Was sind eigentlich Urate?

„Da ist so was Weißes im Gehege, ein wenig schleimig. Was ist das? Das kann doch nicht normal sein. Ist meine Schildkröte krank?“

Fragen dieser Art, wie sie von Anfängern oft in sozialen Netzwerken wie Foren oder Facebook-Gruppen gestellt werden, gibt es zu Hunderten. Sie zeigen zunächst leider, dass die Halter sich Tiere angeschafft haben, ohne sich vorher wirklich mit ihrer Lebensweise oder den Grundfunktionen ihrer Biologie beschäftigt zu haben. Denn in jedem Buch über Schildkrötenhaltung finden sich diese Informationen, selbst wenn es noch so spärlich ist. Das ist bedauerlicherweise kein Einzelfall. Wer einen Ratgeber gelesen hat, müsste eine solche Frage nicht stellen. Es hilft aber nicht, Anfängern vorzuwerfen, dass sie sich vor dem Erwerb der Tiere nicht ausreichend sachkundig gemacht haben. Denn das Tier ist bereits in den Händen der Halter, es geht nun darum, diesen Anfängern so schnell wie möglich und so gut wie möglich das notwendige Wissen beizubringen…

Was also ist diese weiße Masse, die man in den Schildkrötengehegen, nicht selten auch im Wasser findet. Dort treibt es schlierenbildend und sich kaum auflösend herum – ähnlich wie das Weiße eines Eis, wenn dieses gekocht wird und dabei platzt. Diese weiße Masse wird Urat genannt.

Urate sind natürliche Ausscheidungsprodukte aus den Kloaken von Reptilien und Vögeln. Das Urat  (wortverwandt mit dem Wort Urin) ist das Salz der Harnsäure. Die Harnsäure wiederum ist ein natürliches Abbauprodukt des Stoffwechsels, es entsteht, genauer gesagt, aus den Nukleinsäuren und bei Reptilien und Vögeln zusätzlichaus den Aminosäuren. Nukleinsäuren kommen in allen lebenden Organismen vor. In Kurzform: Ihre Aufgabe ist es unter anderem, die genetische Information, den Bauplan des jeweiligen Organismus, zu speichern, mit anderen ihrer Art auszutauschen und an nachfolgende Generationen zu vererben. Aminosäuren sind – vereinfacht gesprochen – Bausteine oder Vorstufen der Proteine, also der Eiweiße.

Oder andersherum: Der Organismus einer Schildkröte baut natürlicherweise Aminosäuren und Nukleinsäuren zu Harnsäure ab, die der Körper ausscheiden muss. Anders als z.B. Säugetiere können Vögel und Reptilien die Harnsäure nicht durch Enzyme (Uricase) abbauen. Daher scheiden sie sie direkt aus (kristallin), was Säuger (und damit auch Menschen) nicht tun. Harnsäure selbst besteht aus weißen Kristallen, die nur schwer wasserlöslich sind. Verbindet sich diese Harnsäure mit Salzen, entstehen Urate – eben diese weiße, wasserunlösliche Masse:

Simpel gesagt: Urate sind ein ganz natürliches Ausscheidungsprodukt, ein Abbauprodukt aus Stickstoffverbindungen. Nicht immer scheiden Schildkröten gleichzeitig mit dem Urin auch Urate aus. Sickert der Urin schnell in den Boden oder wird von der Sonne getrocknet, bleiben die Urate zurück… und führen bei Anfängern hin und wieder zu Verwirrung.

imageDie Ausscheidung von Harnsäure und ihren Salzen ist von großer Bedeutung für den Organismus. Eine Überproduktion von Protein- und Nukleinsäureabbauprodukten kann schnell zu Gicht führen (bitte ggf. unter dem angegebenem Link weiterlesen). Das gilt auch für Schildkröten. Werden die Harnsäure und ihre Salze nicht abgeführt sondern lagern sich im Körper ein, kommt es zu Nierenschädigungen und Bildung von Nierensteinen. Urin und Urate sind eines der wenigen Anzeichen, die Schildkröten geben, wenn sie eventuell nierenkrank sind und der Tierarzt eine Blutuntersuchung machen sollte. Urin sollte bei gesunden Tieren klar, farblos und durchsichtig sein. Ausnahmen gibt es aber zum Beispiel, wenn Schildkröten viel Löwenzahn gefressen haben, dann kann der Urin sich (wie auch die Zunge der Tiere) einfärben, ohne dass es erkrankt ist. Ist der Urin zähflüssig, gelb oder rötlich, sollte ein Tierarzt aufgesucht werden. Das gilt auch, wenn die frisch abgesetzen Urate verhärtet, körnig oder grau-gelblich verfärbt sind.

Es liegt in der Hand der Schildkrötenhalter, ihre Tiere vor Nieren- und Gichterkrankungen zu bewahren.

2 Kommentare


  1. Wie immer super erklärt, werde es in Freunde der Landschildkröten teilen da es immer wieder Fragen dazu gibt.


  2. Danke, wieder einmal für Anfänger kurz und knapp erklärt – sehr gut verständlich.
    Das werden wir umgehend in unserer FB-Gruppe „Europäische Landschildkröten“
    speichern.
    Petra

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