Sie fressen Zaunwinde – endlich!

Ackerwinde (Convolvulus arvensis) ist das, was man unter Gärtnern am liebsten pain in the ass bezeichnen würde. Dabei trifft das die Pflanze zu unrecht, die rosa blühende Ackerwinde nämlich findet sich gar nicht mal so häufig als Unkraut in den Gärten. Viel öfter ist es die weiß blühende Zaunwinde (Calystegia sepium), die den Grundstücksbesitzern den letzten Nerv raubt. Überall kommt das Zeug aus der Erde, rankt und windet sich an allem hoch, umschlingt Sträucher, Zäune, Bäume und Stauden.

Zaun- und Ackerwinde sind relativ einfach zu unterscheiden: Die Blütenfarbe Ackerwinde (rosa bis zart bläulich) und Zaunwinde (durchgängig weiß) und die Blütengröße sind das einfachte Merkmal. Die Blüte der Ackerwinde ist nur etwa halb so groß sind wie die der Zaunwinde. Die Blätter der Ackerwinde sind eher länglich geformt, während die der Zaunwinde eher rundlich sind.

Ackerwinde - blüht rosa
Ackerwinde

Zaunwinde
Zaunwinde

Sie mit Stumpf und Stil aus dem Garten zu verbannen, ist schier aussichtslos. Das größte Problem stellt dabei das ausladende Wurzelwerk dar. Es bilden sich fortwährend neue Sprossen, die ausschließlich oberflächliches Entfernung ist daher sinnlos. Die Wurzeln schlängeln sich meist meterlang durch die Erde, ein winzig kleines Reststück Wurzel, das nicht mit aus der Erde geholt wird, reicht: Schon kommen neue Triebe.
Zudem bilden sich sofort winzige Fadenwurzeln, aus denen – wenn in der Erde zurückgelassen – auch wieder neue Pflanzen entstehen können.
Ausgegrabene Wurzeln müssen wegeworfen werden, sie auf den Kompost zu geben, hätte nur zur Folge, dass sich dort die Winden in Windeseile ausbreiten. Aus diesem Grund ist es auch nicht empfehlenswert, Acker- oder Zaunwinde gezielt im Gartengehege anzupflanzen. Denn man wird sie nie wieder los.
Das Ausgaben muss sehr behutsam erfolgen, nimmt man zum Beispiel eine Spaten zur Hilfe und zerteilt die Wurzelstücke, dann hat man nur dazu beigetragen, dass sich die Winde noch weiter ausbreitet.
Auch das Abreißen der sich windenden Pflanzen ist oft lästig und schwierig, denn man muss sie von dem Gewächs buchstäblich abwickeln, sonst reißt man am Ende das falsche Grün gleich mit aus.
Eine restlose Entfernung ist daher schier unmöglich, die Ausbreitung lässt sich lediglich im Zaum halten.
Lässt man die Zaunwinde gewähren, bildet sich eine krautige, enorm ausdauernde Pflanze mit windig grünen Sproßachsen, Laubblättern und weißen, trichterförmigen Blüten. Mit hoher Geschwindigkeit umschlingt sie dabei andere Pflanzen, für die sie ein ernster Konkurrenz um Nahrung und Licht werden kann. Sie schwächt die anderen Pflanzen, unter Umständen „erstickt“ sie sie sogar.

Um so glücklicher kann man sein, wenn die Schildkröten die Zaunwinde im Garten fressen. Das ist nicht bei allen Tieren der Fall, viele Halter berichten, dass ihre Tiere die Winden nicht anrühren. Andere wiederum zupfen nur lustlos daran herum.
Diese Erfahrung habe ich auch einige Jahre gemacht. Doch in diesem Jahr ist alles anderes. Ich könnte jubeln.
Als gäbe es nichts Besseres, stürzen sich alle Tiere auf die Winden und rupfen die Blätter ab. Pflanzenspitzen, die aus der Erde kommen, werden direkt gefressen. Um das zu überprüfen, durfte eine Schildkröte einen Kurztripp in Nachbars Gemüsegarten machen, die jungen Zaunwindentriebe zwischen dem Lauch waren ratzfatz entdeckt und abgebissen.
Aber auch Pflanzen, die ich von einem Zaun an einem unbebautem Grundstück großzügig abreiße, werden sofort gierig verschlungen. Zurückbleiben lediglich die Sproßachsen und die Blüten, die erstaunlicherweise nicht gefressen werden.
Futterreste werden in diesem Fall schnell entfernt, bevor sich die Winde entschließt, im Gehege Wurzeln zu schlagen.
Ich habe keine Ahnung, warum sich meine Schildkröten in diesem Jahr anders entschlossen haben und sie fressen. Aber ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass sie Pflanzen, die sie jahrelang sehr gern gefressen haben plötzlich nicht mehr mögen, und sich im Gegenzug über Pflanzen, die sie bisher nie angerührt haben, plötzlich hermachen als gäbe es nichts Besseres.
Das hat mich dazu gebracht, jedes Jahr wieder neu ein möglichst breites Spektrum an Futterpflanzen anzubieten, die sie vorher verschmäht haben. Denn wer weiß: Vielleicht fressen sie es heuer ja doch…

Mit der Zauwinde im Futterspektrum schlage ich gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Zum einen werde ich ein weiteres Garten’un’kraut sinnvoll los, anstatt es zum Biomüll bringen zu müssen. Zum anderen ist Zaunwinde eine enorm schnell und in großer Menge nachwachsende Pflanze, die schier grenzenlos zur Verfügung steht. Das ist vor allem praktisch, wenn die Futterpflanzen im Gehege weitgehend zusammengefressen wurden und die Wiesen in der Gegend, auf denen ich mich sonst bediene, gerade frisch gemäht wurden. Die Zaunwinde, die sich am Strom- und Telefonmast und an der Rückseite von Nachbars Garage hochschlingt, entfernt niemand.
Bisher. Doch das wird jetzt anders.
Letztlich ist kaum eine Pflanze so leicht zu erkennen wie Zaunwinde, auch wenn sie fälschlicherweise oft als Ackerwinde bezeichnet wird.

winde03

Was für die verwandten Zaun- und Ackerwinde gilt, gilt jedoch nicht für die entfernt verwandten Prunk- und Trichterwinden, die als Gartenzierpflanzen im Handel erhältlich sind.
Da nicht auszuschließen ist, dass sie Stoffe enthalten, die für Schildkröten giftig sein können, sollte man diese Winden besser nicht als Futterpflanze anbieten.  Zwar enthalten längst nicht alle Prunkwinden Mutterkornalkaloide, aber die Anzahl der unterschiedlichsten Zucht- und Hybridfomen dieser Zierpflanze lässt kaum mehr zu, sicher zu sagen, ob diese spezielle Prunkwinde potentiell giftig ist oder nicht.

Text und Fotos: Lutz Prauser. Alle Bilder beim Autor

1 Kommentar


  1. Danke Lutz, dann weis ich schon, was es heute Nachmittag bei den Schildkröten zu fressen gibt ;-) War mir immer unsicher, ob ich ihnen die Zaunwinde geben kann.

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