Auf Schildkrötensafari mit Elke Wallrapp (Folge 74)

Teil 1 über Siena lesen Sie hier.

Meine Reise begann am 12.08., so dass ich die Auslosung der teilnehmenden Pferde am 13.08. (vier Tage vor dem Palio) miterleben konnte.
Zehn Pferde werden durch ausgiebige Tests und Untersuchungen aus mehr als 60 Pferden ausgewählt.
Diese werden von 1-10 nummeriert und auf der „Piazza del Campo“ den Kontraden zugelost.
Viele Besucher und Kontradenmitglieder verfolgen die Auslosung.
Erst werden die Nummern der Pferde gezogen und dann die Namen der Kontraden. Ich erlebte Jubelschreie und Gesänge oder absolute Stille und vereinzeltes Schimpfen, die Gesichter der Senesi zeigten ausgelassene Freude oder tiefe Enttäuschung.
Bis zum Tag des Palios werden die Pferde in den Kontraden von einem Pferdeknecht (Barberesco) umsorgt.

Die Jockeys gehören in den seltensten Fällen der Kontrade an. Sie sind Profis, meistens Sarden und werden kurz vorher erst angeheuert.

Insgesamt finden vor dem Palio sechs Proberennen statt, die unter anderem die Jockeys und die Pferde prüfen sollen. Es werden jeweils drei Runden (circa ein Kilometer) geritten. Gegenseitiges Behindern ist durchaus erlaubt.

Die Tage vor dem Palio sind sehr abwechslungsreich. Irgendwo ist immer eine Trommel zu hören, die Stadt schmückt sich mit ihren farbenfrohen Fahnen, immer mehr Besucher strömen in die Stadt und hin und wieder laufen kleinere Umzüge durch die Straßen.
Ich wurde Zeuge eines Kinderumzugs, der die Kerzenspenden (symbolische Bedeutung der Dankbarkeit an die Madonna) transportierte und von Fahnenträger begleitet wurde. Auch das zu gewinnende Banner wurde gezeigt.

Am Tag vor dem Palio findet die Generalprobe und in feierlicher Atmosphäre das Abendessen der einzelnen Kontraden statt (jede für sich). Hier durften auch wir (Touristen) teilnehmen. Es wird gesungen, gegessen und viel geredet – es war ein Abend mit Gänsehautfeeling.

Und dann ist es endlich soweit – der Tag des Palios!
Der Ablauf ist immer gleich. Morgens beginnt der Tag mit einer Messe (es wird um den Schutz für die Tiere und den Reiter gebeten), eine allerletzte Probe, die Jockeys werden von den Kontraden im Rathaus eingetragen und die Komparsen kleiden sich für den historischen Umzug an.
Um 15.00 Uhr werden die Pferde der teilnehmenden Kontraden gesegnet („Geh und kehre als Sieger zurück“).
Der historische Umzug beginnt kurz danach und führt am Regierungsgebäude und am Bischofspalast vorbei, durch die Straßen Sienas auf die „Piazza del Campo“.
Vor dem Bischofsplatz zeigen jeweils die beiden Fahnenträger ihr Können und grüßen damit den Erzbischof. Die Fahnen werden aufgerollt, sich gegenseitig hoch in der Luft zugeworfen und wieder aufgefangen, immer begleitet von einem Trommler.
Um 16.50 Uhr ist es dann soweit, der historische Umzug betritt die „Piazza del Campo“, begleitet von dem sich wiederholenden Läuten der Hauptglocke des Rathausturms, den Trommeln der einziehenden Kontraden und der Musik der Paliohymne (von Pietro Formichi, aus dem Jahr 1885).

Auch der historische Umzug hat seinen festen Ablauf und eine feste Reihenfolge (stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 1813). Langsam dahinschreitend folgen den Würdenträgern der Stadt und dem Land (auch frühere Gebiete) die Komparsen der zehn teilnehmenden Kontraden, die jeweiligen Jockeys auf einem Paradepferd, die Barberescos mit dem Rennpferd. Dann kommen die Komparsen der nicht teilnehmenden Kontraden – hier konnte ich nochmals die tollen Kostüme und die große Fahne (Bandierone = offizielles Emblem einer Kontrade) der „Contrada della Tartuca“ bewundern, die Reiter der „toten (aufgehobenen)“ Kontraden und viele Kostümträger mehr.
Ziemlich am Ende kommt der „Carroccio“, ein von Ochsen gezogener Wagen (Kriegswagen), der das zu gewinnende Banner (= Palio) und die Flagge Sienas transportiert.

Und endlich, um 19.00 Uhr beginnt das eigentliche Pferderennen. Die Spannung hat ihren höchsten Punkt erreicht. Die Startaufstellung ist kompliziert und wird erst kurz vorher ausgelost. Mitunter dauert es etwas länger, bis es endlich losgeht. Die Pferde tanzen aus der Reihe und behindern sich gegenseitig, jeder möchte den kleinsten Vorteil für sich ausnutzen. Vorher getroffene Absprachen werden versucht einzuhalten und doch ist alles vom Zufall bestimmt. Und dann erfolgt der gültige Startschuss. Die Pferde rennen um die Wette, drei Runden lang. So manch einer scheitert in der „San Martino Kurve“, das gefährlichste Stück der Bahn.

In Sekundenschnelle ist alles vorbei. Das Pferd einer Kontrade gewinnt, mit oder ohne Reiter. Hauptsache das Kontradendiadem (eine Art Rosette/Turnierschleife) ist noch vorhanden.
Jubel bricht aus und die Menge begibt sich in den Dom (!) um dort den Sieg mit Gesängen zu feiern. Auch hier ist wieder Gänsehautfeeling angesagt, etwas vergleichbares habe ich noch nie erlebt.

Das war der Palio in einer möglichst kurzen Beschreibung. In Wirklichkeit ist alles viel komplizierter, länger und auch viel spannender. Absprachen, verschwörerische Treffen und viel Geld begleiten das Ereignis – davon bekommt der Besucher aber weitestgehend nichts mit.

Hier geht es aber nicht um das Pferderennen, sondern um die Schildkröte, die beim Palio im August 2019 leider nur eine Nebenrolle spielte.

Bei Interesse empfehle ich nachfolgende Bücher oder Webseiten (die mir unter anderem auch als Quellen dienten) oder einen eigenen Besuch des Palios:

– Der Palio, Siena, 2.Juli – 16.August
– Der Palio Führer
– Siena and the Palio: the Symbols of the Contrade
– Die Contraden von Siena von Anna-Kathirn Warner (Campus Verlag)
http://www.tartuca.it/
https://www.ilpalio.siena.it/5/Contrade/Tartuca
https://www.visittuscany.com/it/attrazioni/il-museo-della-contrada-della-tartuca/

Und natürlich mussten auch einige „Tartuca Souvenirs“ mit mir die Heimreise antreten.

 

Text und alle Bilder: Elke Wallrapp. Alle Rechte bei der Autorin.

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