Vom Suchen und Finden – Unterwegs in Istrien (Teil 1)

Auf Schildkrötensuche in Istrien

Istrien ist jetzt nicht gerade das, was man einen herpetologischen Hotspot nennen könnte – zumindest nicht, wenn man sich dort auf Schildkrötensuche begibt. Die Gründe für die dortige, relativ geringe Populationsdichte sind zahlreich. Unter anderem befindet sich die kroatische Halbinsel schon sehr weit im Norden und damit nördlicher als die Schildkrötenpopulationen in Italien oder Frankreich. Zum anderen ist zumindest die Küstenregion schon seit jugoslawischer Zeit eine begehrte Urlaubsregion. Zwar sind noch viele Landstriche unbesiedelt, aber ein gut ausgebautes Straßennetz, die Erweiterung der Ferienorte an der Küste und die daraus entstehende Infrastruktur mit Neubauten, Gewerbegebieten und Ferienanlagen gehen natürlich wie überall auf Kosten ursprünglicher Bewuchszonen. Immerhin ist die Halbinsel nicht so sehr durch intensive Landwirtschaft (Felder, Weiden) genutzt wie zum Beispiel Sardinien, aber auch auf Istrien schmelzen die ursprünglichen Lebensräume der Schildkröten mehr und mehr zusammen.
SONY DSCVertraut man den Schilderungen Einheimischer und Jugoslawienurlauber der 70er Jahre, dann wurden auch auf Istrien Schildkröten in großer Zahl abgesammelt und an Touristen aus Deutschland und Österreich verkauft: Ein bekanntes Phänomen, was den Populationen wohl am meisten geschadet hat.
Da wir aber nun mal 2014 unseren Urlaub an der Südspitze Istriens in der Nähe von Pula verbracht haben, war es selbstverständlich, dass ich neben den Besichtigungen antiker Stätten (Amphitheater), Museen, Naturparks und Meeresaquarien trotzdem auf die Suche nach Schildkröten gegangen bin.
Um wenigstens ungefähr eine Ahnung zu bekommen, wo man Tiere finden könne und meine Suche etwas gezielter anzugehen, durchstöbere ich das Internet auf Hinweise. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das so am einfachsten ist. Viele Schildkrötenhalter, die die Habitate bereisen, halten sich mit Hinweise auf Fundstellen von Tieren in freier Wildbahn äußerst bedeckt, weil sie der Ansicht sind, mit dieser Geheimniskrämerei die Tiere vor Schaden zu bewahren – nämlich, das mehr und mehr Schildkröteninteressierte sich auf den Weg an diese Fundstellen machen. Allerdings frage ich mich dann oft, ob Schildkröteninteressierte denn tatsächlich die Tiere im Habitat so sehr stören. Ich möchte das eher in Abrede stellen, zumindest dann nicht, wenn sie die Tiere nur fotografieren und nicht vermessen, wiegen, Körpertemperaturen messen (dies meist selbst legitimiert aus wissenschaftlichen Gründen), sie kleine Ewigkeiten lang durch die Gegend schleppen um möglichst viele schmucke Fotos zu erzielen…
„Normale“ Urlauber gehen damit viel gelassener um. Wer die einschlägigen Urlaubs-Foren im Netz durchstöbert, findet schnell Berichte der Reisenden, wo sie welche Tiere gefunden haben – oft auch mit Fotos. Die Urlauber berichten stolz von ihren Begegnungen mit Schildkröten, Skorpionen, Schlangen, Schmetterlingen… eben all den Tieren, die sie daheim im Wald nicht antreffen. Zudem erfährt man ganz nebenbei, wie alt diese Fundmeldungen sind und kann sich so schon mal einigermaßen orientieren, wo es eventuell was zu entdecken gibt.
SONY DSCAusgestattet mit diesen Informationen begebe ich mich also mehrmals während unseres Kroatien-Urlaubs in die Macchia in der Küstenregion zwischen Rovinj und Faszanja. Ich habe von einigen Funden in diesem Landstrich gelesen, das lässt hoffen, auch wenn mir klar ist, dass mir hier die Schildköten nicht so einfach vor die Kamera stapfen wie in de Gallura Sardiniens im Jahr zuvor.
Ich habe bereits mehrere Schildkrötenhabitate bereist, Erfahrungen gesammelt und mich mit vielen anderen Schildkötenhaltern ausgetauscht, wann man die besten Chancen hat, Tiere im Habitat zu finden: Zu welcher Tageszeit ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, wo sucht man am besten usw. usw. Ich bin also wieder einmal gut vorbereitet. Denke ich. Ausgestattet mit Kamera, reichlich Trinkwasser, Wanderkarte, Handy, Obst und Traubenzucker starte ich morgens sehr früh, denn gerade in den frühen Morgenstunden sind die Tiere besonders aktiv und daher leichter anzutreffen.
Ich fahre etwa 40 Kilometer die Landstraße nach Norden entlang bevor ich spontan entscheide, links in einen Feldweg abzubiegen. Etwa hier, so erinnere mich, schrieb eine Urlauberin, habe sie mehrere Schildkröten am Straßenrand gesehen. Am Wegrand lasse ich das Auto stehen. Ab jetzt geht es zu Fuß weiter. Eine kleine Ewigkeit stapfe ich die Feldwege entlang, biege immer wieder links und rechts in Trampelpfade ein und bin der Meinung, mitten in einem Schildkrötenhabitat zu sein… Doch so sehr ich mich auch anstrenge, es ist kein Tier zu sehen – zumindest keine Landschildkröten. All die vielen „Flecken“ und Erhebungen unter dem verdorrten Gras entpuppen sich als größere Steine. Als es elf Uhr ist, entscheide ich, die Suche aufzugeben. Das wird hier nichts mehr. Ich kehre um. Manchmal hat das Suchen eben auch etwas mit Glück zu tun. Und das ist mir heute wohl wenig wohlgesonnen. Mehr als ein paar schöne Landschaftsbilder und ein paar Insektenfotos gelingen mir nicht.
Mir ist heiß, er Schweiß rinnt mir langsam von der Stirn. Die Sachen kleben am Leib. Trotzdem käme ich nie auf die Idee, auf lange Hosen, Kopfbedeckung und Wanderstiefel in der Macchia zu verzichten. Schon ist das Auto in Sichtweite, ich überlege, ob ich einfach noch mal ein Stück weiter fahre und es an einem anderen Feldweg versuche oder zum Ferienhaus zurückkehre. Der Bericht aus dem Istrien-Reiseforum ist immerhin fünf Jahre alt. Und die Ortsangaben waren recht unpräzise.

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Ein kleiner Weg führt links ab. Dort möchte ich mein Glück noch einmal versuchen. Links des Wegs ist ein dunkler, halbhoher Wald, auf der rechten Seite eine zerfallene Bruchsteinmauer, dahinter ein verwilderter Garten, hoher Grasbewuchs und ein paar alte Olivenbäume. Es ist erstaunlich feucht und grün, der Weg wechselt zwischen sonnigen und halbschattigen Plätzen, geht etwa 200m weit, dann biegt er ab.
„Last try“, denke ich und bin froh, diese Entscheidung getroffen zu haben. Denn nach etwa 100 Metern entdecke ich die erste Griechische Landschildkröte, ein Männchen, das ich auf etwa 6 bis 8 Jahre alt schätze. Ein wunderschönes Tier, glatt gewachsen und sehr entspannt. Es sitzt im Halbschatten und rührt sich nicht, fühlt sich aber auch nicht bedroht, als es mich wahrnimmt und von allen Seiten intensiv fotografiert wird. Immer wieder muss ich daran denken, wie albern das eigentlich ist, eine Schildkröte im Habitat 50mal zu fotografieren, wieder und wieder und wieder – als hätte man nicht bereits die halbe Speicherplatte voll mit Schildkrötenfotos aus den diversen Habitaten, von den eigenen Tieren daheim ganz zu schweigen. Ich tue es trotzdem. Alle machen das.

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Erst als ich sicher bin, wirklich alle Perspektiven, aus der man das Tier fotografieren könnte, erfasst zu haben, lasse ich ab. Ich setze mich auf einen etwas größeren Stein und warte. Die Schildkröte bleibt unbeeindruckt. Irgendwann marschiert sie los, ich beobachte sie eine Zeit lang, dann folge ich ihr. So gelingen mir weitere Fotos. Ich entdecke ein weiteres, etwa gleich großes Tier, ebenfalls ein Männchen.SONY DSC Auch dieses wird von allen Seiten fotografiert. An den Hornschilden sind kleinere Verletzungen auszumachen, das Tier macht auch einen etwas schreckhafteren Eindruck als sein Artgenosse. Es beeilt sich, sich meinem „Zugriff“ zu entziehen und zieht sich unter einem Grasbüschel zurück. Etwa eine halbe Stunde suche ich den zugewachsenen Weg weiter ab. Aber bis auf die Schildkröte, die ich bereits gefunden hatte, entdecke ich kein weiteres Exemplar. Gern hätte ich sie beim Fressen fotografiert, aber da fehlt mir das Quäntchen Glück. Also mache ich mich wieder auf den Weg.

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Als ich im Auto auf dem Rückweg nach Süden ist, brennt die Sonne vom Himmel. Es ist perfektes Urlauberwetter… vorausgesetzt, man möchte am Strand liegen oder in der Adria schwimmen. Beides verschiebe ich kurz entschlossen auf den Nachmittag. Noch einmal biege ich auf einen Seitenweg ab, fahre weit hinein in die Machia über einen holprigen, staubigen Pfad und parke in der Nähe eines allein stehenden verrammelten Hauses. Ein Hund bellt mich wütend an, und kein Halter ist da, der mir versichern würde, dass der nichts tut sondern nur spielen will.
Mir behagt das nicht, aber irgendwann steige ich dann doch aus dem Auto aus. Ich lasse mich von dem Hund beschnuppern, der schlagartig jedes Interesse an mir verliert, marschiere los und versuche hier mein Glück. Die Landschaft passt perfekt. So sehen Habitate aus.

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Ich finde es bei dieser Hitze zwar einigermaßen aussichtslos, Schildkröten zu finden, aber man soll ja nichts unversucht lassen. Und tatsächlich entdecke ich eine weitere Schildkröte etwa 500m entfernt von dem Haus. Bis dahin aber bin ich kreuz und quer und im Zick-Zack durch die Macchia gelaufen, der Bewuchs ist relativ frei, so dass man sich an etwa zwei Meter hohen Sträuchern vorbei auf immer neue felsige kleine Lichtungen vortasten kann. Mir kommen diese Geschichten von Leuten in den Sinn, die in diesem Gestrüpp hoffnungslos die Orientierung verloren haben und stundenlang durch die Macchia irrten. Gut, wenn man heute ein GPS-Handy dabei hat…

Fortsetzung hier

Text und Bilder: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor

Der Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift „Minor“ der AG Schildkröten der dght.

KroatienEin Vortrag zu dem Thema mit vielen weiteren Bildern und einem Teil über Schildkröten in Dalmatien steht auf dem Programm des 18. Landauer Schildkrötentages am 28.09.2015. Dieser Vortrag steht ab September für Tagungen, Stammtische, Schildkrötentreffen, Workshops etc. zur Verfügung. Bitte kontaktieren Sie mich bei Interesse.

2 Kommentare



  1. Hallo Lutz,

    vielen Dank für diesen tollen und interessanten Reisebericht und die wunderschönen Fotos. Nur durch solche Habitatfotos bekommt man einen Blick auf das Leben der europäischen Landschildkröte im Habitat. Und solche Fotos sollten wir uns zum Vorbild nehmen, für die Einrichtung eines naturnahen Geheges.

    Da ich selbst leider noch nie ein natürliches Habitat besucht und durchwandert habe, bin ich sehr froh, dass es Leute wie dich gibt, die uns durch solche Fotos an ihrer Reise teilhaben lassen.

    Barbara

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