Fundstücke: Ciceros Rätsel – und immer die alte Leier….

Marcus Tullius Cicero. Bertel Thorvaldsens Kopie der Originalbüste. Foto: Louis le Grand

Wie bereits mehrfach in unserer Serie „Fundstücke“ aufgezeigt, besaßen Schildkröten in der abendländischen Kultur bis in die Neuzeit hinein nicht den allerbesten Ruf. Im Gegenteil, die Tiere galten in der Antike nicht viel: Weder in Ägypten, noch in Griechenland und demzufolge auch nicht im antiken Rom.
Neben der nahezu glühenden Verehrung der Römer für die hellenistische Kultur brachten die Legionäre von ihren Eroberungszügen immer neue Kulte, Riten und Gebräuche mit. So verwundert es nicht, dass der römische Götterhimmel, ursprünglich dem der Griechen sehr ähnlich, ein ums andere Mal wuchs. Und mit ihm die Riten, Mythen und Kulte. Viele verschmolzen mit den römischen, wurden von diesen umgedeutet oder einfach unverändert übernommen.
Griechische Texte, wie die Fabeln Aesops, waren der römischen Bildungsschicht nicht fremd.
Führt man sich vor Augen, dass bei aller Herrlichkeit, Größe und Imposanz der Stadt Rom diese inmitten einer hügeligen Sumpflandschaft entstanden ist, kann man sich auch heute noch vorstellen, wie beschwerlich das Leben in der Stadt vor allem in den heißen Sommermonaten gewesen sein muss: Die Ausdünstungen der Sümpfe, die Tiere, der Gestank.
So nimmt es nicht wunder, dass Schildkröten im antiken Rom ebenfalls keine besonders positive Rolle gespielt haben – vor allem nicht die Sumpfschildkröten, die Bewohner der Kloaken der Stadt.
Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang das sogenannte Testudo-Rätsel des Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.). In seinem De divinatione überträgt er Amphions Rätsel aus dem Werk Antiopa des Dichters Pacuvius (220 – 130 v. Chr.). So lässt er Amphion das Rätsel stellen:

Quadrupés, tardigrada, agréstis, humilis, áspera
Brevis cápite, cervice ánguina, aspectú truci,
Eviscerata, inánima, cum animali sono.
…tum Attici respondet: non intelligimus nisi si aperte dixeris. At ille uno verbo: Testudo.

Dieses unansehliche Tier, das hier beschrieben wird, ist ein Vierfüßler, langsam schreitend, auf dem Feld lebend, dem Boden nah, rau anzufühlen, mit kleinem Kopf, mit Schlangenhals, finsterem Blick, (dann) ausgeweidet, seelenlos, mit dem Klang eines Lebewesens. Das kann – so schließt der Ratende mit einem Wort – nur eine Schildkröte sein.

Der Tiber in Rom. Foto: Lutz Prauser

Deutlicher lässt sich wohl nicht zum Ausdruck bringen, was  der berühmte Anwalt, Philosoph, Politiker und Schriftsteller Marcus Tullius Cicero von Schildkröten gehalten haben mag.

Natürlich spielt das Rätsel, dessen Lösung die Schildkröte ist, auf die Mehrfachbedeutung des lateinischen Wortes „testudo“ an, die zum einen das Tier „Schildkröte“ meint, zum anderen auch – sicher daraus abgeleitet – das Musikinstrument Leier, im griechischen die Lyra (λύρα). Cicero bringt seine Leser mit dem Rätsel zum Staunen darüber, dass ein so ganz und gar abscheuliches Tier am Ende doch zu etwas Schönem und Gutem Nutze ist, in dem der ausgeweidete, leblose Körper dazu beiträgt, einen Ton, Musik zu erzeugen und somit neu zu beseelen.

Brevis cápite, cervice ánguina, aspectú truci…

Dieses aus der Antike sehr bekannte Gedankenbild, dass erst eine tote, zu einer Leier verarbeitete Schildkröte etwas Nutzvolles, sogar etwas Schönes darstellt, nimmt später die christliche Antike auf, wie in unserer Serie schon öfter erwähnt: „Die Schildkröte wird nämlich, während sie lebt, vom Schlamm bedeckt. Ist sie aber gestorben, wird ihr Panzer zum Singen und zur Schönheit einer frommen Kunst zubereitet, so dass sie zu dem taktmäßigen Rhythmus der Akkorde ihrer sieben Töne erklingen lässt. Entsprechend lebt der Mensch, so lange er für die leiblichen Verlockungen lebt, gleichsam im Schlamm und im Abgrund der Lüste. Stirbt er aber in Hinsicht seiner Triebhaftigkeit und Zügellosigkeit, so erlangt er sein wahres Leben, und er beginnt den süßen Gesang guter Werke hervorzubringen“  schreibt der Mailänder Kirchenvater Ambrosius (339-397).

Neben der Bedeutung „Schildkröte“ und „Leier“ fällt dem lateinischen Ausdruck „testudo“ noch eine dritte Bedeutung zu. Es ist die bekannte Militärformation, bei der die Legionäre aus ihren Schilden einen hermetischen Panzer bildeten. Die Soldaten standen kompakt in mehreren Reihen, hintereinander. Die Soldaten der ersten Reihe richteten ihre rechteckigen Schilder nach vorn, die nachfolgenden nach oben. Damit war die Formation vor Pfeilbeschuss geschützt. Ob auch die Seiten geschützt waren, wie es in Nachstellungen of zu sehen ist, ist historisch nicht nachweisbar. Eine Abbildung dieser berühmten Schildkrötenformation ist auf der Trajansäule in Rom zu sehen.
Auch wenn immer wieder die These vertreten wird, das lateinische Wort testudo leite sich vom lateinischen Wort testiculum (Hoden) her, so ist diese Annahme falsch. Testudo leitet sich von testa ab, dessen Bedeutung mit Schale, Knochenstück am ehesten zu übersetzen wäre. Testiculum wiederum ist die Verkleinerungsform des lateinischen Wortes testis für Zeuge. In diese Wortgruppe fallen auch die aus dem lateinischen Begriffe wie Test, Testament, testieren, Attest. Mit Schildkröten aber hat das nichts zu tun.
Die Schildkrötenformation testudo hat also tatsächlich ihren Namen von dem gleichnamigen Tier erhalten und nicht von dem Wort testis, den Hoden (der jungen kraftstrotzenden römischen Soldaten), und schon gar nicht wurde das Tier nach der Anordnung der Soldaten benannt.

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