Erzähl mal (Folge 2): Schildkrötenliebe fängt in der Kindheit an…

vignetteAls ich 3 Jahre alt war zogen meine Eltern von einer kleinen Stadtwohnung in ein eigenes Haus in ein kleines Dorf.
Nach dem Einzug ging es auf große Reise in die Türkei…

Eigentlich wäre mir die Türkei nicht in besonderer Erinnerung geblieben, wäre da nicht diese Wanderung gewesen. Mir war heiß und langweilig und ich ließ mich eher durch den Wald zerren, als dass ich mich selbst fortbewegte. Dann hielt mein Vater plötzlich inne und behauptete: „Hier gibt es Schildkröten!“ und da ich meinen Vater genau kannte, wusste ich, dass er schon eine erspäht haben musste.
„Wo?“ wollte ich wissen und er zeigte mir ein Exemplar unter einem Strauch.

Es war Liebe auf den ersten Blick, der Panzer, die schuppige Beine mit den Krallen und das schönste Rosarot der Zunge, wenn eine Schildkröte genussvoll in einen Leckerbissen beißt. Ich war hin und weg. Und dann schaltete sich meine Mutter ein und sagte: „Wo ein Tier ist, sind noch mehrere!“ und so wurde die Wanderung zur Schildkrötensafari. Wir fanden viele Tiere, kleine, große und Babys und alle in freier Wildbahn. CIMG4348Mein Vater ging meistens ein paar Schritte voraus und hatte somit einen kleinen Späher-Vorteil. Er trug immer so eine fürchterliche Männerhandtasche über die Schulter, für die ich mich als Kind schon geschämt hatte. Dass die Tasche immer mit musste begründete er damit, dass da alles drin wäre, was auch immer das sein mag? Auf der Wanderung meinte er dann irgendwann, wer die größte Schildkröte findet, bekommt ein Eis.  CIMG4337Ich kam auf der großen Kräuterwiese mit meiner Mutter etwas später als er an, konnte aber die große Schildkröte genau im dichten Grün erkennen. Ich rannte darauf zu und zeigte von oben drauf mit den Worten:“ Ich habe die größte Schildkröte gefunden!“

Mein Vater lächelte und entgegnete: „Ich glaube nicht!“ Er schulterte seine Männerhandtasche, die er auf dem Boden abgestellt hatte und genau hinter der Tasche saß ein richtiger „Oschi“. Sie war mit Abstand die größte Schildkröte auf dieser Wanderung. Mein Vater hatte also den Schildkrötenwettbewerb gewonnen, aber das war mir egal, mein Liebe für Schildkröten war entfacht.

Meine Mutter war der Meinung, dass Kinder mit Tieren aufwachsen sollten,
zumal wir jetzt auch einen eigenen Garten hatten. Da mein Vater Asthmatiker
war und allergisch gegen jegliche Art von Tierhaaren ist, kamen nur Fische
oder Schildkröten infrage. Also wurden zwei Schildkröten gekauft, die ich Maxi
und Turtle taufte. Die Nachbarskinder wunderten sich über diesen komischen
Namen Turtle, ich wollte meine Schildkröte halt Schildkröte rufen, also
wurde die englische Übersetzung genommen.

Ich hatte endlich meine Schildkröten und nahm sie manchmal heimlich mit ins Bett eingewickelt in Handtücher in Kopfkissenhöhe. Zu dem Zeitpunkt bemerkte ich, dass sie es gerne mögen in einer Art Höhle zu schlafen. Mein Vater musste daraufhin ein Gehege mit einer Höhle bauen. Er benutze einen Plexiglastisch, schnitt ein Tor rein und buddelte ihn in einen Hügel ein. Für damalige Verhältnisse gute Bedingungen, das Plexiglas speicherte die Sonnenwärme und diente als „Schildkrötensauna“.

Das Füttern der Tiere sollte ich komplett übernehmen, vergaß es aber dennoch ab und zu. An einem Wochenende rief meine Mutter von der 1. Etage unseres Hauses, dass ich den Schildkröten „Butter“ geben solle. Ich konnte mir das Lebensmittel für die Schildkröten nicht vorstellen und fragte noch mal nach: “Bist du sicher, Butter?“ „Ja, natürlich!“ Ich war ein Kind, war zwar stutzig, vertraute aber dennoch auf die Erwachsenen, die es ja wissen müssen. Ich ging zum Kühlschrank, schnitt ein Stück Butter ab und legte es ins Gehege.

Eine Stunde später stand meine Mutter schreiend am Gehege. Ich rannte in den Garten und sah meine fassungslose Mutter. „Die Schildkröten haben Tollwut, guck dir nur den Schaum an, der aus ihrem Mund kommt!“ „Äh Mama, das ist die Butter!“

„Was für ’ne Butter?“
„Du hast doch gesagt, dass ich ihnen Butter geben soll!“
„Futter habe ich gesagt, nicht Butter!“ Hatte ich mich also doch verhört, kam mir ja direkt komisch vor mit der Butter. Unsere Schildkröten haben es gut überlebt und haben nie wieder Butter bekommen, aber seit dem haben wir den Spruch: Was sagt schon Schildkröten-Mutter? Niemals Butter als Futter!

Maxi entpuppte sich im Frühling als wollüstiges Männchen und kletterte ständig aus dem Gehege raus. Anfangs haben wir immer nach einem Loch im Zaun gesucht, bis wir ihn beobachten konnten, wie er die Krallen in den Maschendraht grub und immer weiter in die Höhe kletterte. Oben angekommen, ließ er sich einfach auf die andere Seite des Geheges fallen. Wenn er auf dem Rücken aufgekommen war, drehte er sich um und marschierte unter dem Gartentor  hindurch in das weite Dorf.

Im Dorf wusste jeder, dass wir Schildkröten hatten und sobald jemand Maxi entdeckte, wurden wir sofort informiert. Warum Maxi sich meistens den Garten von Professor Wick aussuchte, haben wir nie herausbekommen. Stotternd fragte ich das erste Mal bei dem Professor nach meiner Schildkröte. Die anderen Male musste ich einfach nur klingeln und mir wurde mein Schildkrötenmännchen fast wortlos übergeben.

Maxi war einfach ein Ausbrechkünstler, trotz Umbiegen des Zauns nach innen, schaffte er es immer wieder. Irgendwann war er gar nicht mehr aufzufinden. Das ganze Dorf wusste Bescheid und hielt Ausschau nach ihm, aber er blieb verschwunden.

Nun hatten wir nur noch unsere Turtle. Im Frühjahr wurde sie wieder in ihr
Gehege gesetzt und alle vermissten Maxi. Das Gehege sah ohne unseren
Kletterer richtig traurig aus.
Eines Morgens rief meine Mutter ziemlich ärgerlich: „Wer hat diesen
Dreckklumpen auf meine frisch geputzte Terrasse gelegt?“
Wir trauten unseren
Augen nicht, Maxi lag total verdreckt auf unserer Terrasse. Das Tier musste
sich irgendwo in unserem Garten eingegraben haben, um dort seinen
Winterschlaf zu halten. Ich habe mich unbändig gefreut meine verloren geglaubte Schildkröte wiederzusehen. Liebevoll puhlte ich Maxi die Erde vom Panzer und war überglücklich, dass ich ihn gesund und munter wieder hatte.

DSC02160

Text und Foto: Regina Conrad. Alle Rechte bei der Autorin

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