Et kütt, wie et kütt – Anmerkungen zu den Naturbruten 2018 (Teil 2)

Teil 1 hier.

Naturbruten – die große Angst, die große Katastrophe

Am erstaunlichsten ist die Angst, die viele Schildkrötenhalter vor Naturbruten haben.
Die Kommentare unter meinen Fotos waren neben der großen Begeisterung, die es für diese Babybilder natürlich gab, auch gefüllt von Bemerkungen wie „Meine größte Sorge!“ bis hin zu „Das wäre eine Katastrophe!“  oder „Mein ganz persönlicher Alptraum!“

Aber um gleich meinen Standpunkt zu sagen:
Nein!
Schlüpflinge im Gehege sind keine Katastrophe, kein Schicksalsschlag, kein Unglück – zumindest sehe ich das so.
Herpes wäre vielleicht eine Katastrophe. Sicher aber ein Alptraum, wie in einem Erfahrungsbericht von Carsten Saiko 2017 hier zu lesen war. Alles, was Gesundheit und Leben der Tiere in unserer Obhut massiv bedroht, darf man gern als Katastrophe oder Alptraum bezeichnen. Aber nicht neues, beginnendes Leben; vor allem nicht bei Tieren, deren Arten zu den streng geschützten gehören, deren Überleben auch davon abhängt, dass sie eben auch in Halterhand vermehrt werden kann und wird. Und das betrifft Naturbruten aller Arten: Egal, ob mediterrane Landschildkröten oder Köhlerschildkröten, letztlich auch Schmuckschildkröten im Gartenteich.

Die Sorgen vor Naturbruten sind natürlich vielfältiger Art, sie sind nachvollziehbar und nicht alle wegzudiskutieren oder auflösbar.

Für die einen steht die Angst, im Gehege eine kleine Schildkröte übersehen zu haben und aus Versehen drauf zu treten, absolut im Mittelpunkt. Andere machen sich Gedanken über Krankheitsanfälligkeiten. Wieder andere denken sehr weit. Sie rechnen mit einem Schwung Männchen, die man kaum mehr los bekommt.
Das alles ist verständlich. Dass jedoch bei Diskussionen Kommentare fallen, Naturbruten seien eine Katastrophe, gottseidank sei einem dieses Schicksal erspart geblieben usw. ist fast schon erschreckend. Seien wir doch mal ehrlich – ist trifft die Wortwahl tatsächlich den Sachverhalt? 

Natürlich – eine ungewollte Nachzucht erwischt einen Halter kalt. Es fehlt vielleicht an Platz für ein späteres Jungtiergehege, vielleicht an Wissen, wie man ein Babygehege für die ersten Monate bauen kann usw.
Aber ist das eine Katastrophe? Ein Schicksalsschlag? Ein Unglück?
Nein.
Wenn jemand das für sich selbst so sieht, dass seine Naturbruten ein Unglück wären, dann ist das letztlich seine eigene Sache. Aber anderen solche Kommentare unter ihren Posts zu verpassen, dass man froh ist, „davon verschont worden zu sein“ bedeutet ja auch, dass man der Meinung ist, dass derjenige, der Naturbruten hatte, eben von diesem Unglück (oder wie immer man es nennen will) nicht verschont wurde.
Beruhigenderweise allerdings gibt es auch viele, die sich einfach nur darüber freuen können und das auch öffentlich tun, auch wenn ihnen das gleich wieder angekreidet wird, man müsse ja nun Naturbruten nicht auch noch bejubeln.

Doch – ich freue mich. Ich juble.

Denn ich komme damit klar. Und ich weiß, dass ich bei meiner Schildkrötenhaltung nicht alles falsch mache, auch wenn Eier legen nicht unbedingt ein Garant für gesunde Tiere und gute Haltung ist.
Und ich lasse mir auch von niemandem einreden, dass ich das nicht darf. Und noch viel weniger lasse ich mir sagen, es sei verantwortungslos, mein Gehege nicht intensiv abgesucht zu haben – und ich sei mit Schuld daran, dass demnächst die Auffangstationen von Schildkrötenmännchen überflutet werden. Ich finde solche Kommentare anmaßend.

Planen ist alles

Ich selbst hatte großes Glück, bereits den Beitrag von Gunda Meyer de Rojas über die Aufzucht von Schlüpflingen und den Bau von Babygehegen zu kennen, den wir hier vor ein paar Wochen veröffentlicht haben. So konnte ich sehr gut fürs Erste improvisieren… zum Glück ist der Platzbedarf für meine kleine Schildkröten mit einer Länge von rund 3 Zentimetern und einem Gewicht von 9 bis 16 Gramm nicht allzu groß. Noch nicht.
Das erste Babygehege war innerhalb von einer Stunde errichtet – und das ganz ohne riesigen Materialaufwand oder exorbitante Kosten. Eine große Kunststoffwanne- Erde, ein paar Blumentöpfe, die Versteckplätze liefern – Segge und Frauenmantel aus dem Gehege abgestochen. Fertig für die ersten Wochen.

Nun heißt es, sich der Herausforderung pragmatisch zu stellen – und einen Schritt nach dem anderen zu machen. Es nützt nichts, wenn ich mir jetzt überlege, wo ich mit den Tieren in ein paar Jahren hin will, ob ich sie behalte oder nicht – und wenn ich welche behalten will, dann wie viele und welche davon. Jetzt heißt es erst mal, die Tiere bei der Unteren Naturschutzbehörde anzumelden (was bereits geschehen ist) und dann sicher in und durch den Winter zu bringen. Es bleib genug Zeit, sich Gedanken zu machen, wie es weitergehen wird. Bereits jetzt haben sich nicht zuletzt dank diverser Bilder in den sozialen Netzwerken ein paar Menschen gemeldet, die großes Interesse haben, Schildkrötenhalter zu werden. Und es war auch schon jemand zu Besuch, der sich die Tiere, die Gehege und die Elterntiere angeschaut hat und sich nun in aller Ruhe in die Materie einlesen wird. Denn abgeben werde ich die Schlüpflinge sicher frühestens nach der ersten Winterstarre.
Ich bin felsenfest überzeugt davon, dass ich für alle Tiere neue Eigentümer finden werde – und die Tiere dort auch vernünftig gehalten werden.

Noch einmal:
Ein Schritt nach dem anderen. Und nicht vergessen:

Et kütt, wie et kütt.

 

Naturbruten – was bringt die Zukunft?

Wie jetzt umgehen mit der Frage ungewollter Naturbruten?
Will man das als Halter nachhaltig verhindern, hat man wenig andere Möglichkeiten, als die Weibchen konsequent und dauerhaft von den Männchen zu trennen. Nur so lässt sich eine Befruchtung der Eier verhindern, zumindest dann, wenn irgendwann der Zeitpunkt gekommen ist, dass dem Weibchen kein eventuell bevoratet gespeicherter Samen mehr zur Verfügung steht. Ist das praktikabel? Ist das machbar? Ist das wünschenswert? Artgerecht?

Wie der Sommer 2018 gezeigt hat, sind viele Naturbruten in Frühbeeten und Gewächshäusern geschlüpft. Der Vorschlag in Onlinediskussionen, die Böden zum Ablegen der Eier unattraktiv zu machen (zum Beispiel massiv mit Kies zu bedecken, permanent intensiv wässern… etc.), kann natürlich keine Lösung darbieten. Im schlimmsten Fall führt diese „Abwehr“-Strategie nämlich zu einer astreinen Legenot der betroffenen Weibchen – und sonst zu gar nichts. Denn Eier bildet ein geschlechtsreifes Weibchen so oder so aus. Und die müssen raus. Wir sollten froh sein, um jedes Ei, dass auf natürliche Art aus der Schildkröte kommt – egal, ob wir da nun ausbrüten oder vernichten. Legenot ist nicht lustig. Für niemanden.

Eine Kastration der Männchen, über die derzeit auch intensiv diskutiert wird, scheidet in den allermeisten Fällen aus.
Bemerkenswert dazu ist das Positionspapier der Reptilienauffangstation München. Eine Kastration ist nicht nur ein kostenspieliges Unterfangen sondern auch in Deutschland nur zulässig, wenn eine medizinische (!) Indikation gegeben ist. Näheres dazu finden Sie im Positionspapier. Allein zur Verhinderung von Nachzuchten ist sie gesetzeswidrig, sofern die Elterntiere gesund sind und die Schlüpflinge sich nicht mit Krankheiten infizieren. Zu diesem Thema wird es zu einem späteren Zeitpunkt eigene Beiträge geben.

Und das Suchen und Absammeln der Gelege? In vielen Diskussionen in den sozialen Netzwerken wurde genau die Frage gestellt, warum man nicht einfach die Gelege sucht und absammelt.
Wenn es doch immer so einfach wäre – wenn man sich doch auf feste Ablageplätze verlassen könnte. Niemand kann das, selbst Tiere, die jahrelang ihre bevorzugten Plätze haben, können sich umentscheiden. Aus den verschiedensten Gründen.
Sorgsam verschlossene Nistgruben lassen sich schwer bis gar nicht aufspüren – niemand, der artgerecht große Anlagen hat, ist in der Lage, seine Gehege so engmaschig zu überwachen, nicht mal mit einer Videokamera. Da bedürfte es schon zahlreicher Kameras, will man einigermaßen sicher sein, dass man die Eiablage, die in 45 Minuten durchaus erledigt sein kann, mitbekommt.

Ob der Klimawandel uns in den kommenden Jahren, mehr und mehr Naturbruten bescheren wird, ist eine müßige Spekulation. Das werden wir abwarten müssen.
Meine persönliche Konsequenz allerdings wird sein, ab sofort auch die Frühbeete, in denen meine Tiere 2018 das allererste Mal Gelege abgesetzt haben, engmaschiger zu kontrollieren und Gelege, wenn ich sie denn finde, frühzeitig zu entfernen.

Text und alle Fotos: Lutz Prauser

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