Auf Schildkrötensafari mit Elke Wallrapp (Folge 73)

Herzlich willkommen zur Schildkrötensafari 2020, die in diesem Jahr sehr abwechslungsreich sein wird. Wir springen von Siena in Italien nach Salzburg, Madrid und München, bevor wir wieder nach Siena zurückkehren.

Ursprünglich sollte die diesjährige Safari ganz anders beginnen. Geplant war ein Bericht über eine Schildkrötendarstellung in Bayern, doch dann besuchte ich im August letzten Jahres die Stadt Siena und den Palio und ich warf meine ursprüngliche Planung über den Haufen. Für mich war klar, es musste mit genau diesem Ereignis beginnen, denn Schildkröten gibt es in Siena einige und ein Pferderennen gibt es noch dazu. Somit ist diese erste Safari, aufgeteilt der Länge wegen in zwei Beiträge,  eine Mischung aus einem Reisebericht kombiniert mit einem Abstecher in die Kunst und Kultur.

Ich erlebte in Siena das „Fest der Feste“, den Rausch der Menschen und das Brodeln der Stadt bis hin zur Explosion der Gefühle am Tag des Palios. Ich durfte viele einzigartige Momente erfahren und wurde schlichtweg mitgerissen. Die Stimmung in dieser außergewöhnlichen Stadt, die Menschen und das Geschehen berührten mich ganz tief in meinem Inneren. Und bis heute ist das Gefühl noch präsent.
Ich durchstreifte Siena, schaute mir die unterschiedlichsten Kontradenviertel an und blieb immer wieder in einem Viertel hängen, nämlich dem ältesten der Stadt, das Viertel der „Contrada della Tartuca“.

Bei genauem Hinsehen und meinen wiederholten Besuchen entdeckte ich viele Schildkröten, die die schlichten Häuser, die Türen, Fenster und Tore verzieren.
Auch hatte ich das wahnsinnige Glück und durfte das Museum der „Contrada della Tartuca“ besichtigen und darin fotografieren.
Es war wunderbar, einmalig und irgendwie fühlte ich mich dazugehörig. Denn auch mein Herz schlägt für die Schildkröte.
Schade nur, dass die „Contrada della Tartuca“ am 16.August 2019 nicht am Palio teilnahm.

Auf meinem Streifzug durch dieses Viertel besichtigte ich natürlich auch den Taufbrunnen der Kontrade. Es handelt sich um einen Trinkwasserbrunnen, der in einer Wandnische an der Ecke der Via S.Pietro zur Via Tommaso Pendola liegt. Er ist ein Werk des Bildhauers „Bruno Buracchini“ (1912 – 1982) und stellt einen Jungen dar, der eine wasserspeiende Landschildkröte umfaßt – sie sieht aus, als würde sie laufen. Die Figur ist aus Bronze gefertigt. Im Jahr 1951 wurde der Brunnen eingeweiht.

Der Besuch des Palios war für mich ein „once in a lifetime“, jedoch mit der Hoffnung bald wieder dabei zu sein und vielleicht geht dann auch die „Contrada della Tartuca“ an den Start.

Doch nun der Reihe nach.

Der historische Stadtkern von Siena ist in siebzehn Stadtviertel unterteilt, die die Kontraden bilden.
Ihre Grenzen verlaufen unregelmäßig und ihre jeweiligen Größen variieren. Je nach Lage sind die Gebiete flächenmäßig groß, haben dann auch viele Mitglieder (in Randlagen) oder sehr klein mit weniger Mitglieder (im Zentrum).
Und es gibt noch einmal eine Teilung, nämlich die, der Stadtdrittel. Jede Kontrade liegt in einem bestimmten Stadtdrittel (terzi).
Im Einzelnen sieht das so aus:
– Terzo di Camollia: Bruco (Raupe), Drago (Drachen), Giraffa (Giraffe), Istrice (Stachelschwein), Lupa (Wölfin) und Oca (Gans)
– Terzo di San Martino: Civetta (Eule), Leocorno (Einhorn), Nicchio (Muschel), Valdimonte (Widder) und Torre (Turm)
– Terzo di Città: Aquila (Adler), Chiocciola (Schnecke), Onda (Welle), Pantera (Panther), Selva (Wald) und letztendlich die Contrada della Tartuca (Schildköte)

Jede Kontrade besitzt ein eigenes Wappen, eigene Farben, ein Motto mit seiner Symbolik, ein Museum, einen Taufbrunnen, Gemeinschafts- und Versammlungsgebäude, einen Stall und ein Oratorium. Auch eine Hymne gehört zu jeder Kontrade.

Das Gebiet der „Contrada della Tartuca“ liegt im südwestlichen Teil von Siena. Ihr Oratorium (Gebetsraum) wurde im Jahr 1684 erbaut und ist der Ort, an dem vor jedem teilnehmenden Rennen, die Segnung des Pferdes stattfindet. Diese wird vom Correttore, dem kontradeneigenen Priester durchgeführt.
Das Oratorium ist „Sant Antonio da Padova“ geweiht und befindet sich zusammen mit dem Sitz der Kontrade in der „Via Tommaso Pendola“.

Das Wort „Tartuca“ leitet sich von dem spanischen Wort „Tortuga“ ab und bedeutet somit eindeutig „Schildkröte“.
Die Farben der „Contrada della Tartuca“ sind ein leuchtendes Gelb und Blau, ihr Wappen zeigt auf einem goldfarbenen Schild eine Landschildkröte inmitten weißer Margeriten und blauer Knoten des Hauses Savoyen.
Die Schildkröte steht für Festigkeit und das Motto der Kontrade lautet: „Forza e constanza albergo“, was soviel bedeutet wie: „ich beherberge Kraft und Ausdauer“.
Die dazugehörige Zunft waren die Steinmetze.

Wie jede andere Kontrade auch, hat auch unsere Kontrade einen Feind, nämlich die „Contrada della Chiocciola (Schnecke)“ – wen wundert es?
Aber auch verbündete Kontraden gibt es, nämlich das Einhorn, die Welle, die Muschel und der Wald (die „Contrada della Selva“ gewann den Palio im August 2019).

Das sehr sehenswerte und moderne Museum der „Contrada della Tartuca“ liegt ebenfalls in der „Via Tommaso Pendola“. Die Angabe der Hausnummer variiert (19/21/26).
In mehreren Räumen und auf mehreren Etagen können wir die Geschichte und die Schätze der Kontrade bewundern. Hier werden u.a. historische Kostüme, die gewonnenen Banner (Seidentücher), religiöse Objekte, Gemälde (die der Kontrade gewidmet sind), Schildkrötenmotive und eine zweite bronzene Brunnenfigur ausgestellt. Auch Objekte von früheren siegreichen Rennen, wie die Helme der Jockeys und ihre Jacken sind zu sehen.

54 und ½ Siege verzeichnet die „Contrada della Tartuca“ bis 2019 – einen Sieg teilten sie sich mit der „Contrada dell‘ Onda“ beim Palio von 1713. Zuletzt siegten sie am 20. Oktober 2018, einem Sonderpalio, der anläßlich des 100sten Jubiläums des Ende des Ersten Weltkrieges durchgeführt wurde. Das teilnehmende Pferd hieß Remorex und wurde von dem Jockey „Andrea Coghe, genannt Tempesta“ geritten. Dieser wurde jedoch abgeworfen und Remorex lief ohne Reiter aber mit seinem „Kontradendiadem“ in das Ziel und gewann!

Der Palio (geht ins 13 Jahrhundert zurück) selber findet zwei Mal im Jahr auf der Piazza del Campo statt, nämlich am 2. Juli (zu Ehren der Madonna di Provenzano, Siegesfeier in der Basilika der heiligen Maria von Provenzano) und am 16. August (zu Ehren der Madonna Assunta, Siegesfeier im Dom).
Eingeleitet wird er durch die Auslosung der letzten drei teilnehmenden Kontraden, die die sieben, die nicht im vorherigen Jahr dabei waren und automatisch teilnehmen, ergänzen (für August im Juli).
Es lohnt sich bereits einige Tage vor dem Palio in Siena zu sein. Denn nur dann bekommt man die ganzen Vorbereitungen und die anwachsende Stimmung in der Stadt mit.

 

Wird hier fortgesetzt

 

Text und alle Bilder: Elke Wallrapp. Alle Rechte bei der Autorin.

2 Kommentare


  1. Liebe Hannelore,
    vielen Dank für Ihre netten und häufigen Kommentare – ich freue mich immer sehr darüber!
    Herzliche Grüße Elke


  2. Danke! Sehr interessant!
    Gruß
    Hannelore

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