Testudo hermanni hermanni – wunderschön, und trotzdem krank

Von Barbara Hentschke

Immer wieder machen wir Halter auf die Notwendigkeit von Quarantäne und Tests auf Mykoplasmen, Herpes und Co aufmerksam. Meist kommt die Antwort: „Die Tiere sehen sehr gut aus und sie sind gesund“. Auch Tierärzte, die nicht auf Schildkröten spezialisiert sind, gehen oft nach dem Aussehen und bestätigen so die Meinung, dass bei so schön glatt gewachsenen Tieren keine Quarantäne eingehalten werden muss. Auch weitere Untersuchungen werden nicht veranlasst. Gerade eine Blutuntersuchung ist sehr wichtig bei Neuaufnahmen.
Im August 2018 wurden zwei wunderschöne Testudo hermanni hermanni bei einem Freund von mir abgegeben. Sie sind so schön gewachsen, dass man denken könnte, es wären Wildfänge. Keinerlei Anzeichen von einer Erkrankung.

Ein Test brachte jedoch schnell das Ergebnis: Beide Tiere wurden positiv auf Mykoplasmen getestet. Herpestest war gottseidank negativ.

Da mein Freund auch tropische Landschildkröten hält, war klar, er muss die Tiere schnellstmöglich vermitteln, da ansonsten Gefahr für seine vorhandenen tropischen Schildkröten bestand. Da ich eine positive Mykoplasmengruppe habe, erklärte ich mich bereit, die beiden Tiere zu übernehmen.

Ein Frühbeet wurde aufgebaut und die beiden Schildkröten bekamen ein kleines eigenes Freigehege. Während der Saison zeigten sich beide Tiere unauffällig. Sie fraßen gut und nahmen auch zu. Und ich wollte die Tiere jetzt nicht nochmals mit einer Blutentnahme stressen, und verzichtete auf eine Blutuntersuchung, um zumindest Nieren- und Leberwerte zu überprüfen. Die Tiere hatten klare Augen, keinerlei Ausfluss aus der Nase, sodass ich dachte, ich gehe hier kein Risiko ein und ich hätte Zeit bis nach der Starre für eine Blutuntersuchung.
Die Vorbereitung auf die Starre verlief ebenfalls problemlos. Beide Tiere verhielten sich absolut unauffällig.
Im Januar 2019 wurde dann plötzlich das männliche Tier wach und lief durch das Frühbeet. Ich dachte mir auch da nichts dabei, zumal ein Testudo hermanni boettgeri Weibchen habe, die sich seit Jahren hin und wieder mal während der Starre zeigt, dann aber wieder abtaucht, wenn es kälter wird.
Es wurde langsam kälter und kälter, aber jeden Tag lief das Männchen durch das Frühbeet. Als die Temperaturen dauerhaft auf 4 -5 Grad runter gingen, dass Männchen aber immer noch nicht zur Ruhe fand, war mir klar: hier stimmt was nicht.

Nach Rücksprache mit meinem Tierarzt, der sich seit vielen Jahren auf Reptilien spezialisiert hat, holte ich dass Männchen in die Innenhaltung und wärmte es langsam auf. Zwei Tage später fuhr ich dann mit dem Männchen zu meinem Tierarzt. Eine Blutuntersuchung wurde gemacht, mit einem fatalen Ergebnis. Die Harnsäurewerte waren so hoch, dass das Messgerät den Wert nicht mehr anzeigen konnte.

Mein Tierarzt empfahl zunächst täglich zweimal warm baden und nach zwei Wochen erneut eine Blutuntersuchung vorzunehmen. Wenn die Werte fallen, kann man auf Allopurinol verzichten.
Ich habe dann auch das zweite Tier reingeholt und langsam aufgewärmt, da beide Tiere aus derselben Vorhaltung kommen, also zu befürchten stand, dass auch dieses Tier erhöhte Harnsäurewerte hat.

Nun wurde 2 Wochen lang täglich zweimal gebadet. Als Badezusatz habe ich Goldrute und getrocknete Mariendistel benutzt. Goldrute (auch Solidagotee) ist bekannt dafür, dass er die Harnsäurewerte absenkt, Mariendistel ist für die Leber.

Da die Tiere nicht fraßen, ging in den nächsten 4 Tagen das Gewicht erst mal nach unten. Am 5. Tag fingen die Tiere gottseidank dann an zu fressen und das Weibchen nahm dann auch gut zu. Das Gewicht des Männchens stagnierte erst, ging aber dann langsam runter.
Jetzt hieß es warten auf den nächsten Tierarzttermin. Warten und hoffen, dass die Werte gefallen sind.

Der zweite Tierarztbesuch fand dann 2 Wochen später statt.

Zunächst wurden die Nierenwerte des Weibchens überprüft. Der Harnsäurewert lag bei 6.0 mg/dl, was zwar auch stark erhöht ist, aber zunächst nicht beunruhigend. Sie wird weiterhin täglich gebadet und bekommt täglich ein homöopathisches Aufbaumittel gespritzt, welches auch Solidago enthält.

Der Wert des Männchens hat sich leider nicht verändert. Um den genauen Harnsäurewert zu überprüfen, wird nun eine Blutprobe an ein Labor verschickt. Und an der Gabe von Allopurinol kommen wir bei dem Männchen leider nicht mehr vorbei. Auch er wird weiterhin täglich gebadet und bekommt das Aufbaumittel gespritzt.

Jetzt heißt es abwarten und hoffen, dass die nächste Blutuntersuchung in zwei Wochen ein positiveres Ergebnis zeigt.
Was mir wichtig ist, verlasst euch nicht darauf, dass die Tiere augenscheinlich gesund aussehen, wunderschön gewachsen sind und nach Übernahme munter sind und fressen. Haltet Quarantäne ein, lasst entsprechende Tests machen und vergesst auch eine Blutuntersuchung nicht.

Auch wunderschön gewachsenen und aussehende Tiere können schon dem Tod geweiht sein, ohne dass es uns auffällt.
In diesem Sinne wünsche ich euch allen eine schöne neue Saison und dass all eure Schildkröten gesund und munter aus der Starre erwachen. Und ich wünsche mir, dass meine beiden Thh das nächste Frühjahr erleben werden und ihre neue Haltung genießen dürfen.

Text und Bilder: Barbara Hentschke. Alle Rechte bei der Autorin

4 Kommentare


  1. Hallo,

    oh, das mit dem Männchen tut mir sehr leid. Ich habe so gehofft, dass es beide schaffen.

    Der Bericht liest sich tragisch. So schade, dass er starb.

    Für das Weibchen drücke ich weiterhin beide Daumen!

    Alles Gute und danke für die schnelle Antwort.

    Viele Grüße

    M. :)


  2. Hallo M.

    dem Weibchen geht es ganz gut, die Nierenwerte fallen und sie dürfte es schaffen. Sieht sehr positiv aus.

    Das Männchen hat es leider nicht geschafft. Nach 7 Wochen intensiver Behandlung musste es leider euthanasiert werden. Wir haben ihn obduzieren lassen. Er hat eine Nierengicht im Endstadium. Er hat wohl von Anfang an keine Chance.

    Ich kopiere hier mal den Obduktionsbericht rein.

    „Pathologischer Befund (Untersucht durch: Fr. Leporin) Tierkörper: vollständig Ernährungszustand: abgemagert Erhaltungszustand: beginnende Autolyse/Fäulnis Lunge: dunkelrot Magen: leer Dünndarm: weitgehend leer Dickdarm: distal Kotanschoppung, grünbraun, fest Nieren: deutlich vergrößert, derb, durchsetzt mit miliaren, weißlichen, kristallinen Herden Geschlechtsorgane: männlich
    Pathologisch-histologischer Befund (Untersucht durch: Dr. Petersen) Lunge: diffuse Stauungshyperämie, diffuses interstitielles Ödem Leber: disseminierte feine herdförmige akute bis chronische granulomatöse Hepatitis mit zentraler strahlenförmiger Aufhellung (V.a. Gichttophi) Niere: höchstgradige disseminierte chronische Nierengicht mit granulomatösen Gichttophi und hochgradigem Strukturverlust Dünndarm: hochgradige diffuse lymphohistiozytäre Enteritis mit Zottenatrophie, multifokaler Bildung von mehrkernigen Reisenzellen und Beteiligung von wenig Granulozyten Dickdarm: mittelgradige diffuse granulozytäre (eosinophile) Infiltration Gehirn: disseminierte mononukleäre Enzephalitis Herz, Schilddrüse, Pankreas:ohne besonderen pathomorphologischen Befund“

    Barbara Hentschke


  3. Hallo,

    wie geht es den Tieren jetzt?
    Ich hoffe, dass sie es beide geschafft haben.

    Viele Grüße

    M.


  4. Update:
    Die Laboruntersuchung vor 2 Wochen ergab einen URIC-Wert von 34,9 mg/dl. Normal wäre 2,5 mg/dl. Nach zwei Wochen Allopurinol sind die Werte des Männchens jetzt erst mal auf 9,8 mg/dl gefallen. Leider ist das noch kein Grund für Entwarnung. Das Männchen bewegt sich seit Tagen kaum noch und die Augen sind trotz täglichem Baden sehr eingefallen. Zusätzlich zum Allopurinol bekommt er jetzt noch Kochsalzlösung gespritzt, damit er mehr Flüssigkeit bekommt. Da er nach wie vor nicht selbständig frisst, muss jetzt auch noch zwangsernährt werden mit einem Aufbaufutter für geschwächte Tiere. Wir versuchen aber trotzdem alles, die nächste Blutuntersuchung in 4 Wochen wird dann entscheiden, ob er eine Chance hat oder nicht.

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