Nachgefragt beim Tierarzt: Kälte und Erfrierungen

Der Winter hat Einzug gehalten in Deutschland. Zumindest kalendarisch. Die kalten Monate mit den extrem tiefen Temperaturen stehen vor der Tür. Für uns ein Grund, bei Tierärzten nachzufragen, wie es eigentlich mit Erfrierungen bei Schildkröten ausschaut. Antworten gaben die Münchner Tierärztin Dr. med vet. Natalie Steidele von der tierärztlichen Fakultät der Universität München und Tobias Friz von der Münchner Reptilienauffangstation.

1. Haben Schildkröten eigentlich eine Körpertemperatur?
Schildkröten sind – wie alle Reptilien – poikilotherm bzw. ektotherm. Dies bedeutet, dass sie bei der Regulierung ihrer Körpertemperatur auf Wärme von außen wie auch auf gewisse Verhaltensweisen angewiesen sind, um die für die jeweilige Art spezifische Körpervorzugstemperatur erreichen zu können. Hierbei nutzen sie in erster Linie die Sonnenenergie, um ihre Körpertemperatur soweit anzuheben, dass die alltäglichen und saisonalen Stoffwechselvorgänge, aber auch das Immunsystem zuverlässig funktionieren können.

2. Ab wann ist einer Schildkröte kalt?

Ob eine Schildkröte ihre Umgebung als „kalt“ oder „warm“ empfindet, hängt von der jeweiligen Art, deren Lebensraum und Lebensweise ab. Bei Vertretern aus gemäßigten Breiten, wie den europäischen Landschildkröten, kommt es zum Beispiele bei Temperaturen von unter 15 °C zu Beeinträchtigungen der Stoffwechselvorgänge und einer reduzierten Aktivität.

3. Wie entsteht eine Erfrierung?
Eine Erfrierung ist eine Schädigung von Köpergewebe durch Einwirkung von Kälte, d.h. es kommt zu einer Kristallisation der Körperflüssigkeit. Ähnlich einer Verbrennung unterscheidet man auch bei Erfrierungen verschiedene Schweregrade. Exponierte Körperstellen (Gliedmaßen, Augen) tragen hierbei, wie auch beim Säugetier und beim Mensch, als erste Kälteschäden davon.

4. Welche Spätfolgen können entstehen?
Eine Erfrierung kann zu Schäden an verschiedenen Organen, der Haut oder auch den Augen führen. Bei Erfrierungen am Auge kann es durch eine Eintrübung der Linse (sog. Kältekatarakt) zur Erblindung kommen. Zu den klinischen Symptomen aufgrund einer Erfrierung in der Winterruhe (Hibernation/Brumation) gehören bei Landschildkröten Bewegungsstörungen, wie Kreisbewegungen oder Bewegungsunlust, Kopfschiefhaltung und Blindheit, z.T. mit Blut in der vorderen Augenkammer (Hyphäma).

Bei der Überwinterung unbedingt auf Frostsicherheit achten.

5. Was kann ich sofort tun, wenn es zu einer Erfrierung gekommen ist?
Wichtig ist, das Tier langsam aufzuwärmen und schnellstmöglich einen Tierarzt aufzusuchen. Eine Erfrierung ist an sich bereits äußerst schmerzhaft, das Wiederauftauen ebenfalls, so dass hier rasch Schmerzmittel gegeben werden sollten. Zudem werden beim Auftauen Toxine frei, die bereits durch die Zellschädigung beim Einfrieren entstanden sind, auch diese sollten adäquat behandelt werden.

6. Wie dringend ist ein Tierarztbesuch?
Wie soeben beschrieben, sind Erfrierungen äußerst schmerzhaft und können etliche Folgeschäden bis hin zum Tod der Schildkröte nach sich ziehen. Das Tier sollte in jedem Fall so schnell als möglich einem Tierarzt vorgestellt werden. Eine Verzögerung verschlechtert die Prognose zusehends, d.h. es handelt sich um einen Notfall, der auch am Abend oder Wochenende nicht aufgeschoben werden darf!

7. Was kann der Tierarzt tun?
Der Tierarzt wird das Tier weiter vorsichtig aufwärmen und es mit Flüssigkeit, Antibiotika und Schmerzmittel etc. versorgen. Eine stationäre Aufnahme ist aufgrund der möglicherweise auftretenden Vergiftungserscheinungen aus unserer Sicht angebracht.

8. Was kann ich tun, damit es gar nicht zu Erfrierungen kommt?
Ein „Probelauf“ wie auch regelmäßige Temperatur- und Funktionskontrollen des Überwinterungskühlschrankes sind durchzuführen, eine sichere Stromzufuhr ist stets zu gewährleisten.
Bei der Überwinterung im Freiland besteht oftmals neben dem Risiko auftretender Erfrierungen eine Gefährdung durch Prädatoren (Fraßfeinde), wie Ratten, Marder usw.

9. Wie überwintere ich meine Tiere optimal?
Die optimale Überwinterungstemperatur hängt von der Herkunft der jeweiligen Schildkrötenart bzw. –unterart ab. So empfiehlt sich für die Überwinterung mediterraner Landschildkröten, wie Testudo hermanni bzw. Testudo marginata eine Temperatur zwischen 4 und 8 °C, bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 60-70%. Demgegenüber lassen sich keine einheitlichen Angaben hinsichtlich Temperatur und Dauer der kühleren Ruhephase bei Testudo graeca aufgrund ihres beträchtlichen Verbreitungsgebietes machen.
Wir empfehlen aus oben genannten Gründen die Überwinterung in einem separaten Kühlschrank. Gut geeignet sind hierfür spezielle Getränkekühlschränke, aber auch handelsübliche Kühlschränke können verwendet werden. Von großer Bedeutung ist ein guter Gesundheitszustand der Tiere vor der Einwinterung, eine naturnahe Vorbereitung der Winterruhe mittels temperierter Frühbeetkästen bzw. Gewächshäusern und regelmäßige Kontrollen der Tiere während der Winterruhe (Gewicht, Augen, Vitalkontrolle).

10. Kommen einige Tiere besser mit Kälte zurecht als andere?
Ja, Kältetoleranz war im Laufe der Evolution ein wichtiger Selektionsfaktor. So scheinen Vertreter der nördlichen Verbreitungsgrenzen kryoprotektive Stoffe („natürliche Frostschutzmittel“) produzieren zu können, mit deren Hilfe die Folgen tiefer Abkühlung unter den Gefrierpunkt in Grenzen gehalten werden.

Wir möchten noch einmal darauf hinweisen: Diese Serie ersetzt im Krankheitsfall NICHT den Tierarztbesuch. Sie dient dazu, Schildkrötenhaltern erste Informationen über mögliche Erkrankungen und ihre Symptome zu geben und über die Ursachen aufzuklären.

Text : Dr. med. vet Natalie Steidele und Tobias Friz, Fachtierärzte für Reptilien, Bild: Lutz Prauser

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