Zucht oder Vermehrung – Denkanstöße (Teil 1)

Von Marvin Pawlinsky

Die Schildkröten Auffangstationen sind voll mit Land- und Wasserschildkröten. Warum also noch züchten oder vermehren?

Mein Name ist Marvin Pawlinsky, ich bin 22 Jahre alt und habe mittlerweile vier von fünf Gelegen meiner Pelomedusenschildkröten (Pelusios castaneus) ausgebrütet.
Warum ich gerade dieses Thema wähle und nun mal darüber berichten möchte, wie ich es mit dem Züchten oder mit dem Vermehren sehe, ist das leider allwiederkehrende Thema „volle Auffangstationen“.

Ich halte meine bedrohten afrikanischen Schildkröten seit dem 27.12.2007, also rund neun Jahre. Am 18.05.2011 musste ich mich das erste Mal intensiv mit der Frage befassen, ob ich nun die Eier von meinem ersten Gelege von Pelusios castaneus ausbrüte oder vernichte?MP-T1-07
Ich hatte lange vorher schon Kontakt zu einer Wasserschildkröten Auffangstation (Wasserschildkroeten.eu). Christina Kreiter, eine der Leiterinnen schrieb mir: „Jeder Schlüpfling von heute ist unser Sorgenkind von morgen.“
Damit hat sie leider vollkommen recht. Und daher stehe ich jedes Mal, wenn ich ein Gelege ausgrabe, vor der Frage: „Brüte ich aus?“ Ja oder Nein! Es gibt doch schon so viele Wasserschildkröten in Auffangstationen.“
Trotzdem denke ich jedes Mal: „…aber keine Pelomedusenschildkröten.“ Und wenn es doch so ist, sind Tiere dieser Art schnell vermittelt. Mit oder ohne meiner Hilfe.
Bei anderen Schildkrötenarten aber sieht die Lage ganz anders aus. So hat die Reptilienauffangstation in München im Jahr 2016 1.300 Tiere aufgenommen, davon ca. 60% Schildkröten. 1.300 Tiere – das muss man sich mal vor Augen führen!MP-T1-01
Als ich dies gelesen habe, wurde ich extrem nachdenklich. Mein Tag war im Eimer. Und wieder kam die Frage: „Brüte ich demnächst wieder aus? Ja – oder Nein?!?“MP-T1-02
Um meinen Kopf etwas frei zubekommen, schrieb ich den Leiter der Station, Dr. Markus Baur, an. Ich fragte ihn, was für Wasserschildkröten im Jahr 2016 aufgenommen worden sind und ob auch Pelomedusen dabei waren?
Wie ich es mir auch gedacht hatte, waren es Wasserschildkröten, die man für kleines Geld im Handel erwerben kann/konnte: Rot- und Gelbwangenschmuckschildkröten, aber auch Höckerschildkröten, Moschus-, Dreikiel- und Streifenschildkröten und eine einzige große Pelusios castaneus, ein weibliches Tier.
Ich fragte Markus Baur auch, was er von meiner „Zucht“ halten würde?
Er antwortete mir genau das Gegenteil, von dem, was ich erwartet hatte. „Ich finde deine Zucht klasse. Für mich wird dann Zucht zum Problem, wenn nur kommerzielle Aspekte im Vordergrund stehen oder eben in Massen gezogen wird, wie bei Testudo etc.“
Ich denke, er spricht uns mal wieder alle aus der Seele!
MP-T1-05Als ich mein letztes Gelege vom 11.11.2015 im Sommer 2016 im Internet angeboten habe, habe ich mir natürlich auch die anderen Schildkröten Anzeigen angeschaut.
Jetzt raten Sie mal, welche Schildkröten Arten am häufigsten angeboten wurden? Richtig: Griechische Landschildkröten und Gelbwangenschildkröten. Ein paar Moschus-, Dreikiel-, aber auch paar Afrikanische Landschildkröten wurden angeboten, Spornschildkröten sind wahrscheinlich momentan im Trend. Ich weiß es nicht, warum diese Schildkröten so häufig nachgezogen werden. Diese Tiere werden groß und brauchen Platz!MP-T1-06
Mit Nachzuchten von oben genannten Arten kann/sollte man kein Geld verdienen, vor allem nicht, wenn die Angebotsseiten voll damit sind. Warum also noch züchten oder im schlimmsten Fall vermehren, wenn die Hälfte von denen später in Auffangstationen landen?
Warum man mit Nachzuchten kein Geld verdienen kann, sehe ich jedes Mal, wenn ich Nachzuchten habe. Die Strom- und Wasser-, sowie Futterkosten sind höher als der „Erlös“ durch den Verkauf, mal ganz abgesehen von der Zeit, die ich für die Schildkröten investiere.
Ich mache also jedes Mal „Minus“ wenn ich ausbrüte. Doch ich möchte mit meinen Tieren kein Geld verdienen, denn es ist mein Hobby. Und ein Hobby kostet nun mal Geld. Andere haben einen Garten, gehen Golfen oder haben andere teure Hobbies… .

 

Text und Bilder: Marvin Pawlinsky. Alle Rechte beim Autor. Danke der Münchner Reptilienauffangstation und Markus Baur für die Bereitstellung weiterer Bilder.
Der Beitrag wird kommende Woche fortgesetzt.
Der Autor ist erreichbar unter: Pelusios-castaneus@freenet.de
sowie über seine Internetseite.

5 Kommentare


  1. Zucht – ein Thema, worüber die Meinungen nicht unterschiedlicher sein könnten.

    Verantwortungsvolle Zucht: Ja – aber welche ist verantwortungsvoll? Sicher nicht die, bei der es nur ums Geld geht, bei der die Tiere sozusagen verhökert werden (womöglich noch ohne Papiere UND ohne Beratung für den neuen Halter.)
    Ich habe für mich schon vor langer Zeit entschieden, keine Nachzuchten meiner T.h.b. mehr zu „produzieren“, ich vernichte die Eier. Diese Allerweltsarten sind es ja, die die Auffangstationen regelrecht verstopfen. Ich hab mir das Schildkrötenrefugium Chelonia der Münchner Reptilienauffangstation angesehen. An Landschildkröten gibt es dort hauptsächlich Hermanni-Männchen, meistens aus erkennbar schlechter Haltung (mit entsprechend schlecht gefomten, höckrigen Rückenpanzern), die ziemlich sicher keine neuen Abnehmer mehr finden; Ich hab so ein armes Männchen als Patentier. Alle diese Tiere müssen von den Aufzuchtstationen versorgt werden – mit nicht unerheblichem finanziellem Einsatz. Meistens krebsen diese Sationen am finanziellen Limit; die Münchner Auffangstation stand erst vor Kurzen knapp vor der Insolvenz.
    Wie weit der Markt an seltenen Arten, wie deinen Pelomedusenschildkröten, Marvin, gesättigt ist, kann ich nicht beurteilen. Wobei bei mir das Wort „Markt“ an sich schon eine Abwehrreaktion hervorruft. Die Nachzucht und Abgabe von Lebewesen über einen „Markt“ zu regeln – nein, das ist so gar nicht meins….
    Leider ist es am Tiermarkt wie überall: Angebot und Nachfrage regeln sich gegenseitig – aber wecken Angebote nicht auch Begehrlichkeiten?
    Wie ihr sicher wißt, sind vor Kurzem u.a. einige der am häufigsten gehaltenen Wasserschildkröten von der EU als invasive Art bezeichnet worden, die nicht mehr gezüchtet und an andere Halter weiter gegeben werden dürfen. Auch die Auffangstationen dürfen sie nicht mehr abgeben, bleiben also regelrecht drauf „sitzen“, bis an das natürliche Lebensende dieser Tiere (falls nicht die EU für diese Tiere nicht auch noch die Zwangseuthanasie beschließt, so wie das für einige weitere Arten schon im Gespräch ist).
    Soll das die Zukunft der Nachzuchten sein?
    Wie gesagt – ein schwieriges Therma….


  2. Danke dir für deine ehrliche Meinung Villa Amanda.

    Hallo Sabine, ich finde deine Meinung gut und nachvollziehbar. Ich war gerade auf der Seite vom Tierheim Leipzig und würde gerne bei der Vermittlug des Tieres helfen. Schreibe mir dazu am besten eine E-Mail an:
    Pelusios-castaneus@freenet.de

    Vielen vielen Dank Ralf!


  3. Schwieriges Thema. Umso beachtlicher ist, dass Marvin dazu was schreibt. Denn als Autor kannst du nur verlieren. Liebhaberzucht, kommerzielle Zucht, oder welche Zucht auch immer hat das Ziel, eine Tierarzt zu vermehren. Nun muss abgewogen werden, weshalb wird vermehrt?
    Traurig ist, dass man sich überhaupt rechtfertigen muss, warum man überhaupt noch nachzüchtet. Der Grundgedanke, dass man Eier geschützter Schildkrötenarten nachzüchtet, um die Entnahme aus den Lebensräumen zu verhindern, wird mit dem Gegenargument ausgebremst, dass es trotzdem schon zu viele Tiere in Haushalten gibt. Und der Import wird dadurch leider nicht gestoppt. Deshalb fordert der „aktive Tierschutz“ ja auch ein generelles „Haltungsverbot von Exoten“. Was das bedeutet zeigt ja jetzt die neue EU-Verordnung für invasive Tierarten… (Eine tolle Verordnung – Achtung Ironie)
    Traurig aber war. Ein kleiner Hobbyzüchter wie Marvin muss mit diesem Beitrag um Akzeptanz kämpfen – ja fast schon betteln. Wir nehmen die Rolle der Schuldigen selber an. Es stellt sich meiner Meinung nach nicht die Frage: Züchten, ja oder nein?
    Es stellt sich die Frage: Warum müssen Hobbyzüchter und Halter sich rechtfertigen?
    Wer bei Schildkrötenzucht „Tierschutz“ schreit, darf niemals das Thema „Artenschutz“ außer Acht lassen. Gerade im „aktiven Tierschutz“ ist jetzt Aufklärungsarbeit gefragt! Und keine Parolen. 2016 fanden die ersten „Schildkrötenschutztage in Hörblach“ statt. Und es war zum Teil erschreckend, wie viel Aufklärungsarbeit notwendig ist – auch im Tierschutz. (Die Betonung liegt hier auf „auch“).
    Schildkrötenzucht kann Artenschutz sein, wenn es richtig gemacht wird. Tierschutz kann Tieren helfen, wenn es richtig gemacht werden. Züchter können Tierschützer sein. Warum können Tierschützer nicht auch ein klein wenig Tierzüchter sein?
    Tierzucht ist kein Verbrechen. Und wenn man es wie Marvin macht schon gar nicht. Wenn jetzt Tierschützer mal auf die Züchter zugehen würden, die sich dieselben Gedanken machen wie Marvin, könnte man vielleicht große Ziele erreichen.
    In diesem Sinne, Grüße,
    Ralf Czybulinski


  4. Ich finde deine Zucht nicht klasse. Ja der Markt ist übersättigt mit Trachemys, Testudos und Co.. Und bald auch mit anderen Arten wie z.bsp. Pelosius. Der Anfang ist schon gemacht. Seit letzten Jahr wartet eine Pelosius castaneus im Tierheim Leipzig auf ein Zuhause. Das ist der Anfang und am Ende kommt das gleiche raus wie bei den anderen Arten.
    Jeder hat zu dem Thema seine eigene Meinung und muss selbst entscheiden ob er züchtet oder nicht. Dies ist meine Meinung und ich setzte mich lieber aktiv für den Tierschutz ein.


  5. Es ist schön, dass du dir Gedanken über deine Zucht machst und dich dafür sogar bei Auffangstationen informierst. Das zeigt nur wie verantwortungsvoll du bist. Dafür beide Daumen hoch.
    Ich züchte selber Griechische Landschildkröten und bin mir natürlich dessen bewusst, dass sie auch viel wieder abgegeben werden. Um dies zu vermeiden schaue ich, dass ich meine Nachzuchten nach Möglichkeit in „gute Hände“ gebe. Dafür nerve ich die Interessenten ein wenig, löchere sie mit Fragen über deren Kenntnisse und lasse mir im Vorfeld das Gehege zeigen. Auf diese Weise versuche ich herauszufinden, ob diejenigen ein wirkliches Interesse an dem Tier und dessen Haltung haben oder ob es nur ein Spontankauf oder Geburtstagsgeschenk ist. Im Durchschnitt, sage ich bisher nur bei jeder 4. – 5. Anfrage zu.

    Ich glaube, dass eine verantwortungsbewusste, private Zucht nicht so sehr das Problem ist. Ich züchte manchmal Jahrelang nicht, wenn ich noch Nachzuchten zum abgeben habe. Viel kritischer empfinde ich die kommerziellen Züchter und illegalen Händler, die die Tiere in Massen züchten oder aus dem Heimatland aufsammeln und schließlich für nen Appel und en Ei verhökern. Die niedrigen Preise machen sie für den Kunden erst so interessant und damit leider auch für viele, die das Interesse schnell wieder verlieren.

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