Anmerkungen zur Wildtierhaltung (Teil 2): Kuscheln

Zugegeben, es fällt schwer. Wer Tiere hält, unterliegt schnell der Versuchung, typische menschliche Verhaltensmuster auf die Tiere zu projizieren, bzw. deren Verhalten so zu interpretieren, als täten sie es den Meschen nach. Bedingt mag das zustimmen, aber eben nur bedingt. Und je weniger Tiere domestiziert sind, um so unpassender ist es meiner Meinung nach. Das prägnanteste Beispiel ist die regelmäßig wiederkehrende Bemerkung bei Facebook, wie süß das sei, wenn Schildkröten sich aneinander kuscheln oder schmusen.

keinkuscheln02
Einzelgänger im Streifgebiet

Erwidert man dann, dass die Tiere weder das eine noch das andere tun, ist das Unverständnis groß und Ärger ist vorprogrammiert. Denn natürlich melden sich vermehrt Halter zu Wort, die eben genau das bei ihren Tieren zu beobachten meinen. Es hagelt Beweisfotos, die nichts anders zeigen als Schildkröten, die in enger Dichte auf- und nebeneinander sitzen. Aber ist das Kuscheln oder Schmusen?
Ich finde nicht.
Warum?

Dem Duden entnehme ich die Definition, was kuscheln und schmusen eigentlich ist, vielleicht ist es hilfreich, sich erst einmal darüber zu verständigen, über welches Verhalten man eigentlich spricht, und vor allem, was die Motivation für dieses Verhaltens ist.

  1. Schmusen: mit jemandem zärtlich sein, Liebkosungen austauschen
  2. Kuscheln: aus einem Bedürfnis nach Wärme, Geborgenheit sich an jemanden, etwas, in etwas schmiegen, jemanden schmiegend an sich drücken

Wenn also schmusen der Austausch von Zärtlichkeit und Liekosungen ist, dann sind Schildkröten meines Erachtens sehr weit davon entfernt. Wenn kuscheln sich anschmiegen aus einem Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit ist, dann trifft auch das für Schildkröten nicht zu. Denn sie empfinden meiner Meinung nach dieses Bedürfnis nicht.
Unbestreitbar haben natürlich Schildkröten wie alle wechselwarmen Tiere das Bedürfnis nach Wärme. Und genau das ist auch einer der Gründe, warum sie sich an Wärmeplätzen auf- und aneinander stapeln. Das tun sie, weil sie so einen besseren Sonnen-Wärme-Licht-Einstrahlungswinkel haben. Das tun sie auch mit Steinen, Wurzeln oder Gehegebegrenzungen. Da unterscheiden sich Landschildkröten nicht von Wasserschildkröten auf Gehölzen über dem Wasser, auch sie stapeln sich. Denn der, der oben sitzt, hat den besten Sonnenplatz.

keinkuscheln01
Rotwangenschmuckschildkröten beim gemeinsamen Sonnenbad

Wenn Schildkröten sich in menschlicher Haltung im Schlafbereich alle auf einer Stelle drängen, dann ist das eben der von allen begehrteste Platz mit dem Effekt, dass die Tiere spüren, dass an allen Seiten der Panzer irgendetwas „berührt“, das vermittelt einen sicheren, geschützten Schlafplatz. Dann geht es nicht darum, dass die Tiere die Berührung zu den anderen Tieren als einen Austausch von Zärtlichkeit begreifen oder als liebevolle Zuwendung. Die Tiere übernachten nebeneinander, aber nicht miteinander. Sie suchen den bevorzugten Platz, nicht die Nähe zum Artgenossen.
Denn Schildkröten haben ein sehr reduziertes Sozialverhalten, was in diese  Fall heißt, dass sie zu anderen Tieren keine emotionale Bindung aufbauen, keine Brutpflege betreiben, keine dauerhafte Paarbildung vornehmen und auch keine Sozialverbände (Herde, Rudel, Familienverband, Schwarm) bilden, in der jedes Tier eine Rangordnung und eine gewisse Aufgabe hat.
Schildkröten interagieren mit anderen Tieren, wenn sie diese treffen i.d. R. nicht, es sei denn ein Männchen ist gerade paarungsbereit oder willig. Dann reagiert es natürlich auf ein Weibchen mit entsprechendem Balzverhalten und auf ein Männchen mit Kommentkämpfen (was man aber nicht mit grundsätzlichen Revierverteidigungverhalten verwechseln darf).
Nun begegnen sich in der Natur Schildkröten nicht unentwegt, und wenn das geschieht und das Männchen nicht gerade paarungswillig ist, laufen die Tiere eher „desinteressierrt“ aneinander vorbei und ignorieren sich:

keinkuscheln03
Nebeneinander – nicht miteinander

Dass wir in unserer Haltung Sozialverhalten wahrnehmen, hat mit der räumlichen Begrenzung der Tiere zu tun, die eben nicht mehrere Quadratkilometer Fläche haben, auf der sich vielleicht  zehn bis zwanzig Schildkröten befinden, sondern nur vielleicht 10-100m² mit entsprechend hohem Besatz. Daher begegnen sich unsere Tiere eben sehr viel öfter. Und sie belagern die gleichen exponierten Sonnen- und Schlafplätze. Sie begegnen sich beim Futter etc.
Im Gehege bilden Schildkrötengruppen so auch eine gewisse Rangordnung aus. Zeugnisse sind die Kommentkämpfe der Männchen, bei denen es darum geht, zunächst zu klären, wer der Särkere ist. „Dagegen hält die im Frühjahr ausgefochtene Rangordnung praktisch über die ganze Saison, wird erst im nächsten Frühjahr wieder in Frage gestellt“, hat Biologin, Autorin und Schildkrötenhalterin Ricarda Schramm beobachtet. Allerdings ist das Ziel dieser Kämpfe, dass das schwächere Männchen sich davonmacht, und nicht, dass es dem stärkeren Männchen gegenüber eine untergeordnete Stelle in einem Verbund der Tiere (Herde) einnimmt und zum Beispiel beim Fressen freiwillig zurücktritt (davon in der kommenden Woche mehr). Das unterlegene Männchen wird bei einer weiteren Begegnung mit dem Stärkeren ausweichen und sich zurückziehen. Gesten der Unterwerfung wie bei Herdentieren gibt es nicht. Nur das Erkennen des anderen und der Rückzug verhindern einen neuen Kommentkampf. Das heißt, dass das dominante Tier jederzeit wieder um seine Vorherrschaft kämpfen würde und die freiwillige „Unterwerfung“ des anderen Tieres auch nicht als solche erkennt.
„Auch bei Weibchen gibt es diese Rangrituale, die sich in Aufreiten und Maulaufreißen äußern. Hier geht es um Paarungswilligkeit, beste Eiablageplätze usw.“ so Ricarda Schramm. „Alle diese Verhaltensmuster setzen voraus, dass sich die Individuen erkennen, was, meine ich, auch aus Feldbeobachtungen bekannt ist. Denn sonst könnten sie sich die einmal festgelegte Rangordnung nicht merken.“
Und weiter: „Setzt man eine fremde Schildkröte zur Gruppe, so kann man beobachten, dass alle ‚alten‘ auf diese zugehen und sie intensiv beschnuppern. Ich bezweifle nicht im mindesten, dass sich die Individuen einer Gruppe oder im Habitat auch die gemeinsamen Bewohner eines Biotops persönlich kennen. Es ist die Frage, ob das als sozialer Kontakt gewertet werden kann. Gehen sie damit soziale Bindungen ein? Sicher nicht so, wie in einem Hunde-Rudel. Aber dennoch, es steht ja auch fest, dass bei langjähriger ‚Einzelhaft‘ Fehlprägungen und Verhaltensstörungen erfolgen.

Viele Schildkrötenhalter berichten, dass ihre Tiere, wenn sie ihren Haltern begegnen, den Kopf herausstrecken und sich am Hals kraulen lassen. Es ließe sich trefflich darüber streiten, ob das ein wildtiertypisches Verhaltensmuster ist oder nicht doch eher eine Fehlprägung, die aus der Gewöhnung an den Menschen als Halter resultiert.
Ich persönlich tendiere zum letzteren und möchte behaupten, dass die Motivation dieses Tieres sicher nicht ist, Zärtlichkeit zu erfahren oder Anerkennung  gegenüber einem ranghöherem Tier in einem Rudel zu bekunden. Ich interpretiere das eher als eine Art Konditionierung: die Schildkröte hat gelernt und sich daran gewöhnt. Und sie wiederholt diese Handlung, vor allem wenn sie danach mit einem „Leckerli“ belohnt wird. Ein solches Verhalten, die Bereitschaft oder den Wunsch zu signalisieren, am Hals gekrault zu werden, ist jedenfalls bei freilebenden Schildkröten untereinander nicht zu beobachten. Im Gegenteil. Ich habe es bisher nie anders erlebt, als dass wildlebende Schildkröten äußerst empfindlich auf Berührung reagieren und sofort zu ihrem Schutz Kopf, Schwanz und Gliedmaße einziehen.

Meiner Meinung nach kuscheln sie icht und wollen auch nicht bekuschelt werden.

Die ganze Serie:

Teil 1: Wildtiere
Teil 2: Kuscheln

Text und Bilder: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor

Kommentar verfassen