Das Terrarium von Kerdanet

Plouagat ist ein kleines, unbedeutendes Nest in der Bretagne, rund 15 Kilometer von der Küste entfernt im Hinterland an der Verkehrsachse N12, die die Städte Rennes im Osten und Brest im Westen verbindet. Plouagat ist kein Ort, den man zwingend gesehen haben muss, jedenfalls meiner Meinung nach. Wäre da nicht ein Terrarium und Vivarium – eine Anlage von rund 5.000 Quadratmetern, einst eine Privatsammlung, jetzt ein Zoo, eine Auffang- und eine Aufzuchtstation für heimische, also französische Reptilien.
Begonnen hat alles vor rund 40 Jahren, als sich Madame und Monsieur Quistinic dieses Grundstück auserkoren, um dort Kreuzottern, wie sie in der Region leben, zu sammeln und zu züchten. Aber – und so ist es wohl oft: Wo sich einige Reptilien in menschlicher Haltung befinden, kommen schnell weitere hinzu. Und so entwickelte sich aus dieser Privatanlage eine ansehnliche Sammlung der französischen Herpetofauna, denn zu den Kreuzottern gesellten sich mit der Zeit zahlreiche andere Reptilien und auch Amphibien. Doch damit nicht genug. Geradezu zwangsläufig wurden Monsieur Quistinic immer mehr Tiere gebracht, ohne, dass er sie eigentlich haben wollte: Entlaufene und gefundene Tiere, ausgesetzte, verletzte, kranke. So, wie es viele Zoos. Privatzoos und Tierparks kennen., erging es auch ihm.
Die Quistinics konnten schlecht „Nein!“ sagen, erweiterten das Freilandterrarium um zahlreiche weitläufige Schildkrötengehege, Becken für Eidechsen, weitere Schlangengruben. Ein Tropenhaus kam 1989 hinzu, ein weiteres 1998. Es entstand Vivarium, in dem sich mittlerweile auch exotische Reptilien tummeln, Schlangen, Chamäleons, Krokodile, Warane – das alles zur Freude der Besucher, denn längst ist das Terrarium öffentlich zugänglich und kann gegen Eintritt besichtigt werden.

Ein wenig französische Sprachkenntnisse sollte man mitbringen, oder zumindest herpetologische Grundkenntnisse, denn an Hinweis- und Erklärungsschildern in anderen Sprachen mangelt es und auch das Personal vor Ort tut sich etwas schwer, Fragen auf Englisch zu beantworten. Und so erfahren wir beispielsweise an der Kasse mit Händen und Füßen und vielen Gesten auf große Schautafeln , dass Monsieur gerade aushäusig unterwegs ist. Irgendwo im Umland herrscht Schlangenalarm – ist es eine Natter oder eine Otter? Monsieur muss mal wieder ausrücken und begutachten.
Man gibt uns eine englischsprachige Mappe mit, in der kurze, prägnante Informationen, was in welchen Anlagen zu sehen ist oder sein sollte, zusammengestellt sind.

Dann empfiehlt man uns dem Rundgang zu folgen und lässt uns unserer Wege ziehen.
Einen anderen weg als den vorgeschlagenen Rundgang kann man ohnehin kaum machen, es sei denn in umgekehrter Richtung. Ich eile einem französischen Großvater davon, der mit seinem Enkel unterwegs ist. Lautstark stehen die beiden an der großen Schlangenanlage, sehen nichts, diskutieren und machen Radau – nicht gerade das, was die Tiere mögen und so huschen einige Ringelnattern schnell davon in ihre Versteckplätze.  Da ich in der Anlage fotografieren will, muss ich die beiden auf Abstand halten. Denn auch die vielen Europäischen Sumpfschildkröten sind wenig begeistert, wenn über ihren Köpfen heftige Unruhe herrscht. Viele verlassen sich nicht darauf, dass sie unter den auf ihren Panzern befindlichen Wasserlinsen schier unsichtbar sind und tauchen ab.

Gottseidank ist es ansonsten an dem späten Vormittag im Juli, als wir das Terrarium besuchen, sehr leer und ich kann in aller Ruhe Bilder machen. Einfach ist es nicht immer, zwar geht es bei den Spornschildkröten entspannter zu, aber deren Gehege ist so verwinkelt und schlecht einzusehen, dass Fotografieren der mächtigen und prächtigen Tiere ein wahres Geduldspiel wird. Nie befinden sie sich dort, wo man eine gute Perspektive hat – und wenn, dann selten so, dass sie sich so positionieren, wie ich das gerne für die Fotos hätte. Immer wieder aber kommt ein Exemplar in die Nähe des Zauns, dort wo ich stehe, und mir gelingen letztlich doch einige Bilder.

Weitere Gehege und Teiche liegen auf dem Weg. Es entstehen hunderte von Fotos diverser Schildkrötenarten:

Nicht nur von Schildkröten mache ich Bilder. Besonders angetan haben es mir die Perleidechsen, die aus Spanien nach Plouagat gebracht wurden. Sie haben ein großartiges, teiloffenes Terrarium, das in der prallen Sonne steht. Leider reagieren sie ebenfalls mit Flucht und Verstecken auf Bewegungen vor der Glasscheibe, zu ihnen muss ich noch einmal zurückkehren, nachdem sie aus ihren Versteckplätzen zurückgekehrt sind. Diese nämlich hatten sie fluchtartig aufgesucht, als der Großvater mit seinem Enkel gegen die Scheibe geklopft haben.

Über 250 Schildkröten beherbergt das Terrarium de Kerdanet, so habe ich es auf einem Flyer gelesen. Der größte Teil davon sind Europäische Landschildkröten, die niemand mehr haben wollte oder die gefunden wurde und deren Vorbesitzer sich nicht mehr haben ermitteln lassen. Ich bin überrascht, dass sich relativ wenige Rot- und Gelbwangenschmuckschildkröten auf den Sonnenplätzen in den Teichen stapeln.
Besonders interessieren mich natürlich die vielen Anlagen für die europäischen Arten, die nach Art, Unterart und Geschlecht getrennt gehalten werden. Eine Besonderheit bildet allerdings ein sehr großes „Männergehege“, in der die Tiere verschiedener Unterarten und Mischlinge isoliert werden, damit sie sich nicht weiter fortpflanzen. Leider ist niemand da, der mir erklären kann, wie die Quistinics es schaffen, dass die Tiere nicht fortwährend aufeinander losgehen – zumindest während der Paarungszeit.

Den Schildkröten sehen in ihren anlagen sonnige und schattige Plätze zur Verfügung, dazu Wasserstellen, Schutzhäuser und Versteckplätze aus Stroh.

Dem begünstigten Klima der Bretagene ist es wohl zuzuschreiben, dass keine Frühbeete oder Gewächshäuser aufgestellt werden, die Temperaturen entsprechen denen des Mittelmeerraums. Einige ältere Weibchen werden separat von den anderen Tieren gehalten. Andere Schildkröten leben in Geschlechtergruppen, so dass es auch in Plouagat zu Nachzuchten kommt. Die nach allen Seiten abgegitterten Kindergehege zeigt Tiere von 2009 und 2011, jeweils von Weibchen, die 1994 ebenfalls hier zur Welt kamen.

Während ich mir die Gehege anschaue, denke ich, dass ich das eine oder andere vielleicht anders machen würde – aber ich lebe auch nicht in der Bretagne sondern im deutlich raueren Klima des Voralpenlandes. Und auch nicht auf über 5.000qm Grund.

Wunderbar erklärt übrigens – auch ohne viel Text, wie das mit den Nachzuchten bei Schildkröten funktioniert.

Im Tropenhaus sind zahlreiche exotische Schlangen, einige Warane, Chamäleons und Geckos zu sehen – dazu auch eine Krokodilfamilie, eine besondere Attraktion für die jüngeren Besucher, für mich eher weniger interessant und noch weinger fotografierenswert. Ich halte mich lieber an die aufgeregte Hornviper, die sich an der Glasscheibe des Terrariums entlang schlängelt, unermüdlich züngelt und sich als dankenswertes Fotomodell zur Verfügung stellt.

Winzige, vor kurzem geschlüpfte Europäische Sumpfschildkröten werden in Babybecken gehalten, bevor sie zu ihren Artgenossen ins Freie, in die Teiche umsiedeln dürfen. Auch hier wäre es spannend, mehr zu erfahren. Aber die einzige Mitarbeiterin, die ich auf dem Gelände sehe, ist damit beschäftigt, einen Python aus einem Terrarium zu holen, es steht für eine gerade eingetroffene Kindergruppe eine „Schlangen-Show“ an, bei der die Kinder nicht nur sehr viel über die Riesenschlangen erfahren, sondern diese auch auf Wunsch berühren oder in die Hand nehmen dürfen. Die Arbeit mit Schulgruppen wird hier sehr groß geschrieben. Das ist wichtig und gut so – und gibt mir die Ruhe, in dem Gebäude zu fotografieren.

Auch für ausgesetzte und aus Seen und Teichen „abgefischte“ tropische Wasserschildkröten ist Platz. Auch in Frankreich ist die illegale Entsorgung von Tieren, derer die Halter überdrüssig geworden sind, in die freie Natur ein Riesenproblem, wenn auch der Anteil der Trachemys-Arten, die in Kerdanet aufgenommen wurden, überraschend niedrig ist.

Noch einmal kehre ich – gegen die allgemeine Laufrichtung und die zunehmende Besucherzahl- zu den Griechischen und den Maurischen Landschildkröten zurück, es entstehen noch einmal einige Fotos, dann ist dieser Ausflug in das kleine Terrarium de Kerdanet auch wieder vorbei.

 

Ein Sommerurlaub ganz ohne Schildkröten – wir fahren extra dorthin, wo es gar keine gibt!
Und dann das.
Wie soll das denn bitte gehen? Aber das erzählte ich ja bereits.

Weitere Informationen finden Sie auf der Betreiberseite des Terrariums, allerdings nur in Französisch.

Text und alle Bilder: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor.

1 Kommentar


  1. Toller „Reisebericht“ -:) Lutz, wenn ich mal in der Nähe bin besuche ich mal das Terrarium in der Bretagne.

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