Nachdenkliches zur Überwinterung

Von Gunda Meyer De Rojas

In den allermeisten Fällen überstehen Schildkröten die Überwinterung problemlos. Nur selten kommt es vor, dass Schildkröten während der Winterruhe sterben. Für die Besitzer ist das ein trauriges und oft unerwartetes Ereignis. Im Winter 2012/13 begann ich unter befreundeten Schildkrötenhaltern und in den Schildkrötenforen Informationen zu in der Winterstarre verstorbenen Landschildkröten zu sammeln und zusammenzustellen.
Um Aussagen über die Todesrate in bestimmten Überwinterungsquartieren zu treffen, muss die Anzahl der verstorbenen Tiere zu der Gesamtzahl der Überwinterungsquartiere ins Verhältnis gesetzt werden. Also führte ich im Frühjahr 2014 in fünf Schildkrötenforen eine Umfrage zu den Überwinterungsquartieren durch. 321 Halter haben teilgenommen. Hier das Ergebnis:


In diesem Frühjahr sammelte ich erneut Informationen zu in der Winterstarre verstorbenen Landschildkröten. Diesmal mit konkreten Angaben zu Haltung, Substrat, Vorerkrankungen und evtl. vorliegender Diagnose der Todesursache. Details sind nachzulesen auf meiner Internetseite (http://testudoland.npage.de/nachdenkliches-zur-ueberwinterung.html)
Die Ergebnisse sind bemerkenswert.

Die Ergebnisse in Kurzform

Im Winter 2012/13 und im Winter 2013/14 gab es insgesamt 43 Berichte über Landschildkröten, die die Überwinterung nicht überlebten.

Ergebnisse und Rückschlüsse:

2013 wurde mir von 22 Landschildkröten berichtet, die während der Winterstarre gestorben sind. 2014 waren es 21. Der Tod trat in den meisten Fällen überraschend ein. Nur sechs Halter berichteten von Vorerkrankungen oder hatten Risikokandidaten eingewintert. Dreimal gab es Diagnosen durch ein Institut oder einen Fachtierarzt, und zwar je einmal Darmentzündung, Lungenentzündung und Sepsis. Mehrmals wurde berichtet, dass sich die betroffenen Tiere im Vorfeld in ihrer Überwinterungsbox unruhig verhielten.
Wir wissen, dass Schildkröten aus nicht artgerechter Haltung häufig Probleme bei der Überwinterung haben. Jedoch handelte es sich in den vorliegenden Fällen überwiegend um erfahrene oder zumindest um gut informierte Halter, die sehr bemüht waren, alles richtig zu machen. In der großen Mehrzahl kamen die Tiere aus Freilandhaltung mit Frühbeet und wurden mit Wiesenkräutern gefüttert. Grobe Haltungs- oder Vorbereitungsfehler waren nicht zu erkennen. Zumindest keine so erheblichen, dass sie den Tod einer Schildkröte rechtfertigen würden.
Ich bin sicher, dass die Vorbereitung auf die Winterruhe eine große Rolle spielt. Mir war es vom Aufwand her nicht möglich, die verschiedenen Vorbereitungsmethoden gegenüberzustellen.
Testudo hermanni boettgeri waren mit Abstand am häufigsten betroffen, was sich dadurch erklärt, dass diese Art hierzulande am häufigsten gehalten und nachgezüchtet wird. Testudo horsfieldii verstarben prozentual eher im Erwachsenenalter, was wohl daher kommt, dass es vergleichsweise wenige Nachzuchten gibt.

1,5 Jahre – ein riskantes Alter

16 mal waren Testudo hermanni und Testudo graeca im Alter von 1,5 Jahren betroffen (37%). Dies ist ein enorm hoher Wert wenn man bedenkt, dass Schildkröten 100 Jahre alt werden können. Die Tiere starben überraschend. Gesundheitliche Beeinträchtigungen waren äußerlich nicht erkennbar.

Mögliche Ursachen:
Schildkröten wechseln häufig im zweiten Lebensjahr, also nach der ersten Winterstarre, den Besitzer. Da liegt die Vermutung nahe, dass Neueinsteiger in die Schildkrötenhaltung, Fehler bei der Haltung, Vorbereitung oder Einwinterung begangen haben, die schließlich zum Tod der Tiere führten. Diese Ursache kann jedoch, wie schon erwähnt, bei den betroffenen Tieren in den allermeisten Fällen eindeutig ausgeschlossen werden.
Bedeutet der Wechsel vom Züchter in eine neue Umgebung für das Immunsystem der 1,5-jährigen eine besondere Herausforderung? Dazu wäre es interessant zu wissen, wieviele Schlüpflinge die erste Winterstarre nicht überlebten. Es ist ist zumindest nicht unwahrscheinlich, dass die Zahl in Wirklichkeit höher liegt und dass die Züchter es nicht der Rede wert fanden, es in einrm Forum zu posten oder an die große Glocke zu hängen, da dies als „natürliche Auslese“ angesehen wird.
Wenn dies der Fall ist, würde es bedeuten, dass das Schildkröten mit zunehmendem Alter widerstandsfähiger werden. Also: Je später die Abgabe desto höher die Überlebenschance.
Vier mal erhielt ich eine Antwort auf die Frage, ob es sich um die erste oder zweite Überwinterung handelte: Einmal war es die erste, drei mal die zweite. Um einen Zusammenhang herzustellen, wären weitere Untersuchungen notwendig.

Kühlschranküberwinterung – alles unter Kontrolle?
Bei 40 von 43 Tieren gab es Angaben zum Überwinterungsort. 31 Schildkröten (77,5%) starben im Kühlschrank. Im vergangenen Winter waren es sogar 18 von 20, also 90%. Die Kühlschranküberwinterungen wurden „vorschriftsmäßig“ durchgeführt, also wie in den Ratgebern empfohlen. Von technischen Defekten wurde nicht berichtet. Da insgesamt lediglich etwa die Hälfte der Schildkröten im Kühlschrank überwintert werden, legt das das Resultat nahe, dass die Kühlschranküberwinterung möglicherweise gewisse Risiken birgt.
In den Überwinterungsboxen wurde unterschiedliche Substrate verwendet: Waldmoos, Sphagnum, Erde, Laub, Kompost oder einer Mischung daraus – es war alles dabei.
Im Keller oder einem vergleichbaren kühlen Raum verstarben 20%, also etwas mehr als vermutet, gemessen an den 12,5% der insgesamt dort durchgeführten Überwinterungen.
Im Frühbeet und Gewächshaus ereignete sich 2014 kein einziger Todesfall. obwohl immerhin ein Drittel dort überwintert wurde. Auch dieses Ergebnis ist überraschend. 2013 betraf es einen einzigen Schlüpfling, der aufgrund unglücklicher Umstände aus der Überwinterungsbox entkommen und wohl erfroren war.
Im Schuppen, in der Garage, im Gartenhaus oder im Freiland starb keine der aufgeführten Schildkröten, wobei nur sehr wenige Halter diese Überwinterungsmöglichkeiten nutzten.
Das Ergebnis wirft unbeantwortete Fragen und Diskussionspunkte auf:
Wirken sich stets gleich bleibende Temperaturen im Kühlschrank und meines Erachtens auch im Keller ungünstig aus?
Haben Bakterien und Keime in einem geschlossenen Behältnis, wie es im Kühlschrank verwendet wird, eher Zugriff auf die Schildkröte?
Wirken sich Vibrationen, Geräusche oder eventueller Sauerstoffmangel negativ aus?
Macht die Umstellung auf ein ungewohntes Substrat den Tieren zu schaffen?
Bisher gibt es nur Erklärungsansätze. Möglicherweise ist eine Kombination aus mehreren Bedingungen für die Todesfälle verantwortlich.

Keine Sicherheit durch Gewichtskontrolle
Neun mal gab es Angaben über den Gewichtsverlauf. Keine der verstorbenen Schildkröten hatte nennenswert an Gewicht verloren. Von einem gleichbleibenden Gewicht kann man also keinesfalls auf den Gesundheitszustand der Schildkröte schließen. Somit ist eine Gewichtskontrolle und die damit verbundene Ruhestörung überflüssig, wenn nicht sogar schädlich. Sie dient lediglich dazu, dem Halter eine auf Zahlen basierende Scheinsicherheit zu vermitteln. Kontrollen des Substrates z.B. auf Schimmel und regelmäßiges Nachsehen, ob die Schildkröte in ihrer Box nicht unruhig umherwandert, halte ich allerdings schon für wichtig.
Mit diesem Bericht möchte ich keinesfalls Panik vor der Winterruhe verbreiten. Die Winterruhe ist keine Krankheit sondern Bestandteil des natürlichen Jahresrhythmus. Ich schätze, dass die Überlebensrate weit über 99% liegt. Und wer kann schon sagen, ob die beschriebenen Schildkröten bei ausgefallender Winterstarre nicht trotzdem gestorben wären? Ich möchte jedoch Mut machen, die Überwinterung im Frühbeet oder Gewächshaus – also in der angestammten Umgebung der Tiere – zu wagen und den Tieren somit stärkere Temperaturschwankungen zuzumuten, ähnlich wie man sie in der Natur vorfindet.

 

Text und Statistiken: Gunda Meyer De Rojas. Alle Rechte bei der Autorin

7 Kommentare


  1. Hallo Kurt,
    Es gibt in meiner Studie keine absolute Ausgangsmenge, also keinen Divisor für die Formel zur Berechnung der Lethalität (Wobei der Begriff „Lethalität“ meiner Meinung nach sowieso zweifelhaft ist, denn die Winterstarre ist ja keine Krankheit) Man kann keine Aussage treffen wie „Von x überwinterten Schildkröten sind 5 gstorben“, weil die Zahl x nicht bekannt ist. Die Frage, wieviele SK generell die Überwinterung nicht überleben, finde ich hochinteressant, aber wenn ich das hätte herausfinden wollen, hätte ich anders vorgehen müssen. Mein Ziel war, den Gründen für die Todesfälle auf die Spur zu kommen.
    Fest steht: Die Zahl der Schildkröten, die die Überwinterung nicht überleben, ist – gemessen an der Zahl aller künstlich überwinterten Schildkröten – verschwindend gering. Auch bei der Kühlschranküberwinterung.


  2. Hallo

    Der Artikel ist gut und die Ergebnisse decken sich in vielem mit meinen Umfragen. Leider fehlt mir der Zusammenhang von Substrate und Abdeckung der Tiere. Diese haben einen deutlich höheren Stellenwert als bisher angenommen. Außerdem ist die prozentuale Angabe der Letalität falsch, es werden nur die Gesamtzahlen genannt. Auf Kühlschrank bezogen haben wir eine Letalität von 19% (Anzahl der Todesfälle im Kühlschrank mal 100 durch Anzahl der Kühlschranküberwinterungen) zu 11% der übrigen Methoden. Das relativiert einiges.
    Gruß Kurt


  3. Hallo zusammen

    Ich überwintere meine Tiere schon immer im Kühlschrank mir ist noch nie ein Tier verendet warum auch, die Temperatur ist gleichbleibend man Lüftet zwei mal die Woche und wenn ein Tier an der Oberfläche sitzt und mich ansieht weiß ich das was nicht stimmt.Wobei ich auch sage die betse Überwinterung ist im Freiland ,Frühbeet.

    LG dieter


  4. Vielen Dank für die Veröffentlichung dieser Ergebnisse. Sehr interessant. Und doch erschreckend, wie viele im Kühlschrank versterben, obwohl es doch so oft empfhhlen wird. Nächsten Winter gibt es bei mir auch eine Übrwinterungsgrube, die befindet sich diesen Winter gerade in der Leerlauf Testphase 🙂


  5. Schönen Dank Gunda,
    2007 habe ich in Bayern von verschiedenen Züchtern im Sommer Schildkrötenbabies gekauft. Ich habe mir mehr gekauft, wie ich halten wollte, um die Besten dann für eine kleine Zucht auszulesen. Als ich die Entwicklung der Tiere beobachtete, fiel mir auf, das sie, – alle Schildies hatten die selben Bedingungen, – sehr unterschiedlich verlief. Im Groben kann man sagen, es gab Schnellwachsende, Normale (Mittleres Wachstum) und Kümmerlinge. Genauso stellte sich heraus, das rachitische Erscheinungsformen (Buckel-Flachpanzer) und gesund aussehende Tiere heranwuchsen, wobei die Schildies mit mittleren Wachstum am besten abschnitten. Ich besaß auch ältere Tiere, Weibchen, die ich aus Mitgefühl aus schlechten Verhältnissen gekauft hatte, Aquariumstiere die ohne Sonne, nur mit Kunstlicht, über mehr als 2 Jahre existieren mußten. Diese Weibchen sind mir mit Beginn der Geschlechtsreife verstorben, aber im Frühjahr nach dem Winterschlaf. Nach langem Nachdenken bin ich zu der Überzeugung gekommen, das schon im Ei angelegt sein muß, welche Entwicklungsmöglichkeiten eine Schildkröte in ihrem Leben hat. Gute Aufzuchtbedingungen können nur begrenzt diese Anlage korrigieren. Die Zuchtschildkröten in unseren Breiten sind eigentlich schon Mutanten, die es geschafft haben, mit weniger Sonneneinstrahlung und Dauer sich weiter vermehren zu können….und dann gibt es eben die unglücklichen Nachkommen, die in ihrer Entwicklung einen Sprung nicht schaffen, erkranken und sterben. Um meine Aussage zu objektivieren, müßte ich einen Vergleich zu in ihren Biotop wildlebenden Spezies machen, weil ich die Intensität der Sonneneinstrahlung und die Dauer für Mutation mit verantwortlich mache. Das kann ich aber nicht. So weiß ich auch nicht wie viele wildlebende Schildies sich im Herbst einbuddeln und im Frühjahr nicht mehr erscheinen. Trotzdem hatte ich das Bedürfnis, meine Erfahrungen weiterzugeben, zu betonen, das in unseren Breiten die Sonne nicht so scheint wie in der Heimat der Schildkröten. Um mehr Licht in artgerechte Haltung zu bringen, müßte eigentlich jeder Schildiefreund umziehen mit seinen Tieren, in Richtung Süden. Beste Grüße Doris


  6. Danke Gunda,
    seit 1957 habe ich einiges ausprobiert zum Thema Winterstarre – aber nie hat eines meiner Tiere im Kühlschrank gestarrt.

    Auch hatte ich bisher das Glück, nie in oder in den Wochen nach der Starre ein Tier zu verlieren.
    So werde ich auch weiterhin meine zum Teil sehr alten Tiere in einem kühlen Raum unseres Gartenhauses starren lassen.
    Im Raum sind 2 elektr. Frostwächter – falls die Temperaturen unter 5 Grad gehen und ein elektr. Luftbefeuchter, der um bis zu 3 Grad runterkühlt falls es mal zu warme Wintertage gibt.
    Gern werden wir auch weiterhin an solchen Umfragen teinehmen.


  7. Hallo Gunda,

    danke für diesen sehr interessanten Artikel.
    Ich habe früher auch im Kühlschrank überwintert, hatte dann ein krankes Tier während der Starre und habe jetzt auch auf Gewächshausüberwinterung umgestellt. Dein Artikel bestätigt, dass dies eine gute Entscheidung war.

    Barbara

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