Das magische Dreieck

„Jetzt muss es nur noch einwachsen…“

Diese Formulierung gehört mittlerweile zu den Klassikern, wenn Gehegebauer ihre neu erstellten Anlagen in den sozialen Netzwerken, allen voran FB, vorstellen. Oft sind es liebevoll gestaltete Gartengehege, die allerdings mehr den Charme einer Modellbaulandschaft haben. Gehege, die aufgeräumt, abgezirkelt sind wie Zen-Gärten oder Modellbaulandschaften, in denen nur noch die LGB-Eisenbahn fehlt.
Dutzende Gruppenmitglieder beeilen sich, diese Bilder zu loben und zu liken, zu beherzen und zu bewundern.
Toll, geschmackvoll, liebevoll…
Manchmal sieht man pure Steinwüsten.
Es dauert dann nicht allzu lange, bis irgendwer darauf hinweist, dass es in den Gehegen an Pflanzen und dadurch auch Verstecken fehlt. Gelegentlich mache ich das.
Und dann kommt er, dieser Satz, dass es nun eben auch wachsen müsse. Oft spürt man bei diesen Antworten eine leichte Verärgerung über den Verbesserungsvorschlag. Dass Gehegepflanzen extrem wichtig sind, habe ich 2015 in einem Beitrag auf dieser Seite versucht aufzuzeigen. Die Bedeutung scheint allerdings in den Köpfen einiger Schildkrötenhalter noch nicht angekommen zu sein.
Das ist nicht ganz nachvollziehbar:

Es gibt großartige Bücher über Schildkröten in ihren natürlichen Lebensräumen. Wolfgang Wegehaupt hat so eines geschrieben.
Es gibt hervorragende Bücher über die Haltung von Europäischen Landschildkröten, von Thorsten Geier oder Wolfgang Wegehaupt.
Es gibt Spezialbücher über Gehegebau, z.B. von Ricarda Schramm.
Es gibt Tagungen, Stammtische, Workshops, Vorträge überall in Deutschland – auch hier ist Gehegebau immer wieder Thema. Wie auch natürliche Lebensräume. Es gibt unglaublich inspirierende Bildergalierien auf der Seite von Torsten Kiefer, wie Schildkrötengehege aussehen können.

Fragt man in solchen Diskussionen, was das noch mit „naturnah“ zu tun hat, ist man ein Miesepeter. Oder Besserwisser und Klugscheißer.

Seit ich vor geraumer Zeit auf meinen Verbesserungsvorschlag die Antwort erhielt, dass das schließlich auch eine Frage des Geldes sei, ein Gehege mit gewachsenen Pflanzen auszustatten statt einzusäen, da könne man doch wohl warten, wundert mich nur noch wenig. Mittlerweile ist der Anteil der Gehegebauer, die nur spärlich bepflanzen, so groß, dass ich an dieser Stelle das Thema noch mal aufgreifen möchte. Zumindest ist das mein subjektiver Eindruck.


Tierhaltung ist immer eine Frage des Geldes – schon klar. Aber es gibt eben auch Punkte, die meines Erachtens unverhandelbar sind. Dazu gehört, ein Gehege erst fertig zu bauen und dann die Tiere einzusetzen. Noch fragwürdiger ist es, ein Tier zu kaufen, in ein „Übergangsterrarium“ zu verfrachten und dann erst mit dem Gehegebau zu beginnen. Auch solche Statements findet man regelmäßig in den sozialen Netzwerken.
Europäische Landschildkröten, die naturnah gehalten werden, sind keine großen Fans von Freiflächen. Jeder, der ein gut eingewachsenes Gehege hat, kann das bestätigen, jeder, der Wildtiere in ihren Lebensräumen gesucht hat, kann bestätigen, dass sie sich eben eher selten mitten auf den Präsentierteller setzen. Auch diese Schildkröte in Griechenland, die ein Sonnenbad nach einem Regenguss nimmt, ist nicht allzuweit vom schützenden Gestrüpp entfernt.

Natürlich streifen unsere Tiere durch die Gehege, fressen hier und dort, suchen sich exponierte Sonnenplätze zum Wärmen und gewöhnen sich mit der Zeit daran, dass immer mal ein Schatten über sie hinweg saust. Gegenüber Wildtieren weisen sie ein sehr viel entspannteres Verhalten auf, wenn es um das Bedürfnis geht, sich zu verstecken. Trotzdem…
Bei meinen Tieren beobachte ich, dass sie, wenn ich meinen Schatten auf sie werfe, reflexartig den Kopf einziehen, dann aber unbesorgt weiter fressen. Das unterscheidet sie von Wildtieren, die in geschützter Stellung oft minutenlang verharren, wenn sie sich bedroht fühlen. Und wenn es ihnen arg ungemütlich wird, dann ziehen sie sich unter Sträucher oder in Gräser zurück, sind kaum mehr zu sehen. Die hier im trocknen, hohen Gras sitzende Schildkröte (die gleiche wie auf dem vorangegangenen Bild) ist kaum mehr zu sehen:

Auch meine Tiere suchen sich oft sichere Plätze aus. Das machen sie nicht nur, wenn es ihnen zu warm wird und sie sich in den Schatten zurückziehen, das machen sie auch , wenn es ihnen zu „unruhig“ im Gehege wird – dann zum Beispiel, wenn ich anfange, Büsche zurückzuschneiden, die Früchte der Himbeeren zu ernten oder an den mediterranen Kräutern Blätter zum Würzen von Salaten zupfen. Man muss schon zweimal hinschauen, um unter dem Rosmarin ein Tier zu entdecken… Dann ist von ihnen kaum etwas zu sehen. Wüsste ich nicht um ihre Lieblingsplätze, man könnte meinen, das Gehege stände leer. Aus der Deckung heraus beobachten sie mich und warten ab, was passiert. Manchmal spüre ich die in dieser Situation auf, manchmal fotografiere ich sie dabei im Gegensatz zum vorangeganenen Bild habe ich hier mal die Tiefen etwas aufgehellt, um das Tier besser sichtbar zu machen:

Dieses Verhalten werte ich als natürlich und artgerecht, ausleben können sie es allerdings nur, wenn die Möglichkeiten, also die Bepflanzung, auch im Gehege vorhanden ist – und zwar von Anfang an.
Bewährt hat es sich , verschiedene Pflanzen mit ungefähr gleicher Wuchshöhe (ca. 30cm) direkt nebeneinander zu setzen. Meist bilden drei Pflanzen dabei ein

„magisches Dreieck“

In diesem Fall sind es Rosmarin und eine kleine Kiefer. In dieser Dreieckform bieten sie genug Möglichkeiten, dass die Schildkröten zwischen und damit unter die Pflanzen laufen können. Und das tun sie dann auch.

Würden die Pflanzen locker verteilt und jede im großen Abstand zu einer anderen Pflanze im Gehege stehen, gäbe es diese Plätze nicht. Auch das nämlich ist oft zu beobachten: Fast schon nach dem Prinzip der Physik und Chemie werden die Pflanzen im größtmöglichen Abstand gleichmäßig über die Gehege verteilt. Das aber bringt für die Schildkröten relativ wenig, vor allem, wenn die Pflanzen noch nicht besonders groß sind. Besser ist es da, sie in Dreiecken zu gruppieren.
Viele Pflanzen eignen sich hierfür. Ich mische in der Regel, wenn ich solche Dreiecke anlege, Fingerkraut, Lavendel, Flockenblumen, Salbei, Rosmarin (der immer wieder mal erneuert werden muss, wenn er im Winter erfriert, weil er wieder mal nicht abgedeckt ist), kleine Kiefern und andere geeignete Pflanzen aus dem Gartencenter. Meist kosten diese Pflanzen zwischen fünf und fünfzehn Euro das Stück, je nachdem, was man wann wo kauft. Viele Pflanzen sind gerade im Herbst heruntergesetzt, wenn die Gartencenter vor dem Winter die Freiflächen räumen.


Natürlich muss man das nicht tun, natürlich kann man auch warten, bis alles eingewachsen ist, nur wäre es meiner Meinung nach sinnvoller, dann auch damit zu warten, Schildkröten in das Gehege einzusetzen, bis es eben eingewachsen ist. In drei Monaten zum Beispiel kann enorm viel geschehen, wie das Beispiel einer Gehege-Grundsanierung zeigt, über die wir hier berichtet haben. Drei Monate später sah das Gehege vollkommen anders aus. Eine ähnliche Erfahrung habe ich auch gemacht.  Das nachfolgende Bild zeigt eines meiner Gehege wähtend der Bauphase im April 2017. Die ersten Pflanzen waren bereits vorhanden. Auch Pflanzen des alten Gemüsegartens trieben bereits wieder aus. Die Tiere hier einzusetzen, und es dann wachsen zu lassen, schien mir keine Option. Mir blieb nichts anders übrig, als zu säen und gleichzeitig zu pflanzen. Mit einer Investition von rund 80 Euro in Pflanzen, sowie zahlreichen Ablegern aus dem eigenen und Nachbars Garten, sah das Gehege ein paar Wochen später so aus: 

Versteckplätze gibt es reichlich, auch offene Flächen, die die Schildkröten nutzen können, aber nicht müssen. Steine, Wurzeln, Holzstücke und natürlich Sträucher durchbrechen Blickachsen und geben dem Gehege zusätzlich Struktur. Die Blüten der Sträucher sind willkommene Weiden für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge.

13 Monate später, im Mai 2018, entspricht der Gehegebewuchs weitgehend meinen Vorstellungen und ich denke, dass das auch den Bedürfnissen der drei Schildkröten, die darin leben, entgegen kommt. Und wenn ich das Gefühl bekomme, dass demv nicht so ist, dann wird nachgebessert.
Ich werde nicht aufhören in einschlägigen Diskussionen bei Bildern anzumerken, dass ich die Gehege nicht als geeignet ansehe, wenn es so ist – vor allem dann nicht, wenn es um naturnahe, artgerechte Haltung geht.

Auf die Äußerung „Jetzt muss es nur noch einwachsen…“ fand ich übrigens die Rückfrage  spannend, ob denn diese Menschen auch in eine Wohnung einziehen würden, in der erst noch die Fenster eingebaut werden müssen, die Heizung installiert oder die Waschbecken aufgehängt werden müssen. Wohl kaum.
Und schon ist man patzig. Gut, dass ich das jetzt auch weiß.

Text und alle Bilder: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor.

2 Kommentare


  1. Danke Lutz für diesen Beitrag. Endlich spricht es mal jemand offen aus.
    Genau das fällt mir auch immer wieder auf. Da werden junge Schildkröten in ein Gehege gesetzt, welches wenig bis gar keine Deckung von oben bietet. Und die Antwort: „Wächst noch ein“ kann ich nicht mehr lesen. Es gibt so einfache Möglichkeiten, so ein Gehege während der „Einwachsphase“ so zu gestalten, dass sich die Tiere von der ersten Stunde an wohl fühlen. Einfach einen Ast von einem Obstbaum einbringen, mit Blätter. Gibt super Deckung von oben und die Blätter dürfen auch noch gefressen werden. Zeit für so eine Gehegegestaltung: 3 Minuten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wenn Sie einen Kommentar hinterlassen, speichert das System automatisch folgende Daten: Ihren Namen oder Ihr Pseudonym (Pflichtangabe / wird veröffentlicht)

1. Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtangabe / wird nicht veröffentlicht)
2. Ihre IP (Die IP wird nach 60 Tagen automatisch gelöscht)
3. Datum und Uhrzeit des abgegebenen Kommentars
4. Eine Website (freiwillige Angabe)
5. Ihren Kommentartext und dort enthaltene personenbezogene Daten

Achtung: Mit Absenden des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und die IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden. Weitere Informationen zu Akismet und Widerrufsmöglichkeiten.