Panzer mitnehmen – selten eine gute Idee

 

Euböa 2017.
Bei meiner Suche nach Schildkörten durchstreife ich ein Gebiet, in dem ich ungewöhnliche viele gut erhaltene Schildkrötenpanzer entdecke, ebenfalls Unmengen von Panzerteilen und Knochen – mutmaßlich hat hier im Vorjahr ein Brand gewütet, dem die Tiere zum Opfer gefallen sind. Eine andere Erklärung komplett mehrerer unbeschädigter Panzer ohne Hornschilde will mir nicht einfallen. Spuren eines Feuers an verholzten und verkohlten Pflanzen, die dann doch wieder austreiben, bestätigen meinen Verdacht. Hier sind mehrere Breitrandschildkröten dem Feuer zum Opfer gefallen. Zurückgeblieben, Knochen, Panzerteile, ganze Panzer ohne Hornschilde. Es sind mehrere, die Sonne hat sie ausgebleicht.

Ich muss zugeben, einen Moment habe ich darüber nachgedacht, einen dieser Panzer mitzunehmen. Die Idee aber habe ich schnell wieder verworfen. Es gibt eine Reihe gewichtiger und weniger gewichtiger Gründe, dass ich den Panzer nicht eingepackt habe. Statt dessen habe ich ihn und auch weitere ausgiebig fotografiert. Das musste reichen.
Einen drapierte ich etwas pittoresk auf einen Stein, machte etwa 20 Fotos, dann ließ ich ihn dort liegen und zog weiter durch die Macchia.

Später in der Ferienwohnung sprach ich mit meiner Frau darüber, sie hatte gleich noch ein paar Gründe parat, dass das eine vollkommen idiotische Idee sei.
Trotzdem hat es mich gewurmt. Noch mehr aber nagte es, als ich ein paar Tage später wieder auf Streiftour war und einen Griechen traf, der wie selbstverständlich einen solchen Panzer unter dem Arm trug. Und das hat er ganz sicher nicht gemacht, um den Panzer irgendwo wieder abzulegen – es sei denn natürlich erst in seinem Auto und später bei sich zu Hause.
Letztlich aber ist das seine Entscheidung. Wenn er meint, dass er das tun muss, dann muss er es eben tun. Ich nicht.
Denn auch Teile oder Fragmente von Tieren (und Pflanzen!) streng geschützter Arten benötigen eine EU-Bescheinigung. Ohne diese ist weder eine Ausfuhr noch eine Einfuhr aus bzw. in andere Länder möglich. Wird man trotzdem erwischt, drohen Beschlagnahmung und Geldstrafen. Das gilt selbst bei Besitz und Nicht-Export in ein anderes Land. Es ist also auch keine gute Idee, einen Panzer aus einem Habitat mitzunehmen und damit den Garten des Ferienhauses zu „verschönern“, wenn man denn der Meinung ist, dass ein leerer Panzer dort einen Blickfang darstellt.

Warum nicht?

  1. Ist es verboten und kann beim Zoll heikel/teuer werden, wenn man erwischt wird (s.o.). Diesen Ärger mit all seinen Konsequenzen, möglicherweise noch dazu am Flughafen in einem fremden Land, kann man sich sparen. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht und auch wenn man den Eindruck hat, dass es der Polizei oder den Behörden in dem betreffenden Land herzlich egal ist – verlassen kann man sich darauf nicht und sollte es auch nicht tun.
  2. Einen Schildkrötenpanzer, den man ohne Papiere besitzt, kann man öffentlich niemandem zeigen. Will man auf sicherer Seite sein, wenn man sich des illegalen Besitzes bewusst ist, kann man ihn weder daheim in die Vitrine noch auf die Fensterbank stellen, keine Bilder davon in sozialen Netzwerken teilen. Man kann noch nicht einmal jemanden davon erzählen und sollte alle, die davon wissen, zu striktem Schweigen verpflichten. Natürlich ist es etwas anderes, wenn ich einen illegalen Schildkrötenpanzer oder z.B. eine illegale Waffe im Haus habe – aber trotzdem. Spätestens, wenn einem einer schaden will, könnte ein peinlicher Brief der Naturschutzbehörden ins Haus flattern.
  3. Davon mal ganz abgesehen: Was will man damit? Will man einen Panzer wirklich daheim im Wohnzimmer in der Vitrine oder auf der Fensterbank stehen haben? Wozu ist es notwendig, einen leeren Panzer zu besitzen?
  4. Vielleicht nicht das stärkste Argument, aber doch eine Überlegung wert: Schadet es nicht letztlich der eigenen Reputation erheblich, wenn man zum Beispiel in sozialen Netzwerken auf Einhaltung aller Gesetze und Verordnungen pocht und sich gleichzeitig selbst einen Sch… darum schert? Hält man Vorträge, schreibt Bücher oder Artikel in Zeitschriften und hat sich unter Schildkrötenhaltern einen gewissen Namen gemacht, könnte eine Leiche im Keller (oder Wohnzimmer oder wo auch immer) plötzlich die eigene Glaubwürdigkeit, Seriosität und den eigenen Anspruch erheblich in Frage stellen. Ist es das Wert?

Diese und ähnliche Argumente diskutierten wir im Griechenlandurlaub. Das Mitnehmen von Tieren aus ihren Habitaten ist nie eine gute Idee, das von Tierkörperteilen allerdings auch nicht – zumindest dann nicht, wenn es sich um Tiere geschützter oder streng geschützter Arten handelt. In der Presse ist immer wieder davon zu lesen, dass in einigen Urlaubländern Muschelsammler in erheblich Schwierigkeiten gekommen sind, weil es auch hier geschützte Arten gibt, dass der Zoll ein Auge darauf hat, was ausgeführt und was hierzulande eingeführt wird – ob nun im Ursprungsland gekauft oder einfach eingesammelt.

 

„Aber das Tier ist doch tot… eigentlich sind es nur ein paar Knochen. Das ist doch gar kein Tier mehr…“, mag ein Einwand sein. „Letztlich: Wem schadet es, wenn ich einen Panzer mitnehme?“

Der Zoll weiß aber nicht, ob der Panzer bereits von einem verendeten Tier stammt und einfach nur mitgenommen wurde. Der Zoll weiß auch nicht, ob die Muschel am Strand gefunden oder im Laden gekauft wurde, dort vielleicht angeboten von Souvenirhändlern, in deren Auftrag Muschelbänke leergeplündert wurden.
Niemand weiß, ob der Panzer der Meeresschildkröte, den man einem Händler abgekauft hat, noch vor den gesetzlichen Bestimmungen des Washingtoner Artenschutzabkommens präpariert wurde oder danach. Niemand weiß, ob das Tier vor ein paar Jahren illegal gefangen wurde, damit genau dieser Panzer an Touristen verkauft werden kann.
Zum Schutz der Tiere und Pflanzen wurde also das Gesetz konsequent auch auf Tierkörperteile und Produkte daraus erweitert. Prominentes Beispiel ist wohl der Handel mit Elfenbein, für dessen Gewinnung tausende Elefanten sinnlos getötet wurden, bis der Handel drastisch eingeschränkt wurde.
Nun ist nicht alles illegal auf dem Markt. Für viele Tierkörperteile ist ein Handel in eingeschränkten Maßen durchaus erlaubt. Solche Produkte gehandelt werden, aber sie benötigen eben – wie lebende Tiere – einen Nachweis. Das betrifft zum Beispiel auch Produkte aus Krokodilleder, für deren Verkauf ebenfalls eine Cites-Bescheinigung notwendig ist.

2011 haben wir auf dieser Seite einen Überblick darüber gegeben, was man tun kann, wenn ein Tier gestorben ist. Generell gilt das dort Gesagte noch immer:
Auf unsre Anfrage teilte uns damals Claudia Centner von der Pressesestelle des Landratsamts Erding mit: „Sie halten eine Griechische Landschildkröte, die besonders und streng geschützt ist (§ 7 Abs. 2 Nr. 13 Buchstabe a und Nr. 14 Buchstabe a Bundesnaturschutzgesetz – BNatSchG) und die legal nachgezüchtet wurde. Für diese Schildkröte besitzen Sie eine EU-Bescheinigung (Vermarktungsgenehmigung für ein nachgezüchtetes Tier, Art. 48 Abs. 1 Buchstabe c DVO). Sollte diese Schildkröte versterben, ist die EU-Bescheinigung ungültig geworden (Art. 11 Abs. 2 Buchstabe a DVO). Ungültige Bescheinigungen sind unverzüglich an die ausstellende Behörde zurückzusenden und können als Grundlage für die Neuausstellung einer Bescheinigung (Art. 51 DVO) verwendet werden (Art. 11 Abs. 5 DVO).“ Aber: Verendete Tiere besonders geschützter Arten aus der Haltung/Obhut des Menschen, die rechtmäßig eingeführt, rechtmäßig gezüchtet oder rechtmäßig der Natur entnommen wurden (z.B. importierte Papageien, Beizvögel, gezüchtete Landschildkröten), können präpariert werden, wenn der Legalitätsnachweis (Einfuhrgenehmigung, EG-Bescheinigung, Zuchtnachweis) beim Präparator vorliegt!“ Bei streng geschützten Tieren muss dem Präparator die EU-Bescheinigung oder CITES-Bescheinigung vorgelegt werden, damit dieser die Genehmigung einholen kann.
Was man genau tun sollte, weiß der zuständige Sachbearbeiter. So empfiehlt das Erdinger Landratsamt: „Sollte eine Präparation beabsichtigt sein (zeitnah!), ist grundsätzlich am besten, dies bei der Meldung des Versterbens der Schildkröte anzugeben. Dann wird zwar die EU-Bescheinigung auch im Original ungültig gezeichnet und an die ausstellende Behörde geschickt, allerdings kann dann parallel gleich eine neue EU-Bescheinigung für ein Präparat ausgestellt werden. Bei dieser neuen EU-Bescheinigung erfolgt ein Vermerk über die Nr. der alten Bescheinigung. Mit dieser EU-Bescheinigung ist dann das Präparat wieder im legalen Besitz und kann auch vermarktet werden.

Das macht noch einmal klar, dass man auch für Tierkörperteile eine EU-Bescheinigung braucht – zumindest aber bei alten Präparaten einen Herkunftsnachweis. Gelegentlich werden hierzulande über Kleinanzeigen Schildkrötenpanzer angeboten, gelegentlich finden sich solche Präparate auch auf Flohmärkten. Zum Beispiel habe ich diesen Panzer auf einem Flohmarkt am Hafen von Barcelona entdeckt.

So reizvoll es auch sein kann, ihn zu erwerben und mit nach Hause zu nehmen: Der Händler wäre wohl kaum in der Lage gewesen (ich habe nicht gefragt!), einen Herkunftsnachweis des Panzers mitzugeben, der den Behörden hierzulande entsprochen hätte. Die Möglichkeit, dass der Panzer, sofern er bei der Einreise entdeckt wird, beschlagnahmt wird, ist sehr groß. Und der Ärger gewiss.

Und das ist es meines Erachtens nicht wert.

 

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