Der Hund will nur spielen… aber die Schildkröte nicht

„Der Hund tut nichts…. der beißt nicht. Der will nur spielen!“ Spaziergänger kennen diese Sätze, wenn sie Hundehaltern begegnen, deren Tiere freilaufen und an einem plötzlich und unvermittelt hochspringen. Oft kommt auch der Satz hinterher. „Der beißt nicht!“
Aber weiß das der Hund auch?
Im Internet wird viel über das Zusammenleben von Hunden und Schildkröten geschrieben. Meist von Hundehaltern mit dem Tenor: „Mein Hund hat meinen Schildkröten noch nie etwas getan!“ Oder „Mein Hund interessiert sich gar nicht für die Schildkröten! Ich hatte noch nie Probleme.“ Doch die besten teils jahrelangen Erfahrungen sind kein Garant dafür, dass das immer so bleiben muss, und sie sind schon gar kein Garant dafür, dass andere Hunde in anderen Gärten genauso harmlos und vertrauenswürdig sind. Ein paar Fallbeispiele dazu von einer langjährigen Schildkröten- und Hundehalterin.
Bitte haben Sie Verständnis, dass nicht alle Fotos gestochen scharf sind, in solchen Momenten haben Schildkrötenhalter sicher anderes im Kopf, als perfekte Bilder anzufertigen.

Von Petra Kösterke

 

Beim Anblick dieser Fotos ist sicher mancher Leser entsetzt. Jeder Schildkrötenhalter kann sich gut hineinversetzen in den Schock, den derjenige hat, der seine Landschildkröte so vorfindet.
Als Martin Fix einer meiner Bekannten und ein passionierter Schildkrötenhalter, im August nach nur kurzer Abwesenheit in seinen Garten zurück kam, hatte ein fremder Hund sein 6jähriges Landschildkröten-Männchen (aus eigener Nachzucht) fürchterlich zugerichtet. Leider konnte der Tierarzt das Tier nicht mehr retten. Auch einer anderen Schildkröte (auf dem Foto oben rechts) konnte der Tierarzt nach dem Hundebiss nicht mehr helfen.
Immer wieder hören wir auch in unseren Facebook – Schildkröten-Gruppen, von Haltern, die Tiere durch Biss-Verletzungen verloren haben. Neben Hunden, Mardern, Katzen, Vögeln, Ratten können auch Bisse von Artgenossen zum Tode einer Schildkröte führen.

Dieses Foto zeigt eine kleine Steppen-Schildkröte, die mit einem Geschwistertier erst in einem kleinen Terrarium lebte. Am gemeinsamen Futterplatz wurde sie mehrfach gebissen. Nach der Umsiedlung in ein kleines Außengehege ging die Rangelei weiter bis die Halterin erneut eine Bisswunde feststellte. Trotz Antibiotika-Behandlung verstarb die kleine LSK an einer Blutvergiftung.
Das „beißende“ Tier habe ich später bei mir aufgenommen und nach einer Quarantänezeit und mehreren Herpes-Tests lebt es seit ein paar Jahren mit 4 Steppenschildkröten friedlich im Gehege – aber jetzt mit Futterpflanzen und ausreichend Versteckmöglichkeiten für die inzwischen erwachsenen Weibchen in der Gruppe!!
So sind auch leider einige der bei mir geschlüpften Steppenschildkröten, trotz vieler Hinweise, bei ihren späteren Besitzern schwer verletzt worden durch Biss-Verletzungen. Einige sind daran gestorben. Gefährliche Bissverletztungen, die für die Schildkröten ein tödliches Ende nehmen können, gehen also durchaus nicht nur von Hunden aus. Nun beißen Schildkröten einander nicht tot. Trotzdem kann sich eine solche Verletzung entzünden und Ausgangspunkt für weitere Erkrankungen sein – und sie kann zum Ablageort für Fliegen werden, die in die Wunde ihre Eier legen. In der Wunde entwickeln sich Maden, die dann in den Körper der Schildkröte „wandern“. Und das ist dann ein riesengroßes Problem. Nicht selten bleibt dem Halter nichts anderes übrig, als die Schildkröte einschläfern zu lassen.

 

Ein weiterer Fall:

Diese Bilder zeigen meine Schildkröte Blondie. Blondie hat vor ca. 15 Jahren sehr schlimme Hundebisse überstanden.
Der Jagdhund unseres Nachbarn war mehrfach „ausgebüchst“ und hatte es an einem sehr heißen Sommertag in unseren Garten geschafft. Unser Auto war schon für die Urlaubsreise gepackt, und ich wollte noch einmal nach all meinen Schildkröten sehen… doch ich fand Blondie nicht an ihrem Sonnen-Stammplatz!
Sie hatte sich unter einem Strauch verkrochen, stark blutend und aus den Wunden kamen bereits Fliegenmaden.
Unser damaliger Tierarzt Dr. Braune nahm sie sofort in seiner Klinik auf. Leider waren die Fotos in der Klinik nicht so gut. Aber man erkennt sicher die starken Verletzungen. Blondie musste einige Monate in der Tierklinik bleiben, da sie sehr große offene Wunden hatte und auch Organe frei lagen und die Gefahr einer Blutvergiftung bestand.
Auch in den Folgejahren hat unser Tierarzt immer wieder an einigen Stellen die zusammen wachsenden Panzerplatten leicht aufgebrochen.
Heute noch gehe ich regelmäßig mit dem Laser – Pointer über die alten Biss-Stellen.
Sie hat das fürchterliche Erlebnis gut überstanden. Nur die Fotos zeigen heute noch deutlich was ihr damals passiert ist. Die Qualität der Bilder ist leider nicht besonders gut, damals stand eben noch kein Handy zur Verfügung, mit dem man schnell gute Bilder machen kann – und davon abgesehen: In einem solchen Moment hat man alles Mögliche im Kopf: Aber sicher nicht, gestochen scharfe Fotos zu machen.
Heute geht es Blondie wieder gut, aber es sind noch immer deutlich Panzerschäden an vielen Stellen zu erkennen.


Das Bad vor einer Laserbehandlung ist aber nur notwendig wenn Blondie mal sehr dreckig ist, wenn sie sich z. B. bei Hitze eingebuddelt hat. Sie ist meine einzige Steppenschildkröte, die hin und wieder sogar eine Sommerstarre macht – dabei wird sie natürlich nicht gestört.
2003 hatte Blondie einen kleinen Auftritt in der NDR Tiersendung „Lieb und Struppig“
Nach dem Zwischenfall mit dem Jagdhund haben wir das Gehege, das zuerst am Zaun stand, direkt an unser Haus gebaut, getrennt nach Geschlechtern.
Jetzt war von außen nicht mehr zu erkennen, dass drinnen im Gehege Schildkröten lebten. Damit Blondie sich in aller Ruhe erholen konnte haben die Männchen sie einige Jahre nicht mehr gesehen.
Sie entwickelte sich weiterhin gut und hat ab 2002 bis 2012 in jedem Jahr Eier gelegt, aus denen gesunde Steppenschildkröten schlüpften.

Jetzt werden bei uns nur noch Eier in den Inkubator gelegt, wenn vorher die passenden Halter feststehen.

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Und noch ein Fall:

Vier meiner Boxerhündinnen wuchsen mit Schildkröten auf. Nie gab es Probleme. Sie waren trotzdem nie ohne Aufsicht mit den Schildkröten allein
Aus der Boxernothilfe kam vor 3 Jahren die Hummel zu uns, eine junge misshandelte Boxer-Hündin, frisch operiert. Deshalb musste sie lange Zeit ruhig gehalten werden und durfte auch nicht im Garten toben.
Sie beobachtete über Wochen aus dem Fenster die Schildkröten, die nach der Winterstarre sehr aktiv im Gehege unter dem Fenster nach Futter suchten. Sicher hatte sie vorher noch nie mit Landschildkröten Kontakt.
Am 24. April 2011 besuchten uns Schildkrötenfreunde und die kleine Boxerhündin entwischte nach draußen in den Garten. Ihr Weg führte natürlich zu diesen „Bällen“, die sich immerzu so toll bewegten und schwupps … war es geschehen!!!
Sie sprang in das nicht nach oben abgesicherte Gehege und schnappte sich Klara, eine unserer Schildkröten.
Wir haben sofort reagiert. Zwar gab Hummel umgehend meine Klara zurück – doch das arme Tier sah jetzt fürchterlich aus.

Viele von uns kennen das Problem in solchen Situationen: Feiertag und kein Arzt mit Schildkrötenerfahrung ist telefonisch zu erreichen.
Durch meine langjährige Erfahrung mit Pflegeschildkröten und Zusammenarbeit mit TA und THP erkannte ich beruhigt, kein Organ lag frei. Meine Hauptsorge war jetzt eine Infektion und evtl. Blutvergiftung.
Nach einer Erstversorgung ging es in Richtung Tierklinik Bramsche / Niedersachsen. Dort begann eine Antibiotika-Behandlung.
Nach 2 Tagen holte ich Klara ab und zuhause abgekommen, hatte sie zu meiner Freude sofort Hunger. Über Wochen habe ich täglich Antibiotika gespritzt, mehrfach die offene Wunde gesalbt und sie 2 x täglich in Solidago-Tee (Goldrute) gebadet.
Unsere Tierheilpraktikerin behandelt zusätzlich ein Kreislaufproblem bei Klara und zeigte mir die Behandlung mit dem Laser an der großen Bisswunde.
Es war schön, die schnelle Heilung der Riesenwunde zu verfolgen.

Zuerst aber musste Klara ihr Gehege mit einer großen Wanne tauschen, die mit Haushaltspapier ausgelegt wurde. Die offene Wunde durfte nicht mit Erde in Berührung kommen.
Und bereits Anfang Juni konnte sie bei gutem Wetter in ein kleines Gehege auf den Rasen und von da an war sie auch nicht mehr allein.
Luise und Klara waren seit ihrem Schlupf immer zusammen. Beide habe ich 2009 aus falscher Haltung zurückholte. Darüber habe ich hier bereits berichtet .
Seit dem Hundebiss getrennt, konnten sie endlich wieder ständig zusammen sein.
Die Laserbehandlung ging über Monate und hat die Heilung beschleunigt. In der Tierklinik war man begeistert und erstaunt über den Fortschritt bei Klara. Und bereits im August konnte sie wieder zu ihrer Gruppe in das Außengehege.
Nie wieder soll eine unserer Steppenschildkröten im Gehege verletzt werden. Deshalb haben wir das gesamte Schildkrötengehege jetzt auch nach oben abgesichert gegen Fress-Feinde.
Wenn Klara jetzt in ihrem Gehege die Sonne genießt oder in der Futterecke frische Kräuter frisst, dann kann von oben nur die Sonne bis zu ihr „durchdringen“.

 

Text: Petra Kösterke, Bilder: Petra Kösterke und Martin Fix. Alle Rechte bei der Autorin und dem Fotografen
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1 Kommentar


  1. Hallo Petra

    Meine Steppies waren nie alleine mit den Hunden. Entweder getrennt sicher im Gehege,
    oder ich war mit dabei.
    Denn man weiß nie, es geht zu schnell.

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