Et kütt, wie et kütt – Anmerkungen zu den Naturbruten 2018 (Teil 1)

„Et kütt, wie et kütt“ heißt es im Rheinland so schön und wurde quasi zum Kölschen Jrundgesetz.

Es kommt, wie es kommt – und so ist es dann halt.

Den Kommentar las ich und wiederholte ihn selbst bei passender Gelegenheit in einer der vielen Diskussionen bei Facebook zum Thema „Naturbruten“. Denn dieses Thema steht zum ende dieses außergewöhnlich warmen, trockenen und langen Sommer nun bei vielen Schildkrötenhaltern plötzlich auf der Tagesordnung. Auch bei mir. Mittlerweile habe ich 14 kleine Schildkröten aus den Frühbeeten und Freigehegen abgesammelt.

Zumeist sind diese Naturbruten ungewollt. So war es bei mir, so ist es bei den meisten. Es ist halt passiert. Und das in großer Zahl.
Zumindest meiner subjektiven Einschätzung nach wurde noch nie in den einschlägigen Diskussionsgruppen so viel darüber gesprochen, noch nie meldeten sich so viele Halter mit Naturbruten zu Wort, die sie im Gehege gefunden hatten. Und noch nie mit so großen Zahlen. 20 Naturbruten ist – soweit ich das bisher verfolgen konnte – bisher die höchste Anzahl.
Und selten haben mich Äußerungen in den Diskussionen so irritiert, vielleicht auch, weil ich selbst das erste Mal überhaupt Naturbruten hatte. Daher habe ich ein paar Anmerkungen meinerseits zusammengestellt:

Naturbruten?

Nennen wir es ruhig so, auch wenn der Begriff ein wenig in die Irre führt. Zu Recht reibt sich Annett Werner an den Wort, bei Facebook fragte sie: „Haben wir vergessen, was Natur ist? Natur ist, was der Mensch nicht geschaffen hat. An einer Schildkröte, die weit von ihrem natürlichen Lebensraum in einem von Menschen eingerichteten Gehege oder sogar im Gewächshaus schlüpft ist so gar nichts natürlich.“ Und weiter:  „Es ist keine Natur, es ist ein vom Menschen gestalteter Bereich. Und ihr seit dafür verantwortlich die Eier auszugraben oder ihr überseht sie. Und so kommt es dieses Jahr immer wieder zu einem Freilandschlupf, einer Gewächshausbrut oder einem Gehegeschlupf.“

Nun ist der Begriff Naturbrut aus der Vogelzucht entlehnt. Dort spricht man von Naturbrut, um sie von der Kunstbrut abzugrenzen. Während in der Kunstbrut die Eier abgesammelt und zum Ausbrüten in Brutapparate (Kunstglucken, Brutschränke…) gelegt werden überlassen es die Vogelhalter bei der Naturbrut, den Tieren selbst, diese zu bebrüten. Dabei spielt es keine Rolle, wie natürlich die Tiere ansonsten gehalten werden, es geht lediglich um den „technischen Vorgang“ des Brütens – Tier oder Maschine.
In der Terraristik ist das nicht wesentlich anders, auch hier spricht man von künstlicher Inkubation bei Verwendung von Brutschränken, der gezielten Steuerung der Bruttemperatur und Feuchtigkeit etc. Bleiben die Eier in der Erde und dort sich selbst überlassen, hat sich dafür landläufig das Wort Naturbrut eingebürgert. Was sachlich nicht ganz richtig ist und präzisiert werden könnte. Denn eine Brut in einem Frühbeet oder im Gewächshaus hat mit natürlichen Bedingungen nicht mehr allzuviel zu tun, schon durch die künstliche Zufuhr von Wärme oder Stauwärme unter dem Plexiglas. Da hat Annett Wernder vollkommen recht.
Letztlich aber umschifft die Diskussion um den richtigen Begriff die Diskussion um die Sache selbst und führt an dieser Stelle nicht weiter. Daher verwende ich den etablierten Ausdruck trotz seiner begrifflichen Unschärfe weiter.

Der Sommer 2018 – ein Big Bang der Naturbruten?

Der Sommer 2018 war in Deutschland so etwas wie ein Big Bang der Naturbruten. Zumindest fühlt es sich so an. Es gibt meines Wissens weder valide Studien über die Zahl der Naturbruten in den vorangegangenen Jahren noch eine Zahl, wie viele Tiere in diesem Jahr „einfach so“ aus der Erde gekrochen sind. Trotzdem bleibe ich bei der Behauptung, dass es dieses Jahr extrem war, vielleicht ist zudem auch die Zahl derer, die davon in den sozialen Netzwerken geschrieben haben, besonders groß, höher vielleicht als in den vorangegangenen Jahren.
Vielleicht wird die Wahrnehmung dadurch verstärkt, dass sich mehr Halter als in den Vorjahren zu diesem Thema zu Wort gemeldet haben, vielleicht ist es auch der Tunnelblick, wenn man selbst welche hat, dass sich diese Wortmeldungen plötzlich stärker in mein Blickfeld gerückt haben.
Es gibt allerdings auch noch keine Zählung dieser Naturbruten – und wenn, würde sie höchstwahrscheinlich unvollständig sein und müsste auch in Relation zu den vorangegangenen Jahren gesetzt werden, um aussagekräftig zu werden.
Wie gesagt: Valide Statistiken gibt es meines Wissens nicht.

Naturbruten – wie kommt es dazu?

Bekanntlich legen Schildkröten ihre Eier in Legegruben, die sie zuvor im Erdreich, also im Gehege, Gewächshaus oder Frühbeet gegraben haben. Schildkrötenhalter haben nun die Möglichkeit, diese Gelege wieder auszugraben, in einem Brutapparat künstlich zu inkubieren oder die Eier zu vernichten. Oder sie haben die Möglichkeit, diese Eier im Erdreich ihrem Schicksal zu überlassen, was hierzulande zumindest bei den Gelegen im Gehege (also nicht im Gewächshaus oder Frühbeet) eher selten zu einem Schlupf führt. Die Temperaturen waren bisher meistens zu niedrig, die Sommer auch oft zu nass.
Das Ganze funktioniert natürlich nur, wenn die Halter es bemerkt haben, dass ein Weibchen Eier gelegt hat und sie wissen, wo das war. Gerade Tiere, die nicht ganztägig beobachtet werden können, weil die Halter berufstätig sind, in den Urlaub gefahren sind usw., können unbemerkt vom Halter Gelege absetzen.

Meiner Erfahrung nach dauert der ganze Vorgang des Eierlegens nicht mehr als eine Stunde, zumindest bei meinen Tieren nicht. Da die Weibchen diese Gelegegruben sorgsam verschließen und diese schon relativ kurz danach kaum mehr als solche zu erkennen sind, ist die Wahrscheinlichkeit, sie zu finden, je nach Größe und Struktur der Freilandterrarien relativ gering. Mitnichten nämlich legen Weibchen verlässlich ihre Eier dort, wo sie es immer getan haben, mitnichten nutzen sie immer und zuverlässig die Legeplätze / -hügel, die wir für sie extra angelegt haben.
Und so wird es schwierig, zuverlässig alle Gelege auszuspüren und zu entfernen – wenn man es denn vorhat.

Umso größer ist dann die Überraschung, wenn man es plötzlich in seiner Anlage krabbeln sieht.

Der Züchter, der Vermehrer, der Schurke?

Die Nachzucht Europäischer Landschildkröten ist bei vielen Schildkrötenfreunden in Misskredit geraten. Der Grund liegt vor allem in der Überflutung des Marktes mit immer mehr Tieren. Züchter bemängeln zudem den Preisverfall der Tiere, Nachzuchten sind auf einschlägigen Online-Plattformen für rund 40 bis 50 Euro zu haben. Das ist etwa die Hälfte weniger als noch vor 10 Jahren.
„Je billiger die Tiere werden und je breiter verfügbar, um so mehr werden sie zum Gelegenheitskauf für Leute, deren Interesse an Schildkröten möglicherweise nach kurzer Zeit wieder ermüdet“, wird dabei oft argumentiert. „Was nicht teuer ist, ist nichts wert.“ Entsprechend geraten Schildkröten in Hände von Einsteigern, die mit geringen Kenntnissen und wenig Bereitschaft, diese zu erweitern, die Tiere unter sehr kritikwürdigen Bedingungen halten. Und wenn sie dieser überdrüssig werden, werden sie schnell wieder abgegeben- weil es einfacher ist, sich von einem Tier, das nicht allzuviel gekostet hat, wieder zu trennen. „Der Schaden ist ja nicht so groß.“
Hinzu kommt oft das „böse Erwachen“, wenn sich die Schildkröten als langweilig erweisen, ungeeignet als Schmusetier, Familienersatz oder Spielzeug. Und wenn sich dann die Tiere plötzlich aggressiv gegeneinander verhalten, weil das Geschlechterverhalten in den Gruppen nicht stimmt, müssen sie endgültig weg. Und wohin, wenn nicht ab in die Auffangstationen?

Die Auffangstationen sind hoffnungslos überfüllt, vor allem mit schwer vermittelbaren Männchen.

So zumindest die nachvollziehbare Argumentation derer, die sich vehement gegen Nachzuchten einsetzen. Längst wird nicht mehr von Züchtern sondern sehr geringschätzig von verantwortungslosen Vermehrern gesprochen, die hemmungslos Eier inkubieren – egal, ob es sich um den kleinen Halter handelt, der eine Handvoll Nachzuchten abgeben will oder von gewerblichen Großzüchtern, die jährlich hundert oder mehr neue Tiere auf den Markt bringen. Zwar werden angeblich alle „auf Weibchen bebrütet“, aber das funktioniert ja auch nicht immer so wie gewollt.

In diesen Kontext werden auch Halter, die unverhofft und ungewollt Naturbruten im Gehege hatten, gestellt. Oft wird ihnen mehr oder weniger deutlich der Vorwurf gemacht, dass sie nicht sorgfältig genug ihre Anlagen kontrolliert haben, dass sie fahrlässig weitere Tiere haben schlüpfen lassen und dass zudem die Gefahr besonders groß ist, dass es Männchen sind.

Wer seine Naturbruten im Netz vorstellt, muss sich neben vielen begeisterten Reaktionen auch Kritik gefallen lassen. Wer es zulässt und es nicht konsequent verhindert oder verhindern konnte, dass es zu Naturbruten kommt, trägt – so war wiederholt zu lesen – seinen Teil zu der „Überproduktion an Männchen“ bei und letztlich auch an der überfüllten Lage der Auffangstationen. Es gäbe also keinen Grund, Naturbruten auch noch zu bejubeln.

Geradezu ein Treppenwitz ist es da, dass es 2018 auch in einigen Auffangstationen zu solchen Schlupfvorgängen gekommen ist.
Auch hier regieren übrigens Vermutungen und anekdotische Evidenz die Diskussion. Denn die Behauptung, dass alle Naturbruten männliche Tiere werden, ist falsch und selbst die Annahme, dass der Großteil dieser Tiere männlich sind, basiert nicht auf belastbaren Statistiken sondern auf persönlichen Erfahrungen der Halter, die sich in diesen Diskussionen zu Wort gemeldet haben.
Es gibt, das sei angemerkt, durchaus Halter, die bestätigen können, dass ihre Tiere, die in Frühbeeten geschlüpft sind, weiblich sind. Eine Untersuchung, wie hoch der Prozentsatz ist, liegt allerdings nicht vor. Es wäre für 2018 ein spannendes Projekt, das zu erfassen und in Relation zu den Brutbedingungen (Frühbeet beheizt oder unbeheizt… Gewächshaus, Außengehege, Schlupftermin…) zu setzen.
Und noch etwas ist spannend: Viele Kommentare kommen nicht etwa von den Leitern oder Mitarbeitern der Auffangstationen, die ja angeblich in einigen Jahren mit den Naturbruten überflutet werden, stammen nicht selten von sehr engagierten Schildkrötenhaltern, die selbst jahrelang gezüchtet und vermarktet haben oder es noch immer tun… aber natürlich nur im Inkubator, und natürlich nur auf Weibchen bebrütet.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

…und wer sind jetzt die Bösen?

Muss man diese Frage wirklich stellen? Muss man Menschen, die sich entschieden haben, Schildkröten nachzuziehen, als die „Bösen“ an den Pranger stellen – und die, die nicht sorgfältig genug täglich ihre Gehege nach Gelegen abgesucht haben, gleich mit?
Nein. Natürlich kann man sich fragen, ob es sinnvoll ist, im Frühherbst noch auf den einschlägigen Online-Plattformen Nachzuchten von großer Stückzahl anzubieten:

58 Tiere bietet dieser Händler an – zumindest zeigt das Foto 58 Tiere. Und diese Anzeige von Anfang September ist kein Einzelfall, ein paar Minuten scrollen bringt es auf Dutzende solcher Anzeigen, so dass derzeit zig hunderte von Tieren in den Markt gepresst werden. Die wenigsten davon, glaubt man den Anzeigentexten, sind die Naturbruten, denn alle Verkäufer stellen heraus, dass sie gezielt auf Weibchen gebrütet haben. Dass das allerdings allzuoft auch nicht funktioniert, steht auf einem anderen Blatt.
Trotzdem bleibt die Frage, wer denn letztlich für die Überflutung des Marktes mit Tieren im großen Stil und dem daraus resultierenden Preisverfall der Nachzuchten verantwortlich ist…
Ganz abgesehen davon bleibt die Frage, warum ein Schildkrötenzüchter oder einer, der seine ungewollt geschlüpften Naturbruten auf dem Markt anbietet, derjenige ist, der die Verantwortung dafür trägt, dass diese Tiere später in Tierheimen oder Auffangstationen landen.
Liegt es nicht vielmehr in der Verantwortung derer, die die Tiere gekauft haben und diese nun nicht mehr haben wollen? Was zu erörtern aber ein anderes Thema ist.

Teil 2 hier.

Text und alle Fotos: LutzPrauser. Alle Rechte beim Autor

2 Kommentare


  1. Ich hatte 2003 fünf Naturbruten im Eiablagehügel, geschlüpft am 21. September. Sie sind alle Weibchen geworden.
    In diesem Jahr fand ich 4 Kleine im dunklen Schlafbereich des Frühbeetes, dort auch Eierschalenreste, sodass ich annehme, das Gelege befand sich im Schlafbereich. Es muss von einem Jungweibchen gewesen sein, denn von meinen adulten Weibchen habe ich alle Gelege gefunden.
    Ja, et kütt, wie et kütt………..
    Gruß
    Hannelore


  2. Hallo Lutz,

    da hast du ein sehr interessantes Thema angeschnitten: Naturbruten in Deutschland und ihr Einfluss auf die Geschlechtsausprägung. Daran bin ich interessiert, seit ich vor 12 Jahren ein Gelege meiner marokkanischen Graecas im Gewächshaus von der Sonne habe ausbrüten lassen (www.http://graeca-home.de/Krueger%202007%20d%20.pdf). Leider habe ich das Geschlecht dieser Tierchen nie erfahren, der italienische Käufer meldet sich nicht mehr. Dieses Jahr habe ich das Experiment mit kleinen Emys wiederhol und diesmal gebe ich die Tierchen garantiert nicht ab. Ich bin viel zu neugierig, was daraus wird… :-)

    Zur Begriffsdefinition „Naturbrut“, meiner Meinung kann man dann nicht von Naturbrut sprechen, wenn die Eier am Sonnenplatz unter einer Wärmelampe gelegen haben. Da gibt es keinen echten Unterschied zur Brut im Inkubator. Auch ohne künstliche Heizung ist die Inkubation im Gewächshaus bestenfalls naturnah, denn die Temperatur- und Strahlungsverhältnisse sind hinter Scheiben weder für Deutschland noch für die Habitate der TIere wirklich natürlich. Aber wenn das Gelege im Freien – also außerhalb von Gewächshaus und Frühbeet – abgelegt wurde und zum Schlupf kommt, sehe ich keinen Grund nicht von Naturbrut zu sprechen. Die Inkubation war in diesem Fall völlig natürlich, und der erfolgreiche Schlupf beweist, dass die derzeit – bezogen auf Jahrtausende – hohen Temperaturen im Habitat nicht einmal für die Entwicklung der empfindlichen Embryos wirklich notwendig sind. Ich finde daher, als Halter kann man Naturbruten und naturnahe Bruten als Beweis dafür nehmen, dass die Temperatursumme im Jahresverlauf auch für die Elterntiere hoch genug war. Das gilt umso mehr, sollte sich ein etwa natürliches Geschlechtsverhältnis der Schlüpflinge herausstellen (50:50), auch wenn das aus züchterischen Gründen natürlich nicht erstrebenswert ist.

    Es wäre wirklich interessant, wenn Du in 3-4 Jahren eine Umfrage machen könntest, unter welchen Umständen 2018 wie viele Weibchen entstehen. Ich könnte mir vorstellen, dass gerade im Freien durchaus Weibchen möglich sind, weil dort die Temperaturschwankung am größten ist. Eine Entwicklung – und damit die Möglichkeit zur Geschlechtsbeeinflussung – findet ja nur dann statt, wenn die Sonne stark scheint, und dann ist es gleich richtig warm. In sonnenarmen, kalten Perioden passiert im Freien gar nichts, wogegen es im Sommer im Gewächshaus selten so kalt wird, dass gar keine nennenswerte Entwicklung stattfindet, auch nachts nicht. Aber zu häufig lauwarme Temperuren heißt halt Männchen…

    Gruß, Editha

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wenn Sie einen Kommentar hinterlassen, speichert das System automatisch folgende Daten: Ihren Namen oder Ihr Pseudonym (Pflichtangabe / wird veröffentlicht)

1. Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtangabe / wird nicht veröffentlicht)
2. Ihre IP (Die IP wird nach 60 Tagen automatisch gelöscht)
3. Datum und Uhrzeit des abgegebenen Kommentars
4. Eine Website (freiwillige Angabe)
5. Ihren Kommentartext und dort enthaltene personenbezogene Daten

Achtung: Mit Absenden des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und die IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden. Weitere Informationen zu Akismet und Widerrufsmöglichkeiten.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.