Auf Schildkrötensafari mit Elke Wallrapp (Folge 68)

Ganz in der Nähe vom „Champ de Mars“ und dem Menschenrechtsdenkmal von Ivan Theimer treffen wir auf eine weitere, etwas ungewöhnlichere Schildkrötendarstellung.

Circa 700 Meter entfernt, in der Avenue Rapp 29, befindet sich ein sehr sehenswertes und extrem extravagantes Jugendstilhaus.
Entworfen wurde es von dem französischen Architekten „Jules Aimé Lavirotte“ (1864-1929), der für seinen exzentrischen (Jugend-) Stil bekannt war.
Weitere Bildhauer und sein Freund, der Keramiker „Alexandre Bigot“ (1862-1927) unterstützten ihn.
Das Haus wurde zwischen 1900 und 1901 als siebengeschossiges Mietshaus erbaut und im Jahr 1903 erhielt es den Fassadenpreis der Stadt Paris.

Wenn wir uns die Fassade näher anschauen, fällt uns sofort die unregelmäßige und asymmetrische, fast überladene Gestaltung auf.
Es wurden viele Materialien verwendet – Stein, Sandstein, Stuck und Keramik in natürlichen Farben, jedoch öfters mit schillernden Farben aufgehellt.
Als erstes sticht die spektakuläre Eingangstür und dann die unterschiedlichen Balkone ins Auge.

Wir entdecken Blumen, Tiere, figürliche Darstellungen, Wellen, Bogen und Rundungen. Das Haus ist ein sehr aufwendiges und phantasievolles Gesamtkunstwerk.
Nichts ist zufällig – alles hat seine Bedeutung!

Und so entgeht uns natürlich auch nicht, dass viele erotische Symbole in der Fassadengestaltung versteckt wurden, denn Monsieur Lavirotte galt als Verfechter der sexuellen Symbolik.

Aber schauen wir uns ein paar Einzelheiten an – denn irgendwo muss ja auch unsere Schildkröte sein.

Am auffälligsten ist natürlich das Eingangsportal. Eingerahmt von „Adam und Eva“ – sie kokett und er etwas verschämt – sehen wir in der Mitte die Büste einer schönen Frau mit fließendem, langen Haar. Um ihren Hals trägt sie ein Fuchsfell mit herunterhängenden Krallen. Das Bildnis wird oft als eine Darstellung von Lavirottes Frau bezeichnet.
Die Eingangstür selber wird als die Darstellung eines umgekehrten Phallus interpretiert. Und ja, schauen wir genau hin, dann können wir es auch sehen! Ein bisschen Fantasie gehört natürlich dazu (die Eichelspitze zeigt nach unten).

Weitere „sündige“ Symbole können wir ebenfalls entdecken, ein paar davon schauen wir uns näher an.

Unter dem mittleren Balkon befinden sich zwei Bullenköpfe – diese sind ein Symbol für die Männlichkeit.
Als Türgriff fungiert eine Eidechse – das französische Wort Eidechse war zum Bauzeitpunkt ein Umgangswort für das männliche Geschlecht.

Und unter einem Fenstererker (über einem Balkon) entdecken wir unsere Schildkröte (sie ist nicht so eindeutig zuzuordnen, sie hat Ähnlichkeit mit einer Meeres- und einer Landschildkröte). Auf jeden Fall wird sie doppelköpfig dargestellt und ist aus Keramik gefertigt.
Wir kennen sie natürlich in erster Linie als Symbol für die Weisheit und Langlebigkeit. Aber in manchen Kulturen symbolisiert sie auch die Fortpflanzung (legen zahlreiche Eier) oder wird als „Phallussymbol“ interpretiert – der heraus gereckte Hals und Kopf soll daran erinnern.
Vielleicht wird hier auch auf die Schildkröte als Gourmet Nahrungsmittel angespielt? Denn auch der Verzehr von Schildkrötenfleisch galt als „sündig“.
Leider gibt es keine genauen Hinweise darauf.

Viele andere Einzelheiten sind versteckt und möchten von den Besuchern entdeckt werden.

Auch dieses Haus besuchte ich mehrfach. Ein Betreten ist fast unmöglich und auch nicht gewollt. Bei Renovierungsarbeiten gelang es mir trotzdem einmal (ich musste auf die Tränendrüse drücken, denn der Arbeiter durfte eigentlich niemand reinlassen). So konnte ich den Balkon unterhalb der Schildkröte betreten und diese von ganz nah fotografieren – aber das war noch in der analogen Zeit und die Bilder sind vor lauter Aufregung gar nicht so gut geworden.

Text und alle Bilder: Elke Wallrapp. Alle Rechte bei der Autorin.

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