Verhalten beim Fund einer Europäischen Sumpfschildkröte Emys orbicularis

Von Editha Krüger

Am 30.10. bis 1.11.2015 fand in Germersheim / Rheinland-Pfalz eine internationale Fachtagung zur „Verbreitung, Ökologie und Schutz der Europäischen Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) – Reptil des Jahres 2015“ statt.
In der Diskussionsrunde konnte ich eine Frage an die hochkarätige Teilnehmerrunde stellen, die mich schon eine Weile beschäftigt und die ich für von allgemeinem Interesse für alle im Internet beratenden Schildkrötenfreunde halte: Wie verhält man sich beim Fund einer Europäischen Sumpfschildkröte richtig?
Wildlebende / herrenlose Individuen von Emys orbicularis sind ja als einheimische Tierart nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU streng geschützt und dürfen der Natur nicht ohne behördliche Genehmigung entnommen werden, wobei „Natur“ ggfs. auch eine öffentliche Straße oder der eigene Garten sein kann.SONY DSC
So weit, so bekannt!
Natürlich wollen wir Schildkrötenliebhaber keine illegalen Naturentnahmen vornehmen. Wären wir sicher, dass es sich um eine wirklich wildlebende Sumpfschildkröte handelt, ließen wir sie selbstverständlich in Ruhe ihres Weges ziehen. Aber nun leben vermutlich die wenigsten Leser in Gebieten, in denen Sumpfschildkröten natürlicherweise vorkommen oder gerade wiederangesiedelt werden. Die Wahrscheinlichkeit ist also sehr groß, dass die aufgefundene Emys kein freilebendes Wildtier z.B. auf der Suche nach einem Eiablage- oder Überwinterungsplatz ist, sondern dass es sich um ein entkommenes oder ausgesetztes Heimtier handelt, möglicherweise sogar von einer allochthonen Unterart. SONY DSCDas gilt insbesondere, wenn man das Tier im Bereich menschlicher Siedlungen auffindet. Arten- und Tierschützer wiederum sind sich selten so einig wie in der Frage, dass Emys unbekannter Herkunft nicht in unsere Gewässer gehören. Abgesehen davon, dass sie durch ein zu kühles Klima selbst gesundheitlichen Schaden nehmen können, stellt ihr anderes genetisches Material bei Verpaarung mit den allerletzten heimischen Sumpfschildkröten möglicherweise eine nie wieder gut zu machende Gefahr für die Anpassung der Nachkommenschaft an unser Klima dar. Selbst autochthone (heimische) Sumpfschildkröten kommen in Bezug auf ihr Brutverhalten nur gerade eben noch mit deutschen Temperaturbedingungen klar. Jede Vermischung mit südlicheren Emys könnte den Nachzuchterfolg künftiger Generationen und damit das langfristige Überleben der Art in Deutschland gefährden.
SONY DSCTrotzdem lautete die Antwort des Experten (der Name kann bei der Autorin erfragt werden) auf meine Frage „Was tun mit einer Fundemys?“: „Das Tier darf nicht eingefangen oder aufgesammelt werden! Man solle den Fund lediglich bei der zuständigen Artenschutzbehörde unter Angabe von Ort und Zeit melden und es ansonsten an Ort und Stelle belassen. Gegebenenfalls solle man es aus einer lebensgefährlichen Situation befreien, z.B. auf die andere Seite der Straße tragen (Laufrichtung des Tieres beachten!) oder ein verletztes Tier zum Tierarzt bringen.“ Ansonsten wurde gesagt, es sei die Aufgabe der Naturschutzbehörde über die weitere Vorgehensweise, also ggfs. über ein Einfangen der Sumpfschildkröte, zu entscheiden.
Wegen der zuvor geführten, kontroversen Diskussion um Wiederansiedlungsprojekte mittels Nachzuchten von Privatzüchtern war diese Antwort für mich etwas überraschend. Aber da fast alle deutschen Emys-Experten (Feldherpetologen, behördliche Artenschützer, Leiter von Wiederansiedlungsprojekten) anwesend waren und keiner widersprach, möchte ich die Antwort hier so weitergeben. Wir Hobbyhalter raten im Internet ja meist zum Gegenteil, nämlich Fundschildkröten einzufangen. Im Falle von Emys sollten wir aber bedenken, dass unser üblicher Rat wohl einen Verstoß gegen die FFH-Richtlinie der EU darstellt und sogar geahndet werden könnte. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass Wiederansiedlungsprojekte daran scheitern, dass viele legal ausgewilderte Emys aus Unwissenheit über örtliche Wiederansiedlungsprojekte schnell wieder bei Privatleuten oder in Tierheimen enden.

 

Text: Editha Krüger. Fotos: Lutz Prauser

1 Kommentar


  1. Danke Editha Krüger für den interessanten wichtigen Beitrag.

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