Anmerkungen zur Wildtierhaltung (Teil 1): Schildkröten sind Wildtiere

Resultierend aus den Vorträgen und den nachfolgenden Diskussionen auf dem Gießener Schildkrötenworkshop und dem Landauer Schilddkrötentag möchten wir heute auf unserer Website eine Serie starten:

Anmerkungen zur Wildtierhaltung.

In loser Folge möchte ich meine ganz persönlichen Erfahrungen, Beobachtungen und meine Meinung zu diesem Thema hier veröffentlichen und gleichzeitig zur Diskussion stellen. 2014 habe ich einen ersten kritischen Kommentar hier veröffentlicht. Ich denke, es wird Zeit, sich der Thematik etwas intensiver zu widmen.
In dieser Serie soll es darum gehen, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Wildtiere in menschlicher Haltung grundsätzlich andere Bedingungen benötigen als Haustiere – und eine grundsätzlich andere Einstellung der Halter zu seinen Pfleglingen als das zum Beispiel Hundkatzemaus der Fall ist.
Das jedenfalls ist meine Meinung, die sicherlich weder allgemein gültig noch allein richtig ist und auch nicht unwidersprochen geblieben ist.
Zahlreiche Diskussionen im Internet, vor allem in Facebook-Gruppen haben mir gezeigt, dass andere Schildkrötenhalter das ganz und gar nicht so sehen und sich auch von ihrem Standpunkt nicht abbringen lassen. Korsika2
Mein Fazit in diesen Diskussionen: Sollen sie – es sind deren Tiere, es ist deren Haltung, deren Verantwortung.
Trotzdem hoffe ich, Denkanstösse liefern zu können, die bei denen ankommen, die – wie ich – immer wieder Fragen aufwerfen. Fragen an die eigene Haltung und den eigenen Anspruch.
Da ich die Erfahrung gemacht habe, dass man längere Beiträge in solchen Diskussionen meist vergeblich schreibt, weil sie sowieso kaum noch einer liest, veröffentliche ich sie hier nach und nach und freue mich über Ihre Kommentare, Kritik und Ergänzungen.

Nun zur Sache:

Mein Credo lautet:

Schildkröten sind Wildtiere.

Dabei bediene ich mich der Definition dessen, was ein Wildtier ist, bei Wikipedia, zugegeben einer sehr unwissenschaftlichen Quelle. Aber ich stimme vollkommen überein, wenn es dort heißt: Allgemein dient der Begriff Wildtier zur Charakterisierung von Tieren, die nicht zahm sind. Rechtlich sind „wilde“ Tiere herrenlos (niemand hat Eigentum an ihnen), „solange sie sich in der Freiheit befinden“[§ 960 BGB] („in freier Wildbahn“).
Oft wird im Sprachgebrauch eine Wildtierart den domestizierten Haustierarten gegenübergestellt…

Ähnlich formuliert es die Seite der Schweizer Stiftung für das Tier im Recht, Tierschutz.org: Als Wildtiere bezeichnet man jene Tiere, die im Gegensatz zu Haustieren nicht domestiziert wurden und daher in ihren Lebensäusserungen sowie ihrer Populationsdynamik vom Menschen weitgehend unabhängig geblieben sind.

Schildkröten sind keine domestizierten Haustiere und keine in Verhalten oder körperlichen Eigenschaften auf menschliche Bedürfnisse hin gezüchteten Arten. Das unterscheidet sie von zahlreichen Hunderassen, Hühnervögel, Katzenrassen (die auf Aussehen hin gezüchtet werden). Kleinnagern usw.
Die Schildkröten in unserer Haltung wären im Idealfall nicht von wildlebenden Tieren der gleichen Art unterscheidbar. Dass viele Exemplare das natürlich doch sind, ist das Resultat unserer individuellen Haltungsbedingungen, die auf die Tiere einwirken. Das gilt sowohl für ihr Verhalten als auch für ihren Organismus, wie man es an diversen Beispielen aufzeigen kann. Man denke hier zum Beispiel an eindeutige Fehlprägungen wie den Versuch von Männchen, sich mit Gummistiefeln oder Bällen zu paaren. Ein anderes Beispiel wäre das Verhalten, wenn Schildkröten täglich zu angestammten Fütterungsplätzen gehen und dort abwarten, weil sie wissen, dass das frische Futter täglich buchstäblich vom Himmel fallen wird. Dazu später in der Serie mehr.Zunge

Theoretisch aber wäre jede gesunde, eigene Nachzucht von einem Wildtier nicht unterscheidbar und könnte im Habitat problemlos überleben. Dass das keine Aufforderung für unkontrolliertes Auswildern unserer eigenen Nachzuchten in den Habitaten darstellt, versteht sich allerdings von selbst. Für mich gilt der Grundsatz:

Wildtiere sollten als
solche gehalten werden!
Je weniger sie von ihren Haltern wahrnehmen, um so besser.

Schildkröten sind

  • keine Haustiere
  • keine Kuscheltiere
  • kein Spielzeug
  • keine Beschäftigungstherapie (abgesehen von der Beobachtung, Gehegebau etc.)
  • kein Familienersatz

Wildtierhaltung sollte habitatsnah und den Bedürfnissen der Art entsprechend stattfinden, ist aber immer ein Kompromiss. Denn niemand kann ein Habitat auch nur annähernd nachbauen. Das scheitert am Platz, wie an den klimatischen Bedingungen, an der Flora und Fauna der Ursprungshabitate, die wir nur sehr bedingt simulieren können, dafür haben wir viele andere Tiere und Pflanzen hier in den Gehegen, die in dem ursprünglichen Lebensraum nicht vorkommen.
Bei diesen Kompromissen sollte es Ziel sein, das Optimum dessen, was machbar ist, für die Tiere herauszuholen. Generell ist eine Orientierung nach oben wesentlich sinnvoller als nach unten. lamellen4Was für mich heißt: Immer wieder in der eigenen Haltung schauen, was noch nicht optimal ist und es so gut es geht verbessern. Orientierung nach unten nach der Devise „Das passt dann schon… irgendwie.“ ist ein grundsätzlich falscher Ansatz.
Grundstandards dürfen bei der Wildtierhaltung dürfen allerdings nie aufgegeben werden.

Teil 2 zum Thema „Kuscheln“ in einigen Wochen…

Text und Bilder: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor.

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