Auf Schildkrötensafari mit Elke Wallrapp (Folge 59)

Fast nie allein und meistens von Kindern beklettert, stehen die beiden Bronzeschildkröten in der Mitte des „Place de la Victoire“ in Bordeaux. Neben ihnen schraubt sich ein 15 Meter hoher Turm aus rosafarbenem „Languedoc Marmor“ in den Himmel. Er besteht aus sechs Blöcken, die oben immer schmaler werden und wurde in Pietrasanta hergestellt.
Der „Place de la Victoire“ ist sehr lebhaft und liegt mitten im Studentenviertel. Bars und Restaurants säumen ihn, Straßenbahnen kreuzen ihn und hin und wieder sind Marktbuden zu entdecken.

Es dauert lange bis ich das Kunstwerk fast für mich allein habe und in Ruhe fotografieren kann. Für eine kurze Zeit beachtet niemand außer mir die ausdrucksstarken Schildkröten. Die wenigen sitzenden Menschen auf dem Turmsockel rutschen geduldig zur Seite, wenn ich die Bronzearbeiten genauer betrachten möchte.

Die beiden Schildkröten und der Turm bilden zusammen eine Installation, die dem Wein und der langen Geschichte des Weinbaus in Bordeaux und der angrenzenden Region gewidmet ist. Sie wurde im Jahr 2005 errichtet (Einweihung am 17.06.2005).

Geschaffen wurde das Kunstwerk von Ivan Theimer (*1944 in Olomouc/Mähren) einem tschechischen Bildhauer und Maler, der 1968 nach Frankreich auswanderte und heute teilweise auch in Italien lebt.

Schauen wir uns das Gesamtkunstwerk einmal näher an.
Zum einen erblicken wir den schraubenförmigen Turm, der alles überragt und von einem Kapitell gekrönt wird. An seinem Fuss befindet sich ein Stufenabsatz und vier reich verzierte, plastisch gearbeitete Bronzetafeln, die an Türen erinnern.
Viele unterschiedliche Bilder sind zu erkennen. Verschiedene Köpfe, menschliche Darstellungen (wie z.B. Satyrn, Bacchus, Medusen), Kinder mit Weintrauben spielend, Sehenswürdigkeiten von Bordeaux und dessen Weinregion, detaillierte Hinweise auf den Weinbau, Eidechsen, Schlangen und andere Tiere und immer wieder Schildkröten. Figürlich oder als Bild mit Rebstöcken und Pflanzen auf Ihrem Panzer dargestellt.

Bei jeder neuen Betrachtung fällt mir ein anderes Detail ins Auge – es ist ein Fest der Sinne!

Ein paar Schritte daneben, stehen Sie dann – die beiden Schildkröten aus Bronze. Die Oberfläche ist an manchen Stellen schon etwas blank, so oft werden sie geritten und berührt.
Die große misst 2,70 Meter, aus ihrem Maul hängen Weinreben heraus.
Die kleine Schildkröte ist 90 cm lang und wird von einem „Bacchus“, der auf einer kleinen Schildkröte sitzt, geritten.
Beide sind sehr aufwendig gearbeitet und auch hier fallen, bei näherer Betrachtung, unendlich viele Details ins Auge.

 

Die Panzer sind mit Reben, Köpfen, den Namen der großen Weingüter dieser Region, alten Münzen (weisen auf das Alter des Weinbaus seit den Römern hin) und mit vielen weiteren Schildkröten (aus deren Panzer oft Weinstöcke wachsen) verziert.

Und wieder stellt sich sich uns die Frage, warum Schildkröten?
In Ivan Theimer’s Werken finden wir sie fast immer – die Darstellung der Schildkröte. Diese Tiere sind voller Symbolik und in fast jeder Kultur zu finden. Durch ihre Langlebigkeit verkörpern sie die Kontinuität und Dauer, sie stellen eine Verbindung zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft dar.
Die Zeit spielt hier eine wichtige Rolle, denn guter Wein wird auch nicht an einem Tag gemacht!

Nach Aussage von Ivan Theimer benutzt er sie hier auch „als freundliche Präsenz der Natur“. Denn Passanten und insbesondere Kinder sollen Freude daran haben. Die Schildkröten erinnern uns an eine Welt, mit der wir, in der Stadt, nicht mehr so viel Kontakt haben und sie beruhigen mit Ihrer Langsamkeit und Langlebigkeit.

Mit Sicherheit habe ich nicht alles gesehen, nicht alles beschrieben und nicht jedes Detail erkannt. Ich glaube ein Besuch reicht dafür nicht. Und wahrscheinlich findet ein anderer Betrachter ganz andere Details, denn ich habe hauptsächlich nach den Schildkröten geschaut.

Vielen Dank an den Künstler Ivan Theimer, der mir auf meine Fragen geantwortet hat.

Text und Fotos: Elke Wallrapp. Alle Rechte bei der Autorin.

1 Kommentar


  1. Danke, Frau Wallrapp, für diesen mal wieder ganz tollen Bericht mit wunderschönen Fotos.
    Gruß
    Hannelore

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wenn Sie einen Kommentar hinterlassen, speichert das System automatisch folgende Daten: Ihren Namen oder Ihr Pseudonym (Pflichtangabe / wird veröffentlicht)

1. Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtangabe / wird nicht veröffentlicht)
2. Ihre IP (Die IP wird nach 60 Tagen automatisch gelöscht)
3. Datum und Uhrzeit des abgegebenen Kommentars
4. Eine Website (freiwillige Angabe)
5. Ihren Kommentartext und dort enthaltene personenbezogene Daten

Achtung: Mit Absenden des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und die IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden. Weitere Informationen zu Akismet und Widerrufsmöglichkeiten.