Schlupfzeit = Urlaubszeit, gelegentlich ein Dilemma für Schildkrötenzüchter!

Von Editha Krüger

 

Auch wir Schildkrötenzüchter freuen uns auf eine sommerliche Urlaubsreise, wäre da nicht die Frage, was wir dann mit den um diese Zeit schlüpfenden Schildkröten machen sollen. Für meine herbivoren Landschildkröten konnte ich das noch relativ leicht beantworten. Ein rechtzeitig mit niedrigen Wildkräutern bepflanztes Frühbeet bzw. ein entsprechender Aufzuchtcontainer bietet den Schlüpflingen genügend Nahrung für übliche Urlaubslängen. Zur Not können eventuell auch noch nicht geschlüpfte Eier dort einfach vergraben werden. Die Entwicklung ist im August ja nahezu abgeschlossen. Einen Einfluss auf das Geschlecht hat eine gegebenenfalls etwas niedrigere Temperatursumme jetzt nicht mehr. Die hilfsbereiten Nachbarn müssen die kleinen Landschildkröten so nur noch mit frischem Wasser versorgen.

Abb. 1: Europäische Sumpfschildkröten Emys orbicularis orbicularis, Haplotyp IIa
Carnivore Schlüpflinge, wie meine Europäischen Sumpfschildkröten, stellen den Möchtegern-
Urlauber vor größere Probleme. Je nach Timing der Reise kann man versuchen den Schlupf durch Absenken der Bruttemperaturen im letzten Drittel bis zur Rückkehr hinauszuzögern. Sind die Tierchen schon geschlüpft, ist man noch etwas schwieriger dran. Häufig müssen sie zunächst mit Lebendfutter gefüttert werden, da Jagdinstinkt und Fresslust durch das Zappeln von Mückenlarven, Würmern und Co. erst angeregt werden müssen. Nun ist es aber den wenigsten Urlaubspflegern zuzumuten, Regenwürmer in mundgerechte Stückchen zu zerteilen oder auf Mückenlarvenjagd zu gehen (eigentlich sollen die Nachbarn von der gut gehenden Stechmückenzucht in der Regentonne ja auch möglichst wenig mitbekomme). Die frischen Schlüpflinge sofort in den Gartenteich setzen, in dem jederzeit genügend Lebendfutter vorhanden wäre, birgt die Gefahr hoher Verluste, auch durch die eigenen Eltern. Vor dem Urlaub ausreichend Mückenlarven ins Aufzuchtbecken zu setzen, geht auch nicht. Nach kurzer Zeit würden sich die Larven verpuppen und davonfliegen. Regenwürmer und Frostfutter auf Vorrat zu geben, ist ebenfalls keine Lösung. Totes Futter verdirbt im warmen Wasser innerhalb kurzer Zeit und verschmutzt es gefährlich.


Abb. 2: Ein Gelege von Emys orbicularis nach zwei Tagen im Inkubator, die weißen Flecken zeigen die erfolgreiche Befruchtung und beginnende Entwicklung an.

Was also tun? Nicht in Urlaub fahren oder das betreffende Jahr nicht züchten? Eine schwere
Entscheidung, denn zur Schlupfzeit 2018 hatte ich mir eine Traumreise nach Namibia und Südafrika ins Habitat meiner südafrikanischen Landschildkröten vorgenommen. Verschieben ließ sich die Reise nicht. Die beste Reisezeit ist August/September, wenn im südlichen Afrika der Frühling beginnt und in den Biotopen meiner kleinen Landschildkrötenart die Wüste blüht, was die Bestimmung von Futterpflanzen stark erleichtert. Andererseits züchte ich für Auswilderungsprojekte Europäische Sumpfschildkröten Emys orbicularis, die um diese Zeit gerade frisch geschlüpft sind und dementsprechend aufwändig versorgt werden müssen. Es wäre mir schwer gefallen, meine genetisch gut passenden Sumpfschildkröteneier wegen meiner bevorstehenden Urlaubsreise vernichten zu müssen. Je mehr Europäische Sumpfschildkröten ausgewildert werden, umso größer scheint mir die Chance, dass eine erfolgreiche, langfristig sich selbst erhaltende Wiederansiedlung in meiner Region, der Oberrheinischen Tiefebene, auch tatsächlich gelingt.
Ich habe mir daher einen „Trick“ bei Mutter Natur abgeschaut. Ein signifikanter Teil der Europäischen Sumpfschildkrötenschlüpflinge (Schindler, M.) sowie einige nordamerikanische Wasserschildkröten (Packard, G.C.) verlassen in der Natur die Nisthöhle nach dem Schlupf nicht sofort, sondern überwintern noch im Nest und suchen die Teiche und Seen erst im Frühjahr auf. Die noch vergrabenen Schlüpflinge zehren weiterhin vom Dottersack bis es so kalt ist, dass sie in die Starre fallen. Da sie sich kaum bewegen, kommen sie – genau wie vor dem Schlupf im geschlossenen Ei – mit dem wenigen Sauerstoff aus, der ihnen unter der Erde zur Verfügung steht. Mir wurde mal gesagt, dass auch einige amerikanische Schildkrötenfarmen, die Schlüpflinge zu Hunderttausenden für den Export produzieren, die Fähigkeit zur sofortigen Winterstarre nutzen, um „auf Halde“ produzieren zu können bis die Tierchen verkauft werden können.

Ähnliches habe ich mit einigen meiner 2018 geschlüpften Emys gemacht, damit Tiere und Nachbarn meine Abwesenheit wohlbehalten überstehen. Die zehn ca. 5 g schweren Schlüpflinge eines Zweitgeleges wurden – ohne auch nur einmal gefüttert zu werden – direkt nach dem Schlupf im Verlauf von knapp zwei Wochen runter gekühlt und verbrachten die Zeit bis zu meiner Rückkehr bei 4-6°C Wassertemperatur im Kühlschrank. In der Natur harren kleine Emys rund sechs Monate in der kalten Nisthöhle aus, vom Schlupf im September/Oktober bis März/April des folgenden Jahres. Ich habe die Länge der Starre bei diesem ersten Versuch allerdings vorsichtshalber auf ein Minimum (sechs Wochen) beschränkt.
Direkt nach meinem Urlaub kamen die Tierchen ins Aquarium und fingen innerhalb kurzer Zeit an wie üblich zu jagen und zu fressen. Negative Auswirkungen konnte ich nicht feststellen. Alle zehn Sumpfschildkröten-Schlüpflinge sind rundum fit und haben inzwischen schon deutlich zugenommen. Die Zunahme lag nach nur zwei Wochen bereits bei 20 – 50 %. Ich biete nämlich den Schlüpflingen bei jeder Fütterung bewusst relativ viel Futter an, damit auch die schwächeren Tierchen einer Gruppe ausreichend Nahrung vorfinden. Aber diese üppige Gewichtszunahm war Anlass die Anzahl der täglichen Fütterungen sofort von zwei auf eine zu reduzieren.


Abb. 3: Eine der kleinen Emys zwei Wochen nach Beendigung der Starre, sie hat in dieser kurzen Zeit von etwas mehr als 5 g (Schlupfgewicht, sowie Gewicht direkt nach der Starre) auf 7,5 g zugenommen.

Für Züchter von Emys orbicularis stellt eine Winterruhe direkt nach dem Schlupf also eine gut funktionierende, durchaus natürliche Option dar um Abwesenheitszeiten sicher zu überbrücken. Sie kann vermutlich auch noch deutlich länger ausfallen und bietet dadurch eine günstige Möglichkeit Schlüpflinge in kleineren Gruppen aufzuziehen. Bereits ein einziges Gelege kann bei Europäischen Sumpfschildkröten bis zu 15 Eier umfassen, und selbst bei reiner Freilandhaltung sind in warmen Sommern bis zu drei Gelege pro Saison möglich, wie das bei mir im Supersommer 2018 der Fall war.
Auch wenn Zweit- und Drittgelege kleiner ausfallen, sind dadurch jährlich bis zu 30 Eier pro Weibchen möglich.


Abb. 4: Emysschlüpflinge tanken Wärme beim Sonnenbad
Mehr als zehn Schlüpflinge sollte man jedoch nicht zusammen unterbringen, und manchmal ist sogar das schon zu viel. Stress in zu großen Gruppen führt dazu, dass schwächere Tierchen im Wachstum zurückbleiben und sogar erkranken können (eigene Erfahrung und B. Wolff, 2015). Werden Schlüpflinge aus Zweit- und/oder Drittgelegen sofort in die Starre geschickt, wie das eben auch häufig in der Natur geschieht, kann man die Gruppengröße bzw. die Anzahl der Aufzuchtbehälter geringer halten, da so in der Zeit bis zur Abgabe im Frühjahr jeweils nur ein Teil der Tiere „wach“ ist.

Text und Bilder: Editha Krüger. Alle Rechte bei der Autorin.


Literatur:
1. Packard, G.C et al. (2003): Natural freeze-tolerance in hatchling painted turtles. Comp
Biochem Physiol A Mol Integr Physiol. 2003 Feb;134(2):233-46
2. Schindler, Maria: www.sumpfschildkroete.at/patenschaft/berichte-fur-gelegepatinnen
3. Wolff, Bernd (2015): Europäische Sumpfschildkröten. S. 114. NTV Verlag, Münster

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