Sommerspecial (#2): Schildkrötenfreier Urlaub? Ich doch nicht

Teil 1 lesen Sie hier.

Ein Schildkrötenfußabstreifer im Ferienhaus, der übrigens im Dunkeln, wenn man nach einem ausgiebigen Strandtag und einem restaurantbesuch heim kommt bedrohliche Züge eines Nagers annimmt: Das sollte es ja dann wohl gewesen sein.

Jetzt ist es doch mal gut mit dem ganzen Schildkrötengedöns im Bretagne-Urlaub, den wir ja extra dort verbringen, damit wir es eben nicht auf Schritt und Tritt mit Tortues zu tun bekommen. Das war der Plan. In Teil 1 habe ich bereits erzählt, dass der nicht so richtig aufgegangen ist.

Speziell für Bettferkel

Es gibt Nachttischlampen, die einen nur noch staunen lassen. Speziell für Bettferkel hat das bekannte schwedische Möbelhaus ein Modell herausgebracht, dessen Design undschwer als das zu erkennen ist, von dem es abgekupfert wurde: Ferkelleuchten.
Nun wissen wir alle, dass solche Lampen nicht nur für Ferkel eine Wohltat bedeuten. Unzählige von ihnen hängen in Frühbeeten und Gewächshäusern, damit sich unsere Schützlinge unter ihnen wärmen können.
Als Nachttischbeleuchtung für Bettferkel aber war mir der Gebrauch neu…

Caretta Caretta

Im Brester Meeresaquarium Océanopolis lebt eine wunderschöne Unechte Karettschildkröte. Ehrensache, dass wir bei ihr vorbeigeschaut haben. Sie ist DER Publikumsmagnet, dicht lagert es sich vor den zentimeterdicken Scheiben ihres Bassins. Zu sehen ist das Tier allerdings nicht. Sie hat sich, gerade als ich zum Becken komme, ganz unten in eine Ecke verdrückt, zu steil ist der Winkel, um sie beobachten, geschweige denn fotografieren zu können. Enttäuscht rücken die Besucher ab. Andere, die vorüber gehen, werfen einen flüchtigen Blick auf das Becken, entdecken nichts und gehen weiter.
Jetzt heißt es warten, Schildkröten können nicht ewig auf Tauchstation bleiben, irgendwann müssen sie zum Atmen an die Oberfläche. Die Meeresschildkröte lässt sich Zeit, anders als die viel bestaunten Haie und Rochen schräg gegenüber, die endlos ihre Kreise ziehen, tut sich hier nichts. Aber ich kann warten. Ich habe Geduld, sichere mir einen guten Platz zum Fotografieren und harre der Schildkröte, die keine Anstalten macht, ihr Versteck zu verlassen.
Dann aber erhebt sie sich. Endlich, Sie rudert mit den flossenartigen Extremitäten. Langsam steigt sie empor, erreicht die Oberfläche, schnappt Luft und dreht ein paar Runden.
Die Besucher des Aquariums sind entzückt. Kinder schreien aufgeregt: „Un tortue, un tortue…“ und zerren ihre Eltern vor die Glaswand. Innerhalb von fünf Minuten entstehen knapp 100 Fotos. So ist es immer. Und nein: Da ich eine kleine Ewigkeit gewartet habe, denke ich in diesem Moment auch nicht daran, in die zweite oder dritte Reihe zu rücken, um anderen, kleineren Menschen Platz vor der Scheibe zu machen, damit die auch was sehen. Die wuchtige Glasfront ist groß genug.
Neugierig schaut die Schildkröte nach draußen, beobachtet die Menschentraube, die sich längst wieder gebildet hat. In aller Ruhe schwebt sie förmlich durchs Wasser, lässt sich fotografieren und bestaunen. Sie kommt ganz dicht an die Scheibe. Das wahre Blitzlichtgewitter, hunderter Handyfotografen scheint sie nicht zu stören. Mich leider doch: Reflektierende Kamerablitze in der Aquarienscheibe machen einen Teil meiner Fotoausbeute zunichte. Aber eben nicht alle. 
Ich habe doch eine echte Schildkröte gesehen – der Urlaub war ein Erfolg.

Doch noch Landschildkröten

Es kommt noch besser. In Brest entdeckt meine Frau den Flyer für das Terrarium & Vivarium Kerdanet in Plougat. Einst wurde das Freilandterrarium von einem Schlangenfan angelegt, der riesige Gehege für die heimischen Arten gebaut hat. Doch – oh Wunder – dabei blieb es nicht. Seit 20 Jahren wächst Gehege um Gehege, längst ist aus dem Ganzen ein kleiner Zoo geworden, was, so lesen wir, nie geplant war. Nahezu alle in Frankreich heimischen Reptilien und Amphibien bevölkern, dazu jede Menge Exoten.
Über 200 Schildkröten beherbergt das Terrarium, vornehmlich europäische Arten, aber auch einige Exoten, viele davon abgeschoben, denn wie überall wird so ein Spezialzoo schnell auch zur Auffangstation überdrüssig gewordener Tiere. Das Terrarium Kerdanet werde ich noch einmal in einem eigenen Beitrag gesondert vorstellen.

Muss man erwähnen, dass ich darauf dränge, einen Tagesausflug nach Plouagat zu machen. „So weit ist das doch gar nicht“, überrede ich meine Frau, die mich überrascht ansieht: „Aber dafür habe ich den Flyer doch extra mitgenommen.“
Was will man da noch sagen?

Endlich kann ich wieder Europäische Landschildkröten fotografieren. Und zwar ausgiebig. Das Beste aber ist, dass ich sie gar nicht lange suchen musste. Anders als im Vorjahr in Griechenland.

So also geht das: Ein rundum gelungener schildkröten“freier“ Urlaub.

Ach übrigens…

Beim Spaziergang durch das Landschutzgebiet Le gouffre de Plougrescant zwischen Stechginster, trockenen Gräsern, Farnen und Brombeeren meinte meine Frau plötzlich: „Eigentlich fehlt nur noch eine Schildkröte, die uns jetzt über den Weg läuft…“
Und ich dachte, ich wäre der Schildkrötenverrückte in der Familie. Zugeben, dass ich das gleiche gedacht habe und mich immer wieder daran erinnern muss, dass es vollkommen sinnlos es ist, die Augen links und rechts des Weges ins Gestrüpp wandern zu lassen und nach Schildkröten zu schauen, werde ich es freilich nicht.

PS: Falls Sie denken, dass ich Ihnen hier etwas über die Bretagne selbst erzähle, dann haben Sie sich leider geirrt. Falls Sie das interessiert: In meinem Blog habe ich eine Serie dazu gestartet. Einige Urlaubsimpressionen habe ich bereits veröffentlicht, andere folgen. Wenn es Sie interessiert, dann klicken Sie bitte hier.

Text und alle Fotos: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor.

 

 

 

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