Pisa… und was man eigentlich nicht mehr sehen möchte

Die Piazza dei Miracoli in Pisa bietet dem Besucher der Arnostadt wahrhaft viele Wunder. Direkt neben dem Baptisterium und dem weißen Dom steht das wohl weltweit bekannte Wahrzeichen der Stadt: Der Campanile – auch bekannt als der Schiefe Turm von Pisa:

Viel mehr von der Stadt nehmen die meisten Touristen, die täglich den Platz zu Tausenden bevölkern, kaum wahr. Die wenigsten Besucher zum Beispiel kennen die beiden Eidechsen auf der Bronzerelieftür, die zu berühren die Erfüllung eines ganz großen Wunsch verspricht. Pisaner Abiturienten zum Beispiel berühren die Tiere genau 100 Tage vor ihren Prüfungen, nur um sicherzustellen, selbige auch zu bestehen – wenn es denn so einfach wäre…

Als wir von der Piazza dell Duome, wie der Platz offiziell heißt, in die Via Santa Maria abbiegen, um von dort in die Stadt zu gelangen, empfängt uns ein dichtes Gedränge. In der ohnehin schmalen Straße stehen links und rechts Verkaufsstände. Es ist Markt.

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Das Angebot der Händler richtet sich dabei allerdings nicht in erster Linie an die Urlauber, Souvenirstände gibt es mehr als genug. Der Markt ist für die Einheimischen bestimmt: Allerlei Küchengeräte und -textilien gibt es dort, Gewürze, eingelegte Oliven, getrocknete Früchte, Speiseöle, Garderobe, Spielwaren, Taschen – ein typischer Markt eben.
Stutzig macht mich allerdings, dass ich mit einem Mal im Stimmengewirr das Geschrei dutzender Wellensittiche höre. Ein Zoo- und Tierbedarfhändler hat ebenfalls einen Stand aufgebaut und nicht nur einer. Zahlreiche Käfige stehen dort, darin lärmende Sittiche und eher stumme Kanarienvögel und Finken.
Auch wenn ich ahne, dass mir nicht gefallen wird, was ich dort zu sehen bekommen werde, trete ich näher.
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Vorne, direkt vor den vorbeischlendernden Marktbesuchern stehen mehrere große Plastikwannen. Darin Kaninchen, Mäuse, Meerschweinchen, Hamster – die ganze Palette der Kleinnager. Und sechs Schildkröten.

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Tartarughe da Giardino preist ein Schild die Tiere an: Gartenschildkröten. 80 Euro kostet eines, sie alle sind con certificato, was sicherlich die übliche EU-Bescheinigung meint. Immerhin werden die Tiere als Gartenschildkröten bezeichnet, was den Käufern hoffentlich klar macht, dass man sie nicht in einem Kaninchenkäfig mit entsprechendem Einstreu halten sollte. Ob der Verkäufer das den Kunden auch klar macht, weiß ich nicht, ich verzichte auch aufgrund rudimentärer Italienisch-Kenntnisse auf ein Gespräch. Irgendwelche Haltungsratgeber sucht man an den Ständen vergebens.pisa-tw11
Der Kollege hundert Meter weiter bemüht sich wenigstens, die Tiere als Testudo horsfieldii an den Mann zu bringen.
Das Angebot an Terrarientieren ist damit aber noch nicht ausgeschöpft. Bartagamen, ein Python reale (wohl ein Königspython)  und Leguana verde Babys werden ebenfalls angeboten. Letztere für 30 Euro pro Tier. Die Schaubecken sind mehr als gruselig.
Der Verkäufer ist gerade beschäftigt, einer Familie Kaninchenfutter anzudrehen, so gelingen mir ein paar diskrete Schnappschüsse mit dem Handy. Denn, wie ich zuvor mitbekommen habe, mag der Mann es gar nicht, wenn seine Ware fotografiert wird. Einen Touristen, der die Spiegelreflexkamera vors Auge gehalten hat, hat er gehörig beschimpft und ihr das Fotografieren verboten.

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Am allerwenigsten aber gefällt mir das Angebot an Schmuckschildkröten, kaum größer als eine Uhr, vermutlich vor Kurzem geschlüpft. Das Stück wird für 8 Euro angeboten, zwei Stück kosten nur 15 Euro.

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Im „geschmackvollen“ bombonfarbenen Plastikbecken darüber offeriert er eine Rana bombina für 20 Euro, gemeint ist aber eine Bombina orientalis. Das macht es nicht besser. Die ostasiatischen Feuerbauchmolche haben offensichtlich schon Abnehmer gefunden, das Behältnis ist leer.

Dass Verkaufsbecken nur sehr begrenzt etwas mit einer artgerechten Unterbringung zu tun haben, ist klar. Das ist hierzulande auch nicht anders – und doch liegen Welten zwischen der Warenpräsentation auf Börsen und im Handel und dem, was auf diesem Markt in Pisa offensichtlich ganz normal ist.
Am Ärgerlichsten aber ist, dass es für wenig Geld noch immer diese unsäglichen Plastikschüsseln nebst Plastikpalme zu kaufen gibt. Und das gleich stapelweise, dezidiert ausgewiesen als Aquario tartarughe.

pisa-tw95 Euro kostet die kleine runde, 10 Euro die nierenförmige. Heißen die nicht mittlerweile Death Bowl unter engagierten Schildkrötenhaltern?
In Pisa ist das offensichtlich noch nicht angekommen. Aber (Ironie an) es besteht Hoffnung. Das „Luxus“modell kostet auch nur 25 Euro. Das sieht aber auch verdammt „stylish“ aus und hat doppelt so viele Palmen. Und da die Schildkröten ja ein echtes Schnäppchen sind, kann man hier vielleicht etwas großzügiger sein. (Ironie aus).

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Wer will, kann sich also für 50 Euro zwei Tiere, nebst Death Bowl und ein paar Dosen Futter eindecken und das so Erworbene gleich nach Hause tragen. Und scheinbar gibt es noch immer genügend Abnehmer für solche Angebote, sonst gäbe es sie nicht. Einfach nur traurig.

Vielleicht sollte ich doch lieber zum Dom zurückkehren, die Eidechsen streicheln und mir wünschen, dass es diesen Plastikmist einfach gar nicht mehr gibt. Aber das wäre selbst auf dem Platz der Wunder vielleicht ein paar Hausnummern zu groß gewünscht…

Text und Fotos: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor.

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