Zucht oder Vermehrung – Denkanstöße (Teil 2)

Von Marvin Pawlinsky

Wann züchtet jemand und wann vermehrt jemand Schildkröten?
Ich behaupte, dass ich Züchter bin, weil ich nicht auf das Geld aus bin, welche mir meine Nachzuchten einbringen. Zudem halte ich meine Elterntiere „artgerecht“ und nicht in einem kleinen Aquarium ohne irgendeine Einrichtung und warte auf das nächste Gelege.MP-T1-08
Vermehrer sind meiner Meinung nach in erster Linie diejenigen, die auf das Geld aus sind und sich gar nicht um das Wohl der angebotenen Tiere oder Elterntiere kümmern. Vermehrer sind auf Masse aus. Für einige steht ganz klar das Interesse im Vordergrund, mit den nachgezüchteten Tieren Geld zu verdienen. Sie züchten auf Masse.
Nicht selten aber spielt eine gewisse Naivität auch eine Rolle. So weist Dr. Markus Baur darauf hin, dass Züchter oft der Meinung sind, man müsse die Schildkröten vermehren, weil es sich ja um eine geschützte Art handelt, die vielleicht sogar vom Aussterben bedroht ist. Und dann denken sie, mit ihren Nachzuchten Gutes zu tun. Das ist an sich auch nicht unbedingt falsch, Erhaltungsnachzucht sichert das Überleben zahlreicher bedrohter Tierarten. Das Ganze muss dann aber auch sinnvoll durchgeführt werden. Die Züchter müssen sich Gedanken machen, was sie mit den geschlüpften Tieren machen wollen: Wollen und können sie sie selbst behalten? Können (und dürfen) sie sie verkaufen? Und wenn, an wen?MP-T1-04
Es gibt einfach zu viele nachgezüchtete Schildkröten populärer Arten, als dass man hier von einer sinnvollen Erhaltungsnachzucht sprechen könnte. Und am Ende landen viel zu viele dieser Tiere in Auffangstationen.
Genau das, was wir alle glaube ich, vermeiden wollen. Auch die Halter von häufig gehaltenen Arten sollten das „züchten“, wenn sie keine Abnehmer haben einstellen. Der Markt ist gesättigt, die Auffangstationen sind voll. Und trotzdem werden es jedes Jahr mehr Tiere.MP-T1-09
Oft lese ich auch in den Facebook-Gruppen, gerade in denen, die sich mit europäischen Landschildkröten beschäftigten, von „Findlingen“. Eier werden vergraben, nicht gefunden, Babys schlüpfen. Und man selber hat aber keinen Platz mehr für die Babys… Shit happens, sage ich nur und mehr fällt mir auch spontan, außer ein Kopfschütteln, nicht ein.
Oft werden frisch gelegte Eier weg geworfen, doch leider viel zu oft „heile“ und in einem Komposter oder in einer Mülltonne staut sich an warmen Sommertagen die Wärme, besonders dann, wenn die Sonne auch noch darauf scheint. Einen günstigeren Inkubator kann man eigentlich nicht haben. Doch das daraus entstehende Problem, ist viel zu groß.
Ich habe mir angewöhnt, die Schildkröteneier, die ich vernichten möchte, einzufrieren. Oft vergesse ich sie unten im Tiefkühlschrank und sie liegen dort paar Monate oder gar ein Jahr darin.

Noch ein kleiner Denkzettel:
Ich bin doch nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Oder?!?
… doch wenn Pelomedusenschildkröten in den Auffangstationen vermehrt sitzen, wie die oben genannten Arten, dann stelle ich endgültig das züchten ein!
Und wenn Pelomedusen schon mal in einer Auffangstation landen sollten, bzw. es ist schon mal vorgekommen, dann biete ich sofort meine Hilfe zur Weitervermittlung an, weil kaum einer die Tiere kennt bzw. sie zu schätzen weiß! In den Fällen, bei denen es schon mal vorgekommen ist, kommen aber die Tierheime oder Auffangstationen auf mich zu, da ich ja nicht weiß, was wo überall sitzt und auf ein neues Zuhause wartet.MP-T1-10
Bitte denken Sie das nächste Mal darüber nach, wenn Sie Arten, die schon tausend Mal in den Auffangstationen sitzen, nachziehen möchten, ob Sie es wirklich tun möchten!
Ich weiß, dass der Text sehr allgemein geschrieben worden ist und dass es auch Arten oder Unterarten gibt, die es nicht so häufig gibt, die meine ich dann natürlich nicht! Ich meine wirklich nur die Arten/ Unterarten, die vermehrt in den Auffangstationen sitzen und die immer mehr werden!
Dieser Appell soll einfach nur ein kleiner Denkzettel oder Denkanstoß für Ihr nächstes Gelege sein!

Text und Bilder: Marvin Pawlinsky. Alle Rechte beim Autor. Danke der Münchner Reptilienauffangstation und Markus Baur sowie Thorsten Geier für die Bereitstellung weiterer Bilder.

 

1 Kommentar


  1. Den Unterschied zwischen „Zucht“ und „Vermehrung“ sehe ich da etwas anders gelagert.
    Unter Zucht verstehe ich, so wie auch die Biologie, eine kontrollierte Fortpflanzung, die dem Zweck dient, bestimmter genetischer Merkmale oder Eigenschaften, weg oder an zu züchten.
    Das bedeutet zum Beispiel, wenn ich ein besonders helles weibliches Tier mit einem ebensolchen Männchen verpaare, mit dem Ziel besonders helle Jungtiere zu erhalten. Das funktioniert bei unseren Schildkröten jedoch nur bedingt und wird auch kaum so praktiziert. Ich persönlich halte es auch nicht für sinnvoll.
    Insofern ist jeder, der Schildkröten mit dem Zweck Jungtiere zu erhalten ein „Vermehrer“ und keineswegs ein Züchter.
    Ich selbst ziehe regelmäßig verschieden Landschildkrötenarten nach und gebe diese auch gerne weiter. Auch die, am häufigsten „zu Tode geliebte“ Griechische Landschildkröte vermehre ich regelmäßig in kleinen und durchaus kontrollierten Maßen (Kontrolle bezogen auf Stückzahl) – und das mit ausgesprochener Freude!
    Die Jungtiere gebe ich anschließend, nachdem sie für die erste Zeit und auch ihre zumindest erste Hibernation, bei mir verbracht haben sehr gerne an interessierte Schildkrötenliebhaber weiter. Ja, auch für Geld! Ich verkaufe sie also und das ganz ohne Scham.
    Leider handeln nicht viele Schildkrötenhalter, die ihre Tiere vermehren so, oft werden sie tatsächlich viel zu billig verschleudert, das Schlimmste allerdings, sie werden oft ohne ordentlichen, oder gar mit falschen Haltungsbedingungen weiter gegeben. DAS ist meiner Meinung nach das Problem.
    Ich selbst habe eine sehr große Freude an meinem Hobby, der Schildkrötenhaltung und das gönne ich auch anderen Menschen.
    Früher wurden die Tiere massenhaft aus der Natur entnommen, heute gibt es, zum Glück, Menschen, die diese Tiere vermehren.
    Die Vermehrung ist es meiner Ansicht nach nicht, die das ganze in die Katastrophe steuert, sondern die mangelhafte Aufklärungsarbeit ist es. Daran sollten wir endlich einmal ernsthaft arbeiten. Da sehe ich Potential etwas für die Tiere und deren Halter zu tun!
    Solange Tierärzte und auch Naturschutzbehörden Terrarienhaltung für die ersten Jahre einer Testudo hermanni empfehlen, ja sogar fordern, wird sich hier kaum etwas ändern.
    Ich vermehre nicht nur meine Tiere, ich verkaufe vor allem Haltung.

    http://www.landschildkroeten-forum.eu

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