Manchmal sind es… ach, ich weiß auch nicht – Streitigkeiten um den Legehügel

Selten hat ein Post von mir bei Facebook so viele Reaktionen hervorgerufen wie der, den ich Anfang Juni in zwei Schildkrötengruppen veröffentlicht habe:

„Also irgendetwas läuft gewaltig falsch zwischen meinen Schildkröten und mir. Da bemüht man sich ein ganzes Wochenende, klar zu machen, dass es keine Mistviecher sondern Goldstücke sind, redet fast von nichts anderem, derweil daheim die eigenen Tiere mir das Gegenheil beweisen. Frau Luise nämlich hat sich etwas besonders Komisches ausgedacht und am Samstag im Frühbeet die Wasserschale beiseite geschoben, ein wenig gegraben (nicht mehr als unbedingt nötig) und dann die Schale einfach wieder über die Eier geschoben. Fertig war die Sache.
Nix mit Legehügel, Grube graben und die wieder ordentlich verschließen…
So gehört das nicht!!! Mistv… öhm.“

Der erste Fehler natürlich: Es ging gar nicht um Frau Luise sondern um Frau Sisi, ein anderes Schildkrötenweibchen, das sich mit der bisweilen etwas rabiaten Berta und einem agilen kleinen Männchen das Gehege teilt.
Was auf Facebook mit viel Augenzwinkern, Likes und einer ganzen Reihe von humorvollen Kommentaren quittiert wurde, hat natürlich letztlich einen etwas ernsteren Hintergrund, über den ich hier ein paar Anmerkungen machen möchte:
Schon als ich 2017 die Gelegenheit hatte, die Eiablage von Sisi vom ersten bis zum letzten Moment zu beobachten, kam Berta dazwischen und hätte wohl störend eingegriffen, wäre ich ihr nicht zuvorgekommen… will sagen: Ich habe sie damals einfach hochgehoben und entfernt. In diesem Fall, von dem ausführlich in dem vor kurzem erschienenen Buch Manchmal sind es Goldstücke (Affiliate Link) zu lesen ist, schien mir das gerechtfertigt. Ich wollte, dass die Eiablage durch nichts gestört wird, ich wollte sie vom ersten Moment bis zum Ende beobachten und dabei Fotos machen. Eine Zeitlang hatte Berta Sisi regelrecht angestarrt und mit Blicken durchbohrt, dann habe ich diesen Störenfried vom Platz gestellt.

2017 habe ich das Ganze als Kuriosum abgetan, zumal beide Tiere schon in den Folgetagen wieder einträchtig morgens in der Sonne an genau dieser Stelle saßen – es ist die, die morgens sehr früh von der Sonne beschienen wird und sich sehr schnell aufwärmt. Das ist zum Teil auch der Mauer zum Nachbargrundstück geschuldet. Dort findet man sie eigentlich oft friedlich vereint.

Aber der Schein trügt.
Es hätte mir schon damals eine Warnung sein können, denn ganz offensichtlich steckt hinter dem Ganzen ein Konkurrenzkampf zweier Weibchen um einen sehr exponierten Plätze zur Eiablage. Zwar ist der Hügel groß genug und die Erde dort überall sehr weich, damit die Tiere gut graben können, das aber hat Berta nicht davon abgehalten, in diesem Jahr Sisi den Platz streitig zu machen – und das, obwohl sie sich 2017 gar nicht in einer Vorbereitung zur Eiablage befand.
Mitte Mai 2018 nämlich wiederholte sich das Spiel, dieses Mal aber ging Berta weitaus härter zur Sache. Jeden Grabeversuch von Sisi auf diesem Hügel unterband sie, sobald sie ihn registrierte. Entfernte sich Sisi und versuchte woanders ihr Glück, interessierte es Berta nicht weiter. Aber auch Sisi wollte dort ihre Eier ablegen, wo sie es immer getan hat. Sie hat mehrere Anläufe gestartet. Nach zwei Tagen sie vollkommen entnervt ohne eine Grube zu graben und diese hinterher wieder zu schließen, drei Eier einfach auf den Hügel abgelegt und ist gegangen. Die Eier habe ich abgesammelt und entfernt. Ich dachte, mit diesem nicht ganz so geglücktem Ausgang sei das Thema erst einmal erledigt.

Für mich hatte das allerdings zur Konsequenz, dass ich die beiden Weibchen zukünftig in der Zeit der Eiablage von Sisi trennen werde. Soweit die Theorie.

In der Praxis aber sah natürlich wieder alles anders aus:  Während ich in Schermbeck und Dorsten auf dem Schildkrötentag weilte, entdeckte meine Frau fünf frisch gelegte Eier im Frühbeet. Und zwar direkt unter einer Wasserschale.
An sich steht die Schale, ein flacher Blumenuntersetzer, etwas versetzt unter der Lampe. Der Boden im Frühbeet ist ebenfalls weich und wird mittels einer Gießkanne immer wieder angefeuchtet. Direkt unter der Lampe ist er zudem sehr warm, also ideal, um dort Eier abzulegen. Und genau das hat (mutmaßlich) Sisi auch dort gemacht. Allerdings hat sie keine besonders große Grube gegraben. Sie hat ein kleines Loch gegraben und die Eier hinein gelegt, diese flüchtig verscharrt, so dass noch drei Eier zu sehen waren und anschließend die Wasserschale über das Ganze geschoben. Deckel drüber, fertig.

Ein mehr als merkwürdiges Verhalten.
Interessant ist, dass ich zuvor keine Spuren in ihrem Verhalten entdecken konnte, dass sie erneut Eier ablegen wollte. Gleiches gilt für Berta, die auch keinerlei Grabeversuche unternommen hatte – nichts deutete auch bei ihr darauf hin, dass sie eventuell Eier legen könnte.
Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wer nun für das Gelege im Frühbeet verantwortlich ist. Zwischen den beiden Eiablagen liegen knapp vier Wochen, gut möglich, dass Sisi sich dieses Mal gar nicht erst auf den Hügel getraut hat. Ebenso aber auch gut möglich, dass Berta die „Schuldige“ ist.
Manchmal weiß ich es auch nicht…

Der Fall zeigt mir aber, wie wichtig es ist, sich Zeit zu nehmen, das Verhalten seiner Tiere zu beobachten, mit dem vorherigen Verhalten der Tiere in ähnlichen Situationen Vergleiche anzustellen und seine Schlüsse daraus zu ziehen. Die Tiere überraschen einen auch nach Jahren noch.
Und es ist wichtig, diese Erfahrungen und Interpretationen mit anderen Haltern zu diskutieren, ob diese So etwas auch schon erlebt haben und wie sie sich das erklären. Nur so mehren wir unser Wissen.

Auf alle Fälle besteht vor der nächsten Eiablage Handlungsbedarf.

Etwa zeitgleich mit Sisi hat übrigens im Nachbargehege eines der Weibchen auch Eier im Frühbeet abgelegt, allerdings hat sie das vollkommen unbeobachtet getan und die Eigrube sehr sorgfältig wieder verschlossen. Es lässt sich zwar nicht sagen, ob das nun Luise oder Herta war, das Ergebnis dieser Aktion war jedoch für mich sehr überraschend. Bisher nämlich war ich zum  davon ausgegangen, dass ich die Gelege alle gefunden hatte. Die Schildkröten haben ihre bevorzugten Eiablageplätze. Jetzt kenne ich einen weiteren.

Drei quicklebendige, höchst agile kleine Schildkröten konnte ich am 18. August im Gehege finden, den Dottersack bereits absorbiert, den Spalt im Panzer fast verschlossen. So machten sie sich auf, ihre neue Heimat zu entdecken – und wurden dabei prompt von mir erwischt und in Gewahrsam genommen. Bebrütet allein durch die Wärme im Frühbeet, dort sind sie auch geschlüpft.
Was aber eine andere Geschichte ist. Zu diesem Thema erscheint in Kürze ein eigener Beitrag.

Text und alle Fotos: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor

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