Auf Schildkrötensafari mit Elke Wallrapp (Folge 63)

Von jeher unterliegen wir Menschen dem Jugend- und Schönheitswahn.
Vielleicht in der heutigen Zeit noch ein bisschen mehr wie früher – schauen wir uns doch nur die Illustrierten, die Männer- und Frauenmagazine und die Werbung an. Fast täglich werden wir damit konfrontiert, allen voran im Fernsehen und auch im Internet. Ist nicht jung aussehen, sich jung fühlen oder jung sein – schön und erstrebenswert? Ist damit nicht auch Erfolg und Ansehen verbunden?
Nur wie bleiben wir jung?

Schon immer ranken sich viele Erzählungen um eine „Quelle der ewigen Jugend“, dem Jungbrunnen. In vielen Märchen kommt diese Quelle vor und in vielen Kulturkreisen wird davon berichtet. Aber was genau geschieht dort?
Alte Menschen finden diese Quelle zufällig, trinken von ihrem Wasser oder baden darin und werden dadurch jünger – gleichzeitig auch agiler und oft von ihren Gebrechen geheilt. So manch einer wurde wieder zum Säugling, weil er zu gierig trank…!

Hin und wieder wird der Jungbrunnen auch mit dem ewigen Leben in Verbindung gebracht.
Der Jungbrunnen ist allgegenwärtig, er wurde besungen, in vielen Geschichten beschrieben und auch gemalt (z.B. von Lukas Cranach dem Jüngeren).

Nur wo befindet er sich?

Einige Kurorte werben damit – ihr Heilwasser soll verjüngen. Jedoch in Bad Harzburg können wir ihn besichtigen – den Jungbrunnen.

Nur alles ist anders, als wir denken…!

Mitten in der Stadt steht er, ein großer kreisrunder Brunnen aus Granit und Bronze. Sechzehn lustige, teilweise etwas ironische Figuren verzieren ihn. Einige davon stehen in direktem Bezug zur Stadt. Er steckt voller Metaphern, die entdeckt werden wollen.

Der Brunnen ist stufenförmig aufgebaut. Ganz oben befinden sich drei Wassergeister mit goldenen Flügeln, die das sogenannte „Wasser der ewigen Jugend“ in die Menge schütten (Hinweis auf die Heilquellen von Bad Harzburg, die den Brunnen speisen).
Auf den Brunnenstufen, im oder am Brunnenbecken können wir unter anderem einen alten Mann mit Stock, mehrere Frauen (u.a. Aphrodite, eine Frau mit einem Kater), die Bad Harzburger Sagengestalt „Krodo“, einen Mann mit Schwimmreifen, Kaiser Heinrich IV, ein Mädchen und weitere Bronzegestalten entdecken, die alle auf ihre Verjüngung hoffen. Und manchmal können wir sie schon entdecken – wir müssen nur genau hinschauen.

Eine Figur steht außerhalb des Brunnens, nämlich „Lüttchen Deubel“, ein kleiner Teufel, der in den Brunnen pinkelt.
Alle Figuren sind einzigartig und wurden etwas überzeichnet und frech mit unverwechselbaren Gesichtsausdrücken von dem Metallkünstler „Jochen Müller“ (1959 in Quedlinburg geboren) geschaffen.

Nur wo ist unsere Schildkröte?

Etwas abseits des Brunnens befindet sich eine Granitsäule mit folgendem eingravierten Text:

Der Jungbrunnen Bad Harzburg

Wer träumt nicht auch vom Jungbrunnen, der Wunderquelle, die ewige Jugend bringt?
Unser Jungbrunnen zeigt derben und erfrischenden Humor aus dem Harz.
Die Figuren zeigen sich hoffnungsfroh vor und vergnüglich nach dem Bade.
Diese wundersame Quelle, die belebt und erfrischt, sprudelt aus uns selbst heraus. Die Wirkung ist leicht erkennbar.
Schaue Dich nur um!
Lächeln und Lachen sind die besten Möglichkeiten, das Aussehen zu verbessern.
Ein Lächeln liftet (fast) alles.

Und genau hier, auf der Säule sitzt ein knuffig aussehender Hase und eine lachende Landschildkröte.
Der Hase ist mit Handschellen an einem Geldkoffer mit Schlitz gekettet und bittet mit folgendem Text um Spenden: 

„Der Hase ist ein scheues Tier, leicht kann man ihn erschrecken. Drum, wenn Du etwas geben willst, lass Deine Münzen stecken. Am liebsten hört dies kluge Tier das leise Rascheln von Papier“.

Natürlich stellte ich mir die Frage, was die Beiden dort machen, fand aber keine Antwort. Mein Verdacht ging in Richtung Tiersymbolik, was dann auch von Jochen Müller, dem Künstler, bestätigt wurde.
Denn unsere Schildkröte steht für ein langes Leben, für das Alter und die Beständigkeit und der Hase für eine ständige Erneuerung, für die Verjüngung und Schnelllebigkeit, sprich für den Lauf der Zeit.
Auf eine Besonderheit machte mich der Künstler noch aufmerksam. Ein Beinchen der Schildkröte hängt „über dem Abgrund“, also über den Säulenrand. Auch hier ist ein Hinweis auf das Leben versteckt – denn es kann gefährlich werden oder sogar sehr kurz sein.

Der Brunnen ist einzigartig und wunderschön anzusehen. Auch mir entlockte er ein Lachen. Sogar immer wieder, je genauer ich mir die Details anschaute. Freude bereiten auch das ungleiche Paar – der Hase und die Schildkröte.
Und wenn wir genau darüber nachdenken, dann ist es wahr, was der Brunnen uns mitteilen möchte – wir sind selber für unsere Jugendlichkeit verantwortlich. Sie wird durch unsere Geisteshaltung beeinflusst, von unserem Inneren und nicht von oberflächlichen Äußerlichkeiten.
Passt da nicht auch der Spruch „ man ist immer so alt, wie man sich fühlt?“

Vielen Dank an den Künstler Jochen Müller für die erklärenden Zeilen und für die fantastischen Figuren.

(Weitere Informationen siehe unter https://www.junicke-co.de/engagement/foerderverein-jungbrunnen ).

Text und Fotos: Elke Wallrapp. Alle Rechte bei der Autorin.

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