Sommerspecial (#1): Schildkrötenfreier Urlaub? Ich doch nicht

Natürlich kann man auch einen komplett schildkrötenlosen Urlaub machen… Kann man?
Nun ja.
Den Sommerurlaub verbrachten meine Frau und ich in der Bretagne, nachdem wir all die Jahre zuvor ans Mittelmeer gefahren oder geflogen sind – immer auch, um vor Ort durch die Macchia zu streifen und nach Schildkröten zu suchen.
Verständlich, dass irgendwann meine Frau nur noch wenig dafür zu begeistern war, wenn ich mal wieder anmerkte, ob wir nicht mal eben rechts in den Feldweg abbiegen könnten. „Vielleicht gibt es ja da Schildkröten…“ Meist endeten solche kurzen Abstecher in stundenlangen Suchen – im Schneckentempo und immer die Augen auf Erde und Gestrüpp gerichtet.
In die Bretagne wollte sie immer schon, auch ich war neugierig auf diesen Landstrich, der so viele Freunde und Bekannte in seinen Bann gezogen hat. Mir war klar, dass ich diesen Urlaub schildkrötenlos würde verbringen müssen, schließlich gehört der Nordwesten Frankreichs ganz sicher nicht zu den natürlichen Lebensräumen der Panzerziere. Und wenn es auf den ersten Blick noch so tropisch anmutet..

Und doch sollte alles anders kommen. Selbst wenn wir gar nicht erst in die Verlegenheit kamen, nach Landschildkröten Ausschau zu halten, verfolgten uns diese Tiere auf Schritt und Tritt, nicht zuletzt, weil sie eine enorm große Rolle in meinen Gedanken einnehmen.
Davon möchte ich in dem Sommerspecial erzählen – heute und in der kommenden Woche im zweiten Teil:


Knochen – wie originell

Noch bevor wir überhaupt die Bretagne erreichten, überraschte uns am ersten Abend in Frankreich ein Restaurant mit sehr indirekt dem Thema.
Nach stundenlanger Fahrt entschlossen wir uns, in der Champagnerstadt Reims zu übernachten. In einem dem Hotel nahegelegenen Restaurant schlugen wir uns die Bäuche voll, die Rechnung, die die Kellnerin brachte, überraschte uns dann doch. Nicht wegen der Summe: Die Präsentationsform. Die Rechnung kam aufgerollt in einem Knochenstück… bestes Schildkrötenfutter. Hätte ich nicht selbst daheim die Gehege voll mit Knochen, ich hätte mich schwer getan, dieses Stück nicht einfach mitzunehmen. Es ist einfach perfekt und ich bin sicher, meine Schildkröten würden das auch so sehen.
Statt dessen vergnügen wir uns mit dem Gedanken, welche Empörung eine solche ungewöhnliche Präsentationsform in einem deutschen Restaurant hervorrufen könnte.

Schulp – „mit und ohne Tier dran“

Schon am ersten Tag in der Bretagne, beim ersten Spaziergang am Strand, wanderten die Augen zu meinen Füßen – Sepiaschulp. Hier einer, da einer, da werden sich die Liebsten daheim aber freuen, wenn ich ihnen, wenn schon nicht den Knochen, dann diese Köstlichkeiten mitbringen werde. Schulpsammeln am Meer geht eben immer. Und so füllte sich ein Pappkarton im Ferienhaus nach und nach mit den Knochen der Tintenfische – same procedure as every year.
Kaum ein bretonischer Strandabschnitt, und wir besuchen viele, der nicht zuerst mit den Augen und dann mit den Händen abgesucht wird. Schulp in der Schwimmtasche, im Wanderrucksack, in den Hosentaschen. Immer rein damit.
14 Tage später werde ich mit einer Tüte voller Schulp heimkehren, einige handflächengroß. Das befriedigt mich ungemein, endlich kann ich die Knochenstücke, die ich im vergangenen Jahr an der Ägäis gesammelt habe, vollständig auf die Gehege verteilen. Noch immer nämlich horte ich einen Geheimvorrat im Gartenschuppen.
Lebende Tintenfische besichtigten wir in Trégastel im Meerwasseraquarium, ausgiebig und von allen Seiten werden die Tiere fotografiert – vielleicht, um sie mal den Schildkrötenhaltern via Facebook und Co. zu zeigen. Zu wenige wissen, was Sepia eigentlich wirklich ist.

Manche Schulpstücke sind so riesig, dass ich begeistert sind. Und meine Schildkröten daheim hoffentlich auch. Schließlich sammle ich nur für sie – und ich denke, sie werden kleine Ewigkeiten daran herumknabbern, bis von dem Schulp nichts mehr übrig bleibt.
Zeit genug haben sie ja. Und wer weiß, wann wir wieder frischen sammeln werden… Besser also, den hier auch noch aufheben. Und den da. Und das Bruchstück hier. Und da hinten ist auch noch eines…

 

Futter – überall

Fast schon unnötig zu erwähnen, dass jeder Spaziergang, jede Wanderung auch immer ein Blick in die heimische Botanik war – Spitzwegerich und Breitwegerich en Masse, Stockrosen, Malven, Disteln… bestes Schildkrötenfutter all überall. Das milde, vom Golfstrom beeinflusste Klima lässt alles wachsen und gedeihen.

Gärten voller Schildkrötenfutter – während sich andere Urlauber einfach nur der üppigen Blüten erfreuen, hat unsereiner natürlich gleich wieder Hintergedanken.

Steinschildkröten

Wind und Wetter, Meer und Wasser haben die 300 Millionen Gesteinsblöcke an der Côte de Granit Rose bei Trégastel und Perros-Guierc zu bizarren Gebilden geformt. Die Menschen haben den Steinen Namen gegeben. Dabei haben sie ihre Phantasie spielen lassen. Und so tauften sie verschiedene Steinformationen Les tortues…
In der Tat kann man in vielen Granitfelsen Schildkröten entdecken, wenn man nur den richtigen Blick dafür hat.
Irgendwann ist es dann soweit, dass ich in jedem Granitfelsen eine riesige Schildkröte entdecke – der Tunnelblick funktioniert also zuverlässig, selbst wenn gar keine echten Tiere vor Ort sind. Aber sagen Sie mal ehrlich: Das Gestein sieht doch aus wie…

eine Schildkröte. Richtig. Und das hier?

Na also. Sag ich’s doch.

Eine Schildkröte fürs Grobe

Vollends auf die Bedürfnisse eines Schildkrötenhalters eingerichtet war übrigens unser Ferienhaus. Der Fußabstreifer im Eingangsbereich war – wie sollte es anders sein – einer Schildkröte nachempfunden. Hat etwa jemand der Vermieterin gesteckt, dass ich dieses Jahr…

Nein. Das wäre dann doch zu verschwörungstheoretisch. Andererseits: So viele Zufälle. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zu gehen. Denn mit dem Fußabstreifer fängt es erst richtig an…

Teil 2 lesen Sie hier.

Text und alle Fotos: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor.

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