuhause dies umgesetzt werden kann. Da die natürliche Auslese in den ersten 1-2 Winterstarren stattfindet, sollte es im Interesse eines Züchters sein, diese nicht dem Käufer zu überlassen sondern bei sich selbst.

Da die europäischen Schildkrötenarten eine Winterstarre halten, nimmt der Züchter Rücksicht darauf. Das bedeutet während der Phase, wo sich die Schildkröten auf die Winterstarre vorbereiten (im Herbst) sowie während der Winterstarre selbst als auch die (kurze) Phase der Auswinterung, ist kein Kauf und Verkauf möglich. Dadurch bietet er nicht nur seinen Tieren ein artgerechtes Zuhause an sondern er sorgt auch dafür, dass der Käufer keine daraus folgende temperaturbedingte Innenhaltung umsetzen muss, die so oder so nicht geeignet ist. Desweiteren hat man den guten Nebeneffekt, dass zur Weihnachtszeit gar nicht erst die Verlockung, Tiere zu verschenken, entstehen kann. Es gibt eben keine. Zumindest nicht hier. Dadurch, dass der Züchter die Schlüpflinge 1-2 Winter bei sich starren lässt, findet die natürliche Auslese nicht beim Käufer sondern beim Züchter ab. Kauft ein Käufer somit Schildkröten aus genau solcher Zucht, also Tiere, die bereits starren durften, kann er sich sicher sein, dass die Wahrscheinlichkeit von Tod während des Winters ausgeschlossen ist. Natürlich gibt es noch diverse andere Todesursachen, aber bei artgerechter Haltung und der abgeschlossenen natürlichen Auslese der ersten Jahre ist das Risiko stark minimiert.

Im Rahmen einer artgerechten Haltung versucht der Züchter, den Grundstein für gesunde Nachzuchten zu legen, indem er die Elterntiere artgerecht pflegt. Das bedeutet, sie werden in einem großen Außengehege gehalten, das Gehege ist wild strukturiert, Wärme und Schutz finden sie im beheizten Frühbeet oder Gewächshaus. Die Schildkröten können sich Dank vieler Wildkräuter im Gehege selbst abwechslungsreich ernähren und auf Nahrungssuche gehen. Sie fressen Wildkräuter, denn alles andere wie Obst, Gemüse und Salate, schädigen die Darmflora und fördern die Vermehrung von Parasiten. Die Elterntiere dürfen saisongerecht in die Winterstarre gehen, auf eine Innenhaltung wird gänzlich verzichtet. Weder für den Übergang noch bei schlechtem Wetter noch nachts werden die Schildkröten ins Haus geholt, sie bleiben das ganze Jahr bei jedem Wetter draußen. Bei einer Haltung wie dieser nach dem Vorbild des natürlichen Lebensraumes, ist die Basis für gesunde Nachkommen geschaffen. Dadurch ist es unmöglich, dass, als Beispiel, Eier in den späten Herbstmonaten gelegt und Nachzuchten mitten im Winter schlüpfen.
Damit es aber auch ihnen gut geht, hält der Züchter sich auch an deren Bedürfnisse. Er hält sie im Freigehege mit beheiztem Frühbeet, bietet ihnen sehr viele Versteckmöglichkeiten (Schlüpflinge leben sehr versteckt), akzeptiert sie als Beobachtungstiere, ermöglicht die Winterstarre, verzichtet auf eine Innenhaltung und verfüttert Wildkräuter. Es ist dem Züchter gelegen, dass die Nachzuchten im neuen Zuhause artgerecht weiter leben unter Artgenossen und auch hier mit Außenhaltung, beheiztem Frühbeet, Selbstversorgung und Winterstarre.

Der Züchter nimmt sich die Zeit, bereits vor dem Kauf Fragen unverbindlich zu beantworten, Besichtigungen zu ermöglichen, die Elterntiere anzuschauen und nach dem Kauf für Fragen zur Verfügung zu stehen, denn wie gesagt, ist es in seinem Interesse, dass es seinen Tieren gut geht.

Da der Markt an männlichen Tieren überfüllt ist und Weibchen stets in der Überzahl gehalten werden sollten, liegt es im Interesse eines guten Züchters, nicht mehr Männchen als Weibchen zu züchten. Dies gelingt ihm mittels Temperatur. Je niedriger, desto eher entwickeln sich Männchen. Ein guter Züchter ist bereit, die Temperatur und seine Hintergründe zu erklären.

Ein guter Züchter sorgt dafür, dass keine Mischlinge gezeugt werden und hält daher artengetrennte Gruppen.

Der Kaufpreis entscheidet oft darüber, als wie „wertvoll“ der Käufer diese ansieht. Je günstiger Tiere sind, desto eher neigen Käufer dazu (bei jeder Tierart), Tiere einfach nur mal auszuprobieren. Sind sie dann krank, wird nur ungern etwas investiert, denn dann übersteigen die Tierarztkosten „den Wert der Schildkröte“. Natürlich darf man das nicht pauschalisieren, es gibt auch tolle Züchter mit geringem Kaufpreis (hier darfst du sonst gerne deine Erfahrung im Testudowelt Bericht verlinken) und genauso anders herum gibt es schlechte Züchter mit teuren Preisen. Es gibt aber auch seitens der Käufer jene, die eine wunderbare Haltung umsetzen können obwohl sie ein Schnäppchen gemacht haben oder anders herum, Unmengen an Geld ausgegeben werden mit dem Glauben, sie im winzigen Glasterrarium halten zu können. Daher ist der Kaufpreis nicht ausschlaggebend dafür, ob ein Züchter gut oder schlecht ist sondern unterstreicht vielmehr den bisherigen Eindruck. Manche Züchter sagen zum Beispiel „Platz vor Preis“ und andere lehnen günstige Preise von vorn herein ab. Ich selbst habe tatsächlich mal ein Pärchen abgegeben, zusammen für 30 € (sonst kostet eine Nachzucht bei mir 85 €). Während sonst die Nachfragen sehr übersichtlich sind, strömte plötzlich eine Flut an Anfragen herein. Für mich sehr anstrengend, denn die meisten hatten tatsächlich keine Ahnung von der Haltung und sie waren auch nicht gewillt, etwas davon zu erfahren. Letztendlich hat das Pärchen dann trotzdem ein wundervolles Zuhause in einer bereits bestehenden Gruppe gefunden, aber dennoch ist mit die Flut an Anfragen zu anstrengend, eben weil die „Qualität“ der Käufer stark gesunken ist. Wie gesagt, nicht alle sind so, aber viele. Zudem züchte ich nur gezielt und wenig, sodass ich trotz „hohen“ Kaufpreises keinen Reibach dadurch mache.

Zu guter letzt kommen wir zum unangenehmen Teil, dem Papierkram. Als artgeschützte Tierarten müssen europäische Art gemeldet sein und je nach Art über Papiere verfügen. Der Züchter wird diese Papiere zusammen mit den Schildkröten übergeben, er wird weder die Papiere auf einen späteren Zeitpunkt verschieben noch aus anderen Gründen Nachzuchten ohne Papiere verkaufen. Auch der Verkauf von Eiern ist Blödsinn und sollte nicht unterstützt werden. Ein Züchter wird dem Käufer benennen können, wie es mit dem Anmelden der Schildkröten läuft, er wird über die Fortführung der Fotodokumentation aufklären und ist generell selbst interessiert daran, dass der Kauf legal ist und die Käufer darüber Bescheid wissen.

Das klingt nun nach sehr vielen Worten und für manchen vielleicht überfordernd, aber wie schon gesagt geht es im Grunde darum, dass ein Züchter interessiert an einer guten Haltung ist nach dem Vorbild des natürlichen Lebensraumes. Je unnatürlicher die Haltung, desto eher sollte man Abstand nehmen. Eine gute Haltung sollte sowohl bei seinen Elterntieren als auch bei den Nachzuchten umgesetzt und dem Käufer nahegelegt werden.

……………….

Um Missverständnisse zu vermeiden: Wenn ich von „er“ oder „der Züchter“ / „der Käufer“ spreche, ist nicht ausschließlich das männliche Geschlecht gemeint sondern alle, sei es männlich, weiblich oder divers, dürfen sich angesprochen fühlen. Ich habe mich lediglich aus Gründen des einfachen Lesens für diese Bezeichnung im Text bezogen ohne dabei einzelne Geschlechter benachteiligen zu wollen.

Text und alle Bilder: Ines Kosin. Alle Rechte bei der Autorin.

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