Mail von Michaela – Wenn Babyschildkröten Schockverliebtheit auslösen.

Tierbabys sind toll. Meine winzigen Schildkröten machen da keine Ausnahme. Und so zeige ich sie nicht nur in diversen Facebook-Gruppen immer wieder mit unumwunden zugegebenen Stolz. Auch in meinen eigenen Account lade ich gelegentlich Bilder hoch – und erreiche dort viele meiner realen und virtuellen Freunde. Damit allerdings auch viele Menschen, die bisher mit Schildkröten nicht viel am Hut hatten. Zwar habe ich immer schon das eine oder andere Mal eines der Tiere gezeigt, meine Freunde wissen also, dass ich mich für Schildkröten begeistern kann, aber mit Babybildern ist das eben doch noch mal etwas ganz Anderes. Die Püppis, so nenne ich kollektiv die gesamte Nachzuchtenschar des Jahres, finden Fans.

Und so erreichen mich noch im Herbst 2018, als die Tiere wenige Wochen alt sind, erste Anfragen – das geht hin bis zu „offiziellen Adoptionsanträgen“. Sprich: Es gibt Freunde, die ich vielleicht für die Schildkrötenhaltung begeistern kann.

Michaela, mit der ich ein anderes Hobby teile und deren Name ich an dieser Stelle geändert habe, allerdings fragt nicht für sich selbst. Sie schreibt: Hallo Lutz, Sohn 1 hat sich in die Püppies verliebt. Meinst du, Schildkröten sind geeignete Haustiere für einen 12jährigen? Wenn ja, bräuchte ich mal eine Beratung zu Voraussetzungen und artgerechter Haltung.

Ich verspreche, ihr ausführlicher zu antworten und schreibe an einem Abend etwa drei Seiten Text. Da es nicht nur Michaela so geht, dass sich Menschen in Schildkrötenbabies spontan verlieben, möchte ich diese Antwort hier in Auszügen veröffentlichen:

Guten Morgen M.,

Ich finde es toll, wenn sich Kinder für Tiere begeistern können und sich von ihnen faszinieren lassen. Gerade natürlich bei Schildkröten, das ist ja naheliegend. Die Tiere haben wirklich etwas ganz Besonders. Im Prinzip ist auch ihre Haltung nicht sonderlich kompliziert. Vielleicht ist es das Beste, sich vorab etwas schlau zu machen. Ich empfehle Euch dazu ein Buch, das für Einsteiger wirklich ganz ausgezeichnet ist, es macht Lust auf Schildkröten und informiert sehr anschaulich über alles, was man wissen sollte. … Es ist auf jeden Fall eine lohnenswerte Investition, selbst, wenn man sich danach entscheidet, lieber doch keine Schildkröten haben zu wollen, ist es besser, das Buch gekauft zu haben als spontan eingestiegen zu sein in das Hobby, viel Geld investiert zu haben und frustriert zu sein.

Ich möchte allerdings noch viel weiter im Vorfeld bitten, Euch mal über diese Punkte Gedanken zu machen.

Schildkröten wachsen

Babyschildkröten sind kaum drei Zentimeter groß, wiegen 10g und sine unendlich putzig und niedlich. Aber sie bleiben nicht so. 14 Jahre später wiegen sie etwa eineinhalb Kilo oder mehr und haben die Größe einer Honigmelone. Und sie wachsen weiter, ein Leben lang. Wenn dann auch nicht mehr so schnell.

Schildkröten werden alt

Europäische Landschildkröten können 80 Jahre alt werden, oder mehr. Das ist ein Zeitrahmen, den man immer im Hinterkopf haben sollte, die Tiere werden uns also überleben. Damit möchte ich jetzt nicht den Gedanken darauf lenken, was aus den Tieren wird, wenn wir mal nicht mehr sind (darüber denkt man irgendwann sowieso nach). Ich möchte nur klar machen, dass man sich sehr lange an ein Tier bindet – anders als bei den meisten anderen Arten, in denen man ja immer im Hinterkopf hat, wenn das Tier irgendwann mal nicht mehr ist, dann…

Schildkröten brauchen Platz

Eine sinnvolle, naturnahe und artgerechte Haltung für solche Tiere ist nur möglich, wenn man im Garten ein Gehege baut. Das mag am Anfang noch klein sein, muss aber mit dem Alter der Tiere (und der Zahl im Gehege) mitwachsen. Da gehen dann schnell mal 20, 30 oder 50qm Garten drauf. Das muss man mögen. Hinzu kommt, dass man diese Gehege gestalten muss, was sehr viel Spaß macht, aber eben auch ein Gewächshaus oder ein größeres, stabiles Frühbeet mit Heiztechnik braucht. Dazu steht in allen Büchern enorm viel. Aber darüber muss man sich vorher Gedanken machen. Auf Torsten Kiefers Seite findest Du enorm viele Bildergalerien solcher Gehege. Die Seite enthält auch sonst schon viele supergute Informationen.
Eine Haltung dieser Art in einem Terrarium halte ich für Tierquälerei, und wenn man sich verhöckerte, verwachsene, gichtige, rachitische Terrarienschildkröten anschaut, dann ist das wohl auch nachvollziehbar.

Schildkröten sind Wildtiere

Das bedeutet für mich, dass sie möglichst ungestört ihr Leben leben. Das macht sie aber auch schnell „langweilig“ – denn außer sie zu besitzen und zu pflegen, ist da nichts. Sie müssen/wollen nicht bekuschelt oder beschäftigt, beschmust oder bespielt werden. Man muss sie nicht dressieren, nicht mit ihnen interagieren, es gibt zwar Leute, die das machen, ich persönlich finde das aber falsch. Entscheidend aber: sie geben eben nichts zurück von der Liebe, die sie empfangen – anders als Hunde oder Katzen. Das muss man mögen.

Bestandsänderungen immer einplanen

Das ist jetzt etwas kompliziert. Zwar schlüpfen Schildkröten als Männchen oder Weibchen aus dem Ei, aber erkennbar, was es ist, ist es erst, wenn die Tiere etwa 300g haben, also nach etwa 5 Jahren. Und das ist dann auch die Zeit, in der man seinen eigenen Tierbestand überprüfen und ggf. verändern muss. Ich erkläre das mal an einem Beispiel. Nehmen wir an, Ihr habt 3 Tiere. Irgendwann wisst ihr dann:

  • Drei Weibchen: Klasse. Da kann man dann vielleicht noch ein Männchen dazu setzen
  • Zwei Weibchen ein Männchen: Auch gut, kann so bleiben
  • Ein Weibchen: Zwei Männchen: Das gibt sehr wahrscheinlich enormen Stress, da die beiden Männchen immer wieder Kommentkämpfe (Rangordnung) ausfechten und beide versuchen, sich mit dem Weibchen zu paaren. Und Schildkröten sind da nicht nur sehr aktiv sondern auch enorm rabiat. Das kann für das Weibchen Riesenstress auslösen, so dass sie permanent auf der Flucht vor dem paarungswilligen Kerlen ist. Hier muss ein Männchen weg. Oder ein eigenes Gehege bekommen
  • Drei Männchen: Kann gut gehen, kann aber auch permanenter Stress sein, weil die stärkeren Tiere die unterlegenen permanent vertreiben wollen. Das endet unter Umständen mit heftigen Bissverletzungen. Da muss man in jedem Fall reagieren.

Nun ist es so, dass man idealerweise auf ein Männchen mehrere Weibchen hat – was dazu führt, dass man Weibchen schwer bekommt, und die werden, wenn sie Eier legen, auch richtig teuer. Andererseits wird man Männchen kaum los. Die will einfach niemand.

Ich will damit nur sagen: Man muss von Anfang an bereit sein, nach einigen Jahren sich vielleicht von Tieren zu trennen und den Bestand optimal anzupassen.

Kinder gehen – Schildkröten bleiben

Sehr wichtig, speziell für Euch: Wenn Euer Kind in vielleicht 10 Jahren das Elternhaus verlässt, was wird dann aus den Schildkröten? Wenn er dann vielleicht in eine Wohnung zieht, kann er die Tiere nicht mitnehmen. Dann habt Ihr sie zwangsläufig weiter im Garten. Das ist einer der Klassiker, dass dann immer Tiere vermittelt werden müssen, weil die Eltern die Tiere nicht weiter pflegen wollen oder können. Und wenn man dann bei einem Hund z.b. denkt: Ok, so lange lebt der ja dann auch nicht mehr, dann fangen die Schildkröten erst richtig an, zu leben….

Schildkröten sind ein Viertel des Jahres weg

Auch daran sollte man denken: Von etwa Ende Oktober/Mitte November bis in den März halten Schildkröten eine Winterstarre – tief eingegraben in der Erde zum Beispiel, geschützt im Gehege oder Frühbeet, sicher vor Frost und Fressfeinden. Oder zum Beispiel in einer Box in einem Extra-Kühlschrank. In dieser Zeit sind die Tiere einfach nicht zu sehen. Für viele Halter immer eine Zeit der Nervosität und Unruhe, aber umso schöner, wenn sie dann im Frühjahr wieder da sind.

Ich will Euch damit die Schildkrötenhaltung nicht madig machen, ich möchte nur, dass nach einer ersten Begeisterung für eine Idee eine nüchterne Überlegung einsetzt, ob das das Richtige für Euch ist.

Wenn Ihr denkt, dass das alles soweit passt, und Ihr Euch einlesen wollt, Fragen habt oder so – Du kannst mich jederzeit gern kontaktieren. Dann kommen sowieso noch die „Prüffragen“, die Ihr Euch auch noch überlegen müsst: Futtermanagement, Tierarzt in der Nähe, Was ist im Urlaub etc., bevor es an die wirklich praktischen Themen geht.

Wie gesagt: Das Hobby ist toll, es ist einfach unbeschreiblich entspannend, ein fertiges (man wird nie fertig) Gehege im Garten zu haben und das Leben darin zu beobachten. Die Tiere sind enorm faszinieren, strahlen eine Ruhe aus, aber auch eine Beharrlichkeit und Sturheit, die ich sehr genieße.

Wenn mal alles soweit ist, beschränkt sich der Pflegeaufwand fast nur auf Futter beschaffen und das Gehege in Schuss halten – alles sehr überschaubar, für viele ist das schon zu wenig, die haben immer was an ihren Tieren rumzufuhrwerken. Muss alles aber nicht sein.

Ich hoffe, das hilft Euch bei Euren Überlegungen, das ist jetzt eine recht lange Antwort geworden.

Falls Ihr Fragen habt – immer gern.

Liebe Grüße

Lutz

Meine Mail zeigt die beabsichtigte Wirkung. Schnell weicht die Spontanverliebtheit einem Nachdenken über genau die angesprochenen Punkte. Michaela antwortet: Ich hab‘s gelesen und danke Dir ganz herzlich für die ausführliche und sehr hilfreiche Antwort.
Das Problem, das ich sehe, ist, was passiert, wenn die Kinder mal aus dem Haus sind. Sie sollen dann nicht an die Tiere gebunden sein sondern sich, wie es sich für junge Erwachsene gehört, in der Welt rum treiben, studieren oder was auch immer. Aber will ich dann die Tiere und damit die Einschränkung für mich haben? Vielleicht will ich dann ja auch nochmal eine Veränderung und habe keinen Garten mehr. Darüber muss ich mir erstmal Gedanken machen.

In Absprache mit Michaela veröffentlichen wir an dieser Stelle die Korrespondenz.
Warum?
Weil ich der Ansicht bin, dass die Züchter von Schildkröten eine gewisse Mitverantwortung gegenüber den Neubesitzern haben. Es geht überhaupt nicht darum, jemandem dieses wunderbare Hobby madig zu machen. Es geht allerdings darum, einem Einsteiger nicht nur die schönen Seiten zu zeigen sondern auch bewusst zu machen, auf was er sich einlässt – insbesondere dann, wenn derjenige gar nicht so sehr selbst die Triebfeder ist, sondern dann, wenn auch Kinder im Spiel sind.
Klar – letzlich liegt das Wohl und Wehe der Tiere in der Verantwortung seiner Eigentümer. Aber es liegt an uns, wenn wir Tiere haben, die Eigentümer nicht ins offene Messer laufen zu lassen.
Ein paar Euro für die Schildkröten sind schnell verdient, wenn man sie nur intensiv genug auf dem Markt anbietet. Wem aber nützt das was, wenn die Käufer schnell die Freude am Tier verlieren, die Tiere zurückgeben wollen, um Hilfe bei der Vermittlung neuer Käufer bitten oder am Ende an Tierheime oder Auffangstationen abgeben wollen.
Da können wir ihnen auch gleich reinen Wein einschänken.
So sehe ich das.

Text und alle Fotos: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor.

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