Starren sie schon oder ruhen sie noch?

Von Barbara Hentschke

Es ist Spätherbst und die europäischen Landschildkröten bereiten sich mit großen Schritten auf die Starre vor. Es herrschen noch sehr ungewöhnlich milde Temperaturen in Deutschland. Tagsüber erreichen wir oft noch frühlingshafte 15 Grad. Und natürlich haben wir Gewächshäuser oder Frühbeete, in welchen es noch wärmer ist. Und trotzdem sind schon einige Schildkröte seit Wochen abgetaucht. Ist das schon Starre?
Starre beginnt, wenn die Temperaturen dauerhaft bei 5-6 Grad (tagsüber!) liegen. Beachten sollten wir, dass die Tiere sich im Frühbeet oder Gewächshaus aufhalten, es kommt also auf die Temperaturen im Schutzhaus an. Dazu kommt, dass bereits in 10 cm Tiefe wärmere Temperaturen vorherrschen, als in der Umgebung. Einige Tiere sind aber noch tiefer abgetaucht. Bis die Kälte dort ankommt, dauert sehr lange.

Für Halter, bei denen die Tiere in ihrer gewohnten Umgebung (Frühbeet oder Gewächshaus) starren, ist diese Frage völlig unerheblich. Wir bieten Futter und Wasser an und überlassen es den Tieren, ob sie noch fressen oder auch baden und trinken möchten. Wir greifen nicht ein, verlassen uns auf den Instinkt der Tiere und liegen damit auch immer richtig. Sind alle Tiere vergraben, schalten wir die Lampen aus und warten geduldig auf den Frühling.

Bei mir sind 10 von 13 Schildkröten seit zwei Wochen so tief vergraben, dass man nur noch ahnen kann, wo sie sind. In meinem Gewächshaus gibt es eine vergrabene Mörtelwanne als Überwinterungsgrube. Über der Mörtelwanne breite ich im Spätherbst eine dicke Schicht Stroh aus. Die Mörtelwanne ist mit Backsteinen umrandet und abgedeckt. Es gibt eine Öffnung, damit noch wache Tiere jederzeit raus und sich unter den Lampen aufwärmen können. Futter und Wasser wird natürlich auch noch angeboten. Und eine Schildkröte, eine 61 jährige weibliche Testudo hermanni boettgeri , ist noch munter unterwegs und frisst auch noch gut. Die beiden anderen wachen Tiere sonnen nur noch gelegentlich, fressen aber nicht mehr. Egal ob wach und noch am Fressen, oder schon seit 2 Wochen vergraben, dass ist noch keine Starre, das gehört alles noch zur Vorbereitung auf die Starre.

Ich überwache die Temperaturen im Gewächshaus mit dem Klimalogg Pro. Die Fühler des Senders liegen jeweils bei den Tieren, die sich am wenigsten vergraben haben. Der Sender steht bei mir im Terrarienzimmer. Geht die Temperatur an einem Sender unter 2 Grad, geht der Alarm am Empfänger an und ich könnte eingreifen und die Umluftheizung anschalten. Das war aber bisher noch nie nötig.


Aktuell (18.48 Uhr) beträgt die Temperatur im Gewächshaus 10 Grad. Ich überwache die Temperatur in der Überwinterungsgrube mit einem Klimalogg Pro. Der Fühler liegt locker auf der Erde unter dem Stroh. Und hier herrscht eine Temperatur von 13,2 Grad.

Die Frage: „Ist das schon Starre“, ist wichtig für alle Halter, die ihre Schildkröten extern überwintern.
In den sozialen Medien, hier vor allem in Schildkröten-Facebookgruppen, kann man lesen, dass jetzt schon Tiere in ihre Überwinterungskisten gesetzt und in Keller, in die Garage oder in den Kühlschrank verbracht wurden. Seit Wochen erklären wir das System Vorbereitung auf die Starre und wie sich die Tiere vorbereiten, und vor allem, ab wann sie starren. Diese Beiträge werden nicht beachtet. Wenn man nachfragt, warum das Tier jetzt schon im Kühlschrank sitzt, kommt immer die Antwort: „Sie hat schon seit zwei Wochen geschlafen.“ Und eine große Rolle für dieses Verhalten spielt die Angst, die Tiere könnten verhungern. Diese Angst ist völlig unberechtigt. Im Gegenteil, die Tiere die sich bei mir schon sehr früh vergraben und ruhend auf die Starre vorbereiten, nehmen am wenigsten ab. Und meine Amanda, die noch im November rumläuft, sich sonnt und auch noch verhalten frisst, nimmt jedes Jahr am meisten ab. Ist doch klar, sie verbraucht Energie und frisst nicht mehr so viel, nimmt also ab. Die Tiere die sich schlafend auf die Starre vorbereiten, verbrauchen auch keine Energie mehr, halten ihr Gewicht also.

Was passiert, wenn man die Tiere zu früh in die Überwinterungskisten setzt?
Die Tiere werden in kleine Kisten gesetzt und an den Überwinterungsort gebracht. Bei den Temperaturen starrt noch keine Schildkröte. Das Tier bemerkt den Umgebungswechsel, gerät in Stress und wird unruhig. Und die Folge kann sein, dass das Tier jetzt stark abnimmt. Und die weitere Folge ist dann, dass die Halter die Starre unterbrechen, obwohl sie noch gar nicht begonnen hat.
Wie macht man es richtig?
Ganz einfach: Finger weg von den Schildkröten, bis sie wirklich fest starren.
Nochmals: Starre beginnt, wenn die Temperaturen dauerhaft bei 5-6 Grad (tagsüber im Schutzhaus!) liegen. Das ist erfahrungsgemäß nie vor Dezember der Fall.
Wartet man geduldig ab, bis es soweit ist, werden die Tiere den Umzug in den Kühlschrank nicht bemerken und in aller Ruhe weiterstarren.
Noch ein kleiner Tipp am Ende: Keine Starre im Kühlschrank ohne den UT 300. Man stellt den Kühlschrank auf rund 5 Grad ein. Den UT 300 programmiert man so, dass er dem Kühlschrank bei 4 Grad den Strom abschaltet und bei 6 Grad wieder einschaltet. Er wird also als Sicherheit eingesetzt. Es gab leider schon einige im Kühlschrank erfrorene Tiere, weil der Kühlschrank defekt war und nicht mehr abschaltete. So kann auch aus einem Kühlschrank ein Gefrierschrank werden.

Mehr über Winterstarre könnt ihr auch gerne auf meiner Homepage Barbaras Testudofarm nachlesen.

Text und Bilder: Barbara Hentschke. Alle Rechte bei der Autorin

1 Kommentar


  1. super Beitrag, Barbara :-)
    diese Frage taucht ja regelmäßig in den Schildkrötengruppen auf

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