Ausflugtipp: Saurier – Giganten der Meere. Im Rosenheimer Lokschuppen

Seit September läuft im oberbayerischen Rosenheim im dortigen Lokschuppen eine faszinierende Ausstellung: Saurier – Giganten der Meere. Hochinteressant, faszinierend und enorm informativ – um es zusammenzufassen.

Wer in der Region lebt, dem sei die Ausstellung unbedingt empfohlen. Urlauber, die im Winter oder im kommenden Jahr über die Autobahn München – Salzburg oder die Inntalautobahn in die Ferien fahren, sollten zwei Stunden einplanen und einen Abstecher nach Rosenheim zum Lokschuppen machen. Es liegt ja fast am Weg.

Diese Ausstellung zeigt in hunderten von Fossilien sowie vielen Modellen das Leben der Meere nach der Perm-Trias-Krise, jener großen Klimakatastrophe der Erde vor rund 250 Millionen Jahren. 300 bis 250 Millionen Jahre v. Chr. dauerte das Perm, es endete in einer massiven Erderwärmung, vermutlich ausgelöst durch vulkanische Aktivitäten, die über Hunderttausende von Jahren andauerten. Ihre Folge war der nahezu vollständige Zusammenbruch der Ökosysteme. Die Perm-Trias-Krise wird heute als das bisher größte Massen- und Artenaussterben der Erdgeschichte bezeichnet. Rund 10 Millionen Jahre nahm sich die Erde Zeit, um wieder für „stabile“ Verhältnisse zu sorgen. Das Zeitalter des Trias begann.

Weite Teile der Erde waren vom Meer bedeckt – hier spielte sich über viele Millionen Jahre das ab, was sich in den Erdzeitaltern Jura (etwa 200 Millionen bis 145 Millonen Jahre v. Chr.) und in der Kreidezeit (145 Millionen bis 66 Millionen Jahre v. Chr.) vollendete: Die Bildung von Kalkstein. Am Ende der Kreidezeit gab es einen weiteren gravierenden Einschnitt in der Erdgeschichte, eine massive Abkühlung der Erdoberfläche und jener mittlerweile von der Forschung angenommene Asteroideneinschlag, der das Ende der Dinosaurierzeit herbeiführte.

Saurier üben eine ungemeine Faszination auf Kinder aus, so ist es kein Wunder, dass an den Wochenenden und sicher auch während der Schulferien vornehmlich Familien durch den Lokschuppen wandern – überwiegend mit Kindern unter 10 Jahren. Lange Schlangen bilden sich vor den Kassen, etwas Geduld sollte man also mitbringen (und etwas Nervenstärke oder Noice-Cancelling-Kopfhörer, wenn man auf den Radau, den Kinder nun mal machen und machen dürfen, etwas anfällig reagiert).

Nun gilt in dieser Altersgruppe aber als ausgemacht, dass das Interesse an toten Steinen und langen Texttafeln sehr gering ist, so dass erwachsene, wissbegierige Ausstellungsbesucher durchaus in der Lage sind, die Versteinerungen von Seelilien, Ammoniten, Schnecken, Fischen usw. in Ruhe zu betrachten, derweil sich die Kinder um die riesigen, von den Decken herunterhängenden Modellen der Fischsaurier drängen oder im interaktiven Mitmachbereich der Ausstellung vergnügen. Gelegentlich versuchen Eltern zwar, ihren Nachwuchs für Versteinerungen zu begeistern, doch scheint dies von wenig Erfolg gekrönt zu sein. Das Leben von Muscheln, Seelilien, Schnecken, Ammoniten usw. interessiert sie wenig, noch weniger die Sediment- und damit die Kalksteinbildung auf dem Meeresgrund. Das lässt Raum für den eher untypischen Ausstellungsbesucher, nämlich den, der sich wirklich für das Leben in den Urzeitmeeren interessiert.

Und für Schildkröten.

Die nämlich gab es auch seit der Kreidezeit im Meer: Archelon ischyros heißt eine beeindruckende Art von Riesenschildkröten, die etwa 4,7 Meter groß wurde und zwei Tonnen gewogen hat. Vor rund 72 Millionen Jahren, in der „Oberen Kreidezeit“ war sie in den Meeren unserer Erde daheim. Sie ist der Vorfahr der heute noch existierenden, aber vom Aussterben bedrohten Lederschildkröte (Dermochelys coriacea). Ein riesiges Modell einer solchen Schildkröte hängt von der schwarzen Decke herab, lässt sich erst von unten und später von einer Galerie aus auf Augenhöhe bestaunen. Archelon ischyos ist die bisher größte gefundene Schildkröte, die je auf Erden gelebt hat.
Skelettfunde wurden in den USA in Texas, Arkansas und Nord Dakota gemacht, einer Region, die zur Zeit der Archelon-Schildkröten Teil eines riesigen Flachmeeres, der Western Interior Seaway war.

Herzstück der Ausstellung in Rosenheim ist ein digitales Paläo-Aquarium, eine 50 Quadratmeter große Leinwand auf die in Endlosschleife über mehrere Projektoren ein Film projiziert wird, in dem das Leben in den Meeren des Trias und des Jura gezeigt wird. Digital animierte Fische schwimmen umher, Ammoniten, ein Quastenflosser, Meeressaurier…

Das Ganze wirkt so täuschend echt, dass man schnell der Illusion erliegt, vor einem echten Meeres-Aquarium zu sitzen oder zu stehen, wie man es in Zoos, in oceanischen Instituten, Meeresmuseen oder im Sea Life zu sehen bekommt. Aber es ist nicht echt. Das muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen.

Texttafeln liefern Informationen über die Riesenschildkröte, wie auch über alle anderen Exponate. Man nimmt an, dass ihr Leben in den flachen Meeren des Western Interior Seaways dem Leben der heutigen Lederschildkröte nicht unähnlich war, so dass sie sich von Quallen und Tintenfischen ernährte und zur Eiablage an Land kam, wie übrigens auch ihr „Verwandter“, die sehr skurril aussehende Panzerzahnechse, von der es eine Skelettreplik sowie ein lebensgroßes Modell zu sehen gibt.

Der Landgang der Schildkröte dürfte dann auch der Grund ihrer Größenbegrenzung gewesen sein. Noch größere, schwerere Tiere wären kaum in der Lage gewesen, ihren Körper noch aus dem Wasser zu wuchten.

Ein weiteres Schildkrötenmodell ist am Ende der Ausstellung zu sehen: Eine Lederschildkröte, die heutzutage größte Schildkrötenart. Als Erfolgsmodell wird dort die Schildkröte vorgestellt, denn es gibt sie seit über 260 Millionen Jahren, wohl anfangs als Landtier, die ältesten Überreste von Meeresschildkröten sind „nur“ rund 125 Millionen Jahre alt.

Zahlreiche Katastrophen der Erdgeschichte haben sie überlebt. Jetzt aber sind sie vom Aussterben bedroht – nicht nur die sieben noch existierenden Meeresschildkrötenarten. Zu einer tödlichen Bedrohung hat sich unter anderem der Plastikmüll der Meere entwickelt. Schildkröten, deren Hauptnahrung Quallen sind, können diese von im Meer treibenden Plastikstücken nicht unterscheiden. Da sie keine Zähne haben, schlingen sie Plastikmüll herunter und verenden jämmerlich daran..

So könnte ein Millionen Jahre dauerndes Erfolgsmodell schon bald sein tragisches Ende finden…

Text und alle Bilder: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor.

2 Kommentare


  1. Vielen Dank für diesen wertvollen Hinweis


  2. Ein sehr schöner Beitrag.
    Allerdings möchte ich anmerken, dass es sich beim Paläo-Aquarium nicht um einen Film, sondern um eine Echtzeitanwendung mit der Game-Engine Unity handelt.

    Alle Animationen werden mithilfe eines Algorithmus ausgewählt und dargestellt. Die Fisch-Schwärme sind nicht animiert, diese Schwarmfunktion werden in Echtzeit errechnet, sodass sich nie etwas wiederholt. Alle größeren Saurier sind natürlich animiert und können sich daher auch mal wiederholen. Jeder große Saurier hat jedoch mehrere Animationen, welche auch zufällig ausgewählt werden können. Insgesamt gibt es über 30 verschiedene Animationen aller Saurier. Die Fischschwärme integrieren dann mit den Sauriern (schwimmen weg oder werden verschreckt).

    Sollten sie weitere Fragen haben, können Sie mich gern kontaktieren.

    Liebe Grüße

    Joachim Lipka (MotionBrain)
    Die Infografen

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