Calciumernährung (#3): Wozu brauchen Schildkröten Calciumcarbonat?

Im ersten Teil unserer Serie zur Calciumernährung ging es um die Frage, was Kalk eigentlich ist, in dem zweiten Teil  sind wir der Frage nachgegangen, wie Kalk eigentlich von einem Organismus aufgespalten und aufgenommen wird. Teil 3 nun widmet sich der Frage, warum Schildkröten eigentlich Calcium brauchen.

Teil 3: Wozu benötigen Schildkröten Calciumcarbonat?

Die Beantwortung dieser Frage sollte für Schildkrötenhalte eigentlich nicht so schwer zu beantworten sein. Natürlich brauchen Schildkröten, wie alle Wirbeltiere, zunächst einmal Calciumcarbonat zum Knochenaufbau. Aber das ist noch lange nicht alles und daher ist die Sache dann doch wieder nicht ganz so einfach.

Calcium wird an vielen Stellen im Körper gebraucht. Es ist von zentraler Bedeutung bei neuronaler Erregung, Muskelkontraktion, Blutgerinnung und enzymatischen Aktivitäten. Was jetzt im ersten Moment vielleicht so aussieht, als sei es etwas schwierig zu verstehen, lässt sich auf eine sehr einfache Formel bringen. Calcium ist eine Substanz, die für viele Körperfunktionen von großer Bedeutung ist. Oder noch einfacher: Ohne Calcium läuft im Körper (fast) gar nichts.
Fast?
Natürlich gibt es auch Körperfunktionen, die nicht auf Calcium angewiesen sind. Da aber in einem Organismus ein „Rädchen ins andere greift“, um es mit einem Bild zu erklären, können sich alle Räder nur richtig drehen, wenn alle mehr oder weniger gut funktionieren. Blockieren Räder an Schlüsselstellen, ist das ganze System lahmgelegt. Ähnlich verhält es sich auch im Organismus. Ohne Muskelkontraktion keine Bewegung, ohne neuronale Erregung kein funktionierendes Nervensystem usw..
Diese Funktionen sind so wichtig, dass sie – jetzt wieder bildlich und sehr einfach gesprochen – bei der Verteilung von Calcium höchste Priorität haben. Erst wenn für diese Funktionen genügend Calcium zur Verfügung steht, „kommt der Knochenaufbau dran“.
Diese Priorität des Körpers zeigt sich deutlich bei einer Calcium-Unterversorgung: Bei einer dauerhaften Calcium-Unterversorgung versorgt sich der Körper aus seinen eigenen „Depots“.  Um also sicherzustellen, dass genug Calcium für die wichtigen Körperfunktionen vorhanden ist, holt sich der Organismus zur Not das eingelagerte Calcium aus den bereits gebildeten eigenen Knochen. Auch das ist eine sehr stark vereinfachte Erklärung, aber sie hilft zu verstehen, warum Calcium für Schildkröten (und alle anderen Wirbeltiere)  immer lebensnotwendig ist.
Wird also eine Schildkröte (oder ein andere Wirbeltier) auf Dauer mit zu wenig Calcium versorgt, führt das nicht nur dazu, dass der Knochenaufbau nur mangelhaft erfoglen kann, es geht sogar noch weiter: Knochen werden nicht nur nicht auf- sondern sogar wieder abgebaut.
Natürlich brauchen Schildkröten außer dem für die genannten lebenswichtigen Körperfunktionen benötigten Calcium weitere „Unmengen“ für den Knochenaufbau. Rund 99% des Calciums, das Schildkröten aufnehmen, werden hierfür verwendet. Zweierlei muss man dazu wissen. Anders als die meisten Säugetiere und Vögel, anders auch als der Mensch, wachsen Schildkröten das ganze Leben lang, auch wenn das Wachstum sich mit den Jahren immer mehr verlangsamt.
Hierbei muss man sich zusätzlich vor Augen führen, dass der Anteil des Skeletts am Körpergewicht von Schildkröten um ein Vielfaches höher ist, als bei allen anderen Wirbeltieren. Das resultiert durch den speziellen Skelettaufbau der Schildkröten, denn ein Großteil des Skeletts  besteht ja unter den Hornschilden aus großen Knochenplatten: „Das relative Panzergewicht betrug bei Landschildkröten (ausgenommenSchlüpflinge) 34 %KG, bei Wasserschildkröten 29 %KG und bei Sumpfschildkröten 31 %KG. Schlüpflinge wiesen ein relatives Panzergewicht von 21 %KG auf.“  schreibt Geraldine Kopsch in ihrer Dissertation „Untersuchungen zur Körperzusammensetzung von Schildkröten“ (Kopsch, 2006 – herunterladbar hier).Man kann das natürlich auch einfacher ausdrücken: Der Panzer eines Schildkrötenschlüpflings macht  21% des Körpergewichts aus. Bei Landschildkröten steigt der Anteil auf 29%, bei Sumpfschildkröten auf 31%, bei Wasserschildkröten auf 34%. (Alles Durchschnittswerte). Nimmt man jetzt also zum Beispiel eine 1kg schwere Landschildkröte, dann wiegt allein der Panzer 290g.
Diese Zahlen sprechen für sich. Aber man sollte sie durchaus einmal mit anderen Wirbeltieren vergleichen: Das Skelett der Vögel macht etwa  8-10% des Gesamtgewichts aus, bei Mäusen sind es auch etwa 10%. Das menschliche Skelett bringt es auf 10-15% des Gesamt-Körpergewichts.
Das heißt: Schildkröten bauen im Verhältnis zu ihrem Gesamtgewicht die doppelte bis dreifache Knochenmasse auf als der Mensch. Das allein müsste deutlich machen, warum Schildkröten so enorm viel Calcium benötigen.
Das ist aber noch immer nicht alles. „Man kann erkennen, wie mit zunehmender Panzerlänge vermehrt Knochenmaterial am Rückenpanzer (von der Wirbelsäule ausgehend) und am Bauchpanzer (von derAußenbegrenzung des Bauchpanzers ausgehend) gebildet wird.“  (Kopsch, 2006). Das heißt:  Mit zunehmendem Alter wächst der relative Anteil von Knochengewebe im Panzer stark an. Und selbstverständlich bedeutet das: Schildkröten brauchen ihr Leben lang Calciumcarbonat. Sie brauchen es ohnehin für all die wichtigen Körperfunktionen, aber eben auch zusätzlich für das Panzerwachstum.
Besonders Jungtiere brauchen während ihres Wachstums enorme Mengen an Calcium und Phosphor zur Aushärtung von Skelett und Panzer. Das ganze Calcium allerdings würde den Tieren nichts nützen, wenn sie nicht in ausreichender Menge UV-B-Strahlung zur Verfügung haben, denn diese spielen bei der Vitamin-D3-Synthese und dem Knochenaufbau eine ebenso wichtige Rolle. Eine detaillierte Erklärung aber würde zu weit vom eigentlichen Thema wegführen und wird zu einem späteren Zeitpunkt einnal gesondert aufgefriffen.
Was passiert, wenn Schildkröten  nicht genug Calcium bekommen?
Wenn der Calciumspiegel im Organismus zu niedrig ist, also nicht gedeckt wird durch Zufuhr mit der Nahrung, bedient sich der Körper des eigenen Calciums. Es wird aus den Knochen herausgelöst. Rachitis ist die Folge. Bei Jungtieren führt Calciumunterversorgung zu erheblichen Deformationen und Erweichungen. Bei adulten Tieren führen die Mineralisationsstörungen zu Osteomalazie.

Das kann sehr weitreichende Folgen haben. Knochenbrüche sind unmittelbare Folgen. Aber gerade die Deformationen führen zu einer langen Liste an Beeinträchtigungen und Erkrankungen: Beeinträchtigungen der Lunge und anderer Organe mit allen Folgeerscheinungen/-erkrankungen, Bewegungsprobleme, Probleme mit der Nahrungsaufnahme usw..

Rachitische Schildkröte. Bild: Ingo Diegel

Bitte lesen Sie dazu auch unseren Beitrag „Nachgefragt beim Tierarzt: Rachitis“, in dem der Tierarzt Ingo Diegel Informationen über diese Erkrankung zusammengestellt hat. Auch eine Google-Bildersuche  zeigt in Sekundenschnelle hunderte höchst bedauernswerter deformierter Tiere – und sie alle sind verwachsen als Folge von, zum Teil langjähriger, absolut katastrophaler Haltung.

Bei weiblichen Schildkröten gibt es noch einen zusätzlichen hohen Bedarf für Calcium: Die Ausbildung von Eierschalen. Mittlerweile liegt eine wissenschaftliche Untersuchungen zur Zusammensetzung von Reptilieneiern von Caroline Hartmann vor. In dieser Dissertation wird unter anderem der Calciumanteil von Eiern diverser Schildkrötenarten untersucht.  (Hartmann, 2009 – herunterladbar hier).  Etwa ein Viertel bis ein Drittel der Trockensubstanz des Nährstoffgehalts von Schildkröteneiern entfällt dabei auf Calcium. Das ist etwa das Hundertfache vom Calciumgehalt des Eigelbs.
Wir müssen hier nicht besonders tief in dieses Thema einsteigen, um zu erkennen, dass natürlich weibliche Schildkröten einen erheblichen zusätzlichen Bedarf an Calcium haben, wenn sie Eierschalen ausbilden. Jeder Halter von eierlegenden Weibchen kann dies aus eigener Beobachtung bestätigen, vor der Eiablage nehmen die Weibchen schier Unmengen von Calcium auf.

Zusammengefasst – Calcium wird benötigt für

– eine Vielzahl von Körperfunktionen
– Knochenaufbau
– Ausbildung von Eierschalen

Damit stellt sich die nächste Frage: Woher decken Schildkröten eigentlich ihren Calciumbedarf in der Natur?

Zuvor, quasi als Einschub, wollen wir uns im kommenden Beitrag einer anderen Frage widmen:

Demnächst Teil 4: Calcium und Phospohr – wie gehört das zusammen?

Text und Fotos (sofern nicht anders vermerkt): @ Lutz Prauser, 2013.

Alle Teile im Überblick und mit direkter Verlinkung in die Beiträge:

Teil 1: Was ist Kalk
Dieser Teil beantwortet im wesentlichen, was dieser „Kalk“ eigentlich ist, den Schildkröten zu dringend benötigen. „Kalk“ ist schließlich nicht gleich „Kalk“…

Teil 2 Wie wird Calciumcarbonat „verdaut“?
Wie spaltet sich das Cartbonat? Wie gelangt es in den Körper von Säugetieren und wie ist das bei Schildkröten?

Teil 3: Wozu brauchen Schildkröten Calciumcarbonat?
Warum ist es wichtig, dass Schildkröten ausreichend Calciumcarbonat bekommen?

Teil 4: Calcium und Phosphor – Wie gehört das zusammen?
Man darf das Eine nicht ohne das Andere sehen…

Teil 5:Calcium und Oxalsäure – alles Rhabarber?
Anmerkungen vor den fortgesetzten Warnungen vor zuviel Oxalsäure in der Nahrung.

Teil 6: Natürliche Calciumquellen
Wo finden sich in der natürlichen Ernährung von Schildkröten Spuren von Calcium?

Teil 7: Die Eierschalenfrage
Der Dauerbrenner: Soll man Eierschalen ins Gehege geben?

Teil 8: „Knochen kauen“
Knochen als Calciumquelle für Schildkröten.

Teil 9: „Knochen kochen“
Praktische Empfehlungen zum richtigen Abkochen von Knochen

Teil 10: Schulp – Die Wunderwaffe
Sepiaschulp – Die meistverbreitete Nahrungsergänzung

Teil 11: Schnckenhäuser, Muschelbruch, Perlen
Kristallines Calciumcarbonat für Schildkröten?

Teil 12: Algenkalk und Präparate aus Algenkalk
Alternative Calciumquellen.

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