Erinnerungen an Thomas Klesius – Ein Nachruf

Nein, Thomas Klesius war kein Zentralgestirn am „Schildkrötenhimmel“, keine schimmernde Lichtgestalt im „Inner Circle der Schildkrötenszene“, aber das ist auch nicht, was zählt.
Als Mitglied der dght Kurpfalz war er jahrelang maßgeblich an der Programmierung und Ausrichtung des Landauer Schildkrötentags beteiligt. Und so dürfte er vielen Schildkrötenhaltern bekannt gewesen sein.
Thomas hat diese Aufgabe mit ungemeiner Gelassenheit und gleichzeitig großer Gewissenhaftigkeit übernommen – so war er, so habe ich ihn kennengelernt.
Er engagierte sich für die dght und für den Schildkrötentag und das, obwohl sein Herz nicht den Panzerträgern sondern den Schlangen gehörte. Zwar hielt er Zackenerdschildkröten, aber Thomas Name war, ist und bleibt nun mal mit Schlangen verbunden. Da war er ein ausgewiesener Experte, da machte ihm keiner etwas vor. Wer jemals im Hause Klesius zu Gast war, der weiß auch warum.

Gelegentlich habe ich mir das zu Nutze gemacht, zum Beispiel in diesem Sommer, als mir im Griechenlandurlaub eine Schlange vors Kameraobjektiv kam und ich nicht wusste, welche das ist. Thomas hätte sie bestimmen können, aber er war in Vietnam und meldete sich erst später, da hatten andere das Rätsel für mich schon gelöst. Auch Thomas hatte es gewusst – natürlich.

Zweimal hatte ich die Gelegenheit, Yvonne und Thomas daheim zu besuchen und dort auch zu übernachten. 2015 lud Thomas mich spontan dazu ein, nachdem wir einen Vortrag für Landau Schildkrötentag klar gemacht hatten. Spontan sagte ich zu – für mich immer ein gewisses Problem, einfach so bei fremden Menschen zum „Couching“ einzufallen. Aber Thomas war für mich vom ersten Kontakt kein Fremder, zumindest wirkte er nicht so auf mich. Warum auch immer, wie auch immer er das geschafft hat.
Es war ein langer, lustiger Abend, den wir gemeinsam in Hassloch verbrachten – lustig auch deshalb, weil in dem Ort in der Pfalz Oktoberfeststimmung herrschte und wir zu Dritt eine Runde über die Festmeile drehten. Gibt es etwas Abstrus-Komischeres als in der Pfalz (die ja mal köngilich-bayerisch war) künstlich inszenierte Wiesn-Stimmung zu erleben? Pfälzer in Dirndl- und Lederhosn-Tracht, das wirkt so falsch wie witzig. Da waren wir uns einig.
Der Abend wird mir in Erinnerung bleiben, wir sprachen lang und ausgiebig über unsere Bücher, über Buchverlage und anstehende Projekte, über die dght, in der Thomas sich als Fachbeirat stärker involvieren wollte, über die Gefahren, denen die Terraristik ausgesetzt ist und über so manches mehr. Wir lernten einander kennen, waren nun tatsächlich keine Fremden mehr.
So witzig war das, dass wir das Ganze 2016 wiederholten, auch da war ich als Referent in Landau zu Gast. Auch da genossen wir am Vorabend das Hasslocher Oktoberfest. Dieses Mal jedoch hatte ich mein eigenes Wiesn-Outfit dabei, wer im Speckgürtel Münchens lebt, hat einfach eine entsprechende Montur im Schrank. Als ich mich am frühen Sonntagmorgen von ihm verabschiedete und mich vom Hasslocher Bahnhof aus auf den Heimweg machte, ahnte ich nicht, dass es das letzte Mal sein würde, dass wir uns gesehen und persönlich miteinander gesprochen haben.

Ich fuhr heim, wusste, dass ich 2017 zwar in Landau auf Thomas treffen würde, aber dann nicht als Referent, nur als Besucher.  Thomas kam nicht nach Landau, seine Erkrankung hat ihn gehindert.

Es würde das Wort Freundschaft überstrapazieren, würde ich es in diesem Zusammenhang nutzen, aber ich denke, es hätte eschnell eine werden können. Die Zeichen standen gut.
Wenn nicht diese verschissene akute myeloische Leukämie dazwischen gekommen wäre… eine brutale und erbarmungslose Krankheit, die bei Menschen unseres Alters etwa eine Überlebenschance von 50/50 bietet. Für Thomas allerdings nicht.
Anfang September veröffentlichte er seine Diagnose in seinem Facebook-Profil und hielt uns, so lange er es selbst konnte, über den Fortgang der Therapie auf dem Laufenden. Beispiellos und ermutigend, wie viele Reaktionen seine Posts erzielten, beispiellos auch, wie die weiteren Meldungen seiner Frau Yvonne, die jedes Mal mitten ins Herz trafen, von Freunden, Verwandten, Kollegen, Bekannten, Weggefährten aufgenommen wurden. Yvonne bat um Kraft für sich und ihren Mann, sie bat um Hoffnung, um Gebete, um Wunder und irgendwann meldete sie, dass sie sich entschieden hatte, ihn gehen zu lassen. Da war Thomas im Koma und hing an den Apperaten. Chancen: Gleich Null.
Wir alle haben gebangt, gehofft. Fünf Wochen lang. Aber ein Hoffnungsschimmer nach dem nächsten erstarb. Und dann kam sie die Nachricht, von der wir immer gewünscht haben, dass Yvonne sie nicht würde schreiben müssen. Und doch haben wir geahnt, dass es soweit kommen könnte. Es war vorbei, Thomas hat den Kampf gegen den Krebs gestern verloren.

Er ist gegangen. Für immer. Es ging so schnell, so verdammt schnell. Es blieb so verdammt wenig Zeit.

Was bleibt sind meine persönlichen Erinnerungen an die wenigen, aber sehr intensiven Kontakte, an die Gastfreundschaft bei Yvonne und ihm, an unsere Gespräche, seinen Humor, seine Zuversicht, seine Willensstärke und seine Gradlinigkeit. Ein beeindruckender Mensch.

Was bleibt ist die Leere, die er hinterlässt, das war schon in diesem Jahr in Landau zu spüren. Thomas war nicht da, er fehlte. Und jetzt wird er für immer fehlen.

Was bleibt ist die Lehre, wie schnell eine solche Krankheit einen Menschen mitten aus dem Leben reißen kann. Thomas ist nicht der erste in meinem Umfeld, den der Krebs heimgesucht hat, und sehr wahrscheinlich ist er auch nicht der letzte. Er ist auch nicht der Einzige in unserer Generation, der sich von jetzt auf gleich verabschiedet, weil er weit vor der Zeit gehen musste.
Sie alle mahnen uns, dankbar und verantwortungsvoll mit unserem Leben umzugehen – also es jetzt zu leben, intensiv und in jedem Augenblick. Und nicht erst irgendwann, wenn man mal mehr Zeit hat, wenn man mal in Rente ist, wenn die Kinder aus dem Haus sind… oder was immer man für Gründe haben mag, sein Leben wirklich zu leben auf später zu verschieben. Für Thomas gab es kein Später. Und ob wir eines haben werden, ist ungewiss.

Mein Dank gilt Thomas. Ruhe in Frieden.
Und meine Gedanken sind bei Yvonne, seiner Frau, die nun allein zurückbleibt. Ihr wünsche ich all die Stärke, die sie brauchen wird.

In großer Erschütterung und Traurigkeit
Lutz

PS: Das Foto von Thomas habe ich von seinem FB-Profil geklaut – ohne Rücksicht auf irgendwelche Urheberrechte. So, wie wir ihn kannten, so sollten wir ihn in Erinnerung behalten. Darum dieses Bild.

3 Kommentare


  1. Danke, Lutz, für Deinen bewegenden Nachruf!
    Mein herzliches Beileid an die Hinterbliebenen.
    Hannelore


  2. Hallo Lutz,

    ich kannte Thomas nicht, aber du hast einen sehr schönen Nachruf verfasst. Mein Beileid seiner Frau Yvonne.

    Du hast so Recht, das Leben kennt kein Erbarmen und es kann sehr schnell, von einem Moment auf den anderen, alles vorbei sein. Wir wissen das alle, aber kaum einer handelt danach. Man verdrängt den Gedanken und schiebt alles auf, wie du es ja ganz richtig schreibst. Das sollte man sich jeden Tag ins Gedächtnis rufen und danach handeln.

    Liebe Grüße
    Florian


  3. Ein sehr bewegender und treffend formulierter Nachruf, der ziemlich genau meine wenigen Momente mit Thomas widerspiegelt. Auch ich hatte das Gefühl, in ihm und seiner Frau Yvonne neue Freunde für die Zukunft finden zu können, wenn, ja wenn… So muss ich ihn schon wieder gehen lassen, bevor ich die Gelegenheit hatte, ihn besser kennenzulernen. Mein Besuch im August 2015 bei den beiden in Hassloch wird nun noch unvergesslicher in meiner Erinnerung bleiben. Ich bin tief erschüttert.
    Lieben Gruß, Jens

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