Manchmal sind es „Mistviecher“

Die wohl meisten Halter Europäischer Landschildkröten haben es schon einmal erlebt:
Man kontrolliert sein Gehege – eine Schildkröte fehlt.
Sofort spielt man in Gedanken alle Möglichkeiten durch:
Ist sie vielleicht doch irgendwie ausgebrochen und konnte die Gehegebegrenzung überwinden?
Wurde sie Opfer eines Marders, einer Krähe?
Wurde sie vielleicht geklaut?
Oder hat sie sich nur irgendwo im Gehege eingegraben?

Und was heißt da eigentlich nur… Das kann ja so nicht bleiben, vielleicht fällt im Winter ein halber Meter Schnee, vielleicht haben wir auch – 20°C und strengen Bodenfrost, das ist ja auch schon öfter vorgekommen.

Hertha ist so eine Kandidatin, die gerne mal verschwindet und mir so das Leben manchmal schwer macht.

Hertha sondert sich gerne mal ab und hat einen Querkopf, wenn es darum geht, abends ins Schlafhaus zu gehen. Dort gehört sie – so denke ich mir das – eigentlich hin. Den Sommer über ist das nicht wirklich ein großes Drama, aber jetzt, wo der Herbst gekommen ist und es zeitweilig abends schon empfindlich kühl wurde, habe ich es lieber, wenn alle Tiere in der Schlafgrube übernachten. Nicht, dass ich mich beleidigt hinstelle und frage, für was ich dieses eigentlich gebaut habe, ich möchte halt sicher sein, dass die Tiere, wenn es dann doch plötzlich kalt wird, sich nicht irgendwo eingraben. Aber wie gesagt: Hertha hat da ihre eigenen Vorstellungen.
Und so war sie von einen auf den anderen Tag einfach weg…
Ich konnte relativ sicher ausschließen, dass sie aus dem Gehege ausgebüchst war, ebenso, dass sie von einem Vogel oder einem Marder verschleppt wurde. Ebenso war ich sicher, dass sie nicht einfach von irgendwem aus unserem Garten geklaut wurde.
Längst hatte ich natürlich im Gehege ihre Lieblingsverstecke abgesucht, dort, wo sie sich gern zurückzieht, wenn Dr. Jekyll und Mr. Hyde, die beiden Männchen, etwas zu aufdringlich werden, wo sie im Sommer Schutz vor zu viel Sonne und manchmal auch vor zu viel Gewitterregen sucht. Fehlanzeige: Unter der Segge war sie nicht, nicht unterm Lavendel und auch nicht unter dem ausladenden Rosmarin.
Blieb nur die Variante: Hertha hat sich eingegraben.
Um das zu überprüfen habe ich als allerertes das Schlafhaus komplett geleert, also etwa 100l Erde/Sphagnumgemisch, ein Eimer nach dem anderen wurde gefüllt und zur Seite gestellt, bis ich auf dem Grund angekommen war. Irgendwie wusste ich aber vorher schon: Da werde ich sie nicht finden. Immerhin war so die gesamte Erde des Schlafhauses gewendet und durchmischt.
Schritt zwei war, die Erde im Frühbeet abzusuchen, was keine so angenehme Arbeit ist. Das Frühbeet wurde vorübergehend von den Schildkröten evakuiert, und dann ging die Graberei los. Kopfüber über den Rand gebeugt und vorsichtig mit einer alten Kindersandkasten-Plastikschaufel. Wie auch im Schlafhaus verwende ich beim Buddeln keine scharfkantigen Gartenschaufeln, die Verletzungsgefahr ist einfach zu groß. Auch hier blieb die Suche erfolglos, auch das keine große Überraschung. Wenigstens war dann hier die Erde auch mal aufgelockert, was den Pflanzen im Frühbeet sicher gut tut.
Blieb eigentlich nur das Ergebnis: Irgendwo im Gehege ist sie „abgetaucht“, also stand mir bevor, was man so gerne allen anderen Haltern in ähnlicher Situation rät: Suchen… suchen… suchen.
Gleichzeitig machte ich mir Gedanken für den Fall, dass ich sie partout nicht finden würde. Denn das Suchen gestaltete sich ganz besonders schwierig. Vor einigen Wochen hatten wir eine wahre Wühlmausplage im Garten überall tauchten die Tiere auf, bzw. ihre Hinterlassenschaften: Löcher, Gänge, krümelige und lockere Erde. Ideal für Hertha, sich nicht in den schweren Lehmboden graben zu müssen. Sie konnte überall sein. Und vor allem jede lockere feuchte Erde konnte von ihrem Eingraben stammen, oder eben von einer der Wühlmäuse.
Stunden um Stunden bin ich auf allen Vieren durch’s Gehege gerutscht und habe nach Hertha gegraben. Gefunden habe ich sie nicht. Es folge ein „Generalangriff“ auf den Gehegebewuchs: Pflanzen wurden ausgedünnt und zurückgeschnitten, um das Suchen einfacher oder überhautpt erst möglich zu machen. Auch hier: Es nützte nichts. Hertha blieb unauffindbar. Was tun?
Langsam wurde ich unruhig und etwas nervös. Aber ein Ass hatte ich noch im Ärmel. Und genau das sollte am Ende stechen.
Der Wetterbericht kündigte für das Folgewochenende noch einmal sehr warme und sommerliche Temperaturen an. Würde Hertha dann nicht noch mal aus der Erde auftauchen, dann blieb mir wohl nichts anderes übrig, als Zentimeter um Zentimeter nach ihr zu suchen, was bei der Gehegegröße ein echter „Sch…“ ist. Aber diese Sonnentage wollte ich erst noch abwarten. Vielleicht hätte ich ja Glück.
Tatsächlich war die Sonne war meine Verbündete und am Samstag hockte Hertha plötzlich wieder unter der Segge, genau dort, wo sie sich am allerliebsten versteckt:

Die Spuren am Panzer waren deutlich. Hertha war irgendwo im Gehege in die Erde gegangen, aber noch einmal hervorgekommen. Unbeteiligt und sich keiner Schuld bewusst starrte sie mich frech an (ok: Das ist natürlich nicht wirklich bei Wildtieren so, aber manchmal interpretiert man sich halt etwas zusammen).
Ich jedenfalls war heilfroh, sie wiedergefunden zu haben. Und jetzt heißt es, Hertha wenn möglich daran zu hindern, sich wieder irgendwo im Gehege einzugraben. Mit einem einfachen Plattenstecksystem kann ich das Gehege der Größe nach auf die Hälfte reduzieren und genau das wird vermutlich jetzt passieren müssen. Denn dann dürfte die Suche nach Hertha, sollte sie noch einmal auf eine solche Schnapsidee kommen, einfacher werden. Denn dass sie durchaus gewillt ist, sich überall einzugraben, hat sie eindrucksvoll noch am selben Wochenende, an dem sie wieder auftauchte, bewiesen:

 Schon wieder grub sie sich nicht im Schlafhaus ein, diesmal im kiesigen Teil, hätte ich es nicht gesehen, ich hätte sie wohl wieder eine halbe Ewigkeit lang gesucht. Denn dort, wo Hertha in die Tiefe gehen wollte, ist der Boden hart und steinig. Nie hat sich vorher auch nur eine Schildkröte die Mühe gemacht, dort ein Loch für sich zu graben. Aber Hertha hat eben ihren eigenen Dickkopf. Rücksicht auf uns Halter, die sich Sorgen machen, die das halbe Gehege umgraben, um das Tier vor einem möglichen Erfrierungstod im Winter zu schützen, nimmt sie dabei nicht. Wie sollte sie auch? Hertha ist ein Wildtier. Und das ist gut so.

Text und Bilder: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor

 

 

 

6 Kommentare


  1. Hallo,
    ja, so sind sie halt;-) Am schlimmsten sind die „Russen“ mit alpiner Ausbildung…. Ich hatte mal eine Schildkröte kurz auf einem 1,5 qm großen Balkon für eine Stunde (also eine geplante Stunde!) zwischengeparkt, komme um sie zu holen: Schildkröte weg! Der Balkon war leicht abzusuchen, da rundum verbrettert und kletterfest. Trotzdem abgesucht. Nix. Das dahinterliegende Zimmer abgesucht (vll. hat sie von außen die Balkontür aufgekriegt). Nix. Wo fand ich sie? Auf dem Balkon. Dort standen an der Hauswand hochkant zwei Maiskissen, auf die war sie hochgeklettert und saß quietschvergnügt obendrauf und sonnte sich. Meine Nerven!! 🙂
    vg Andrea


  2. Hallo!
    Genialer Artikel! Also mir ging es am Beginn der Schildkrötenhaltung auch so. Mittlerweile verkleinere ich das Gehege sobald es kälter wird (ca. Anfang Oktober) so weit, dass ich sie finden kann, und sie trotzdem noch Auslauf haben. Funktioniert sehr gut und ich erspare mir den Stress des Suchens. Manche ziehen es halt vor das Schlafhaus nicht in Anspruch zu nehmen!! Manche sind halt sehr dickköpfig! Liebe Grüße. Ulli


  3. Hallo Lutz,

    sehr tröstend, dass es nicht nur mir so geht als frischgebackene Kröten-Halterin.
    Diese Woche war ‚Moonlight‘ drei Tage lang verschwunden und sass dann frech im Boden-Geäst eines Busches, von dem aus sie wunderbar beobachten konnte, wie ich ihr Frühbeet umgegraben habe ….
    Und seit gestern ist ihr Kumpel ‚Moses‘ weg.
    Ich ‚kriech‘ schon wieder die Krise … 🙁 !

    Sonnige – und wohl bald erdige – Grüße vom Starnberger See
    Birgit


  4. Mich würde dein einfaches Plattenstecksystem interessieren. Hast du davon ein Foto?


  5. Hallo,
    meine Pauline ist auch so ne kleine sich-draußen-Einbuddlerin. Aber immer nur im Herbst, wenn sie auf Überwinterungsplatzsuche ist. Den ganzen Sommer über geht sie, wie ihre vier Schildkröten-Kameraden, ins Schutzhaus zum schlafen.
    Zwei Wochen hab ich sie jeden Abend ausgebuddelt und ins Haus gesetzt. Sie wiegt erst 200g, ein Marder oder Fuchs könnte sie nachts leicht kidnappen.
    Aber inzwischen hat sie sich ganz brav im Schutzart verbuddelt, sie und ihre Schwester Ida (aus demselben Schlupf). Die drei anderen genießen noch die spärlichen Sonnenstunden. Die sind ein Jahr früher geschlüpft und brauchen halt nicht mehr so viel Schlaf. :))


  6. Lieber Lutz, ich musste sehr schmunzeln, als ich Deinen Bericht gelesen habe. Bei mir ist es Leo (mittlerweile auch liebevoll „der kleine Arsch“ genannt). Drei Tage hab ich gesucht. Ich hatte wunde Fingerkuppen… hab alle Pflanzen rausgerissen und auch die Steine rausgetan und gegraben und gegraben… Leider war bei mir das Wetter nicht so schön. Tja und dann hab ich ihn gefunden: Er hatte sich schräg nach unten gegraben und war ca 30 cm unter einem großen Stein. Der „kleine Arsch“ 😉

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