Nachgefragt beim Tierarzt: Mycoplasmeninfektion und RNS (Running Nose Syndrom)

Schnupfen, Erkältung, Lungenentzündung? Nicht selten stehen Schildkrötenhalter ratlos vor der Frage, welche Erkrankung ihr Tier sich vielleicht zugezogen hat. Ein Gang zum Tierarzt ist dringend angeraten, denn manche „Triefnase“ entpuppt sich als mycoplasmeninfiziertes Tier. Tierarzt Frank Mittenzwei gibt an dieser Stelle Auskunft über Ursachen und Thearpie dieser Infektion:

Fragen zum Thema RNS/Mycoplasmen-Infektion

1. Was versteht man unter RNS (Running(Runny)-Nose-Syndrome)?

Als sogenanntes „Running(Runny) Nose Syndrome“ bezeichnet man eine Erkrankung der oberen Atemwege bei Landschildkröten. Ein Synonym ist im Englischen/Amerikanischen der Ausdruck: URTD („Upper Respiratory Tract Disease“)

2. Wie entsteht ein RNS, wodurch wird es verursacht?

Neben verschiedenen anderen Erregern wird insbesondere ein Befall mit Mycoplasmen (M. agassizii) als Hauptursache des RNS angesehen. Mycoplasmen sind Bakterien ohne eigene Zellwand und daher auf die Stoffwechselleistung ihrer Wirtszellen angewiesen. Ähnlich wie Viren können sie – ohne Krankheitssymptome auszulösen – in diesen Zellen überdauern. In diesem Stadium sind sie auch nicht therapierbar! Die Übertragung des Erregers erfolgt nach derzeitigem Kenntnisstand durch direkten Kontakt von Tier zu Tier. Achtung: Infizierte Bestände sind so zu isolieren, dass eine Übertragung durch Pfleger oder Besucher ausgeschlossen werden kann!

3. Woran erkenne ich, ob meine Schildkröten unter einem RNS leiden (Symptome)?

Bei jeder Art von Nasenausfluss, tränenden Augen, Atemgeräuschen, aber auch bei Fressunlust, muss u.a. auch an eine Infektion mit Mycoplasmen gedacht werden!

4. Welche Maßnahmen sollte ich sofort ergreifen- Tierarztbesuch?

Auffällige Tiere müssen umgehend aus dem Bestand entfernt und in eine Quarantänehaltung überführt werden. Eine fachtierärztliche Beurteilung und Diagnostik sollte so bald wie möglich erfolgen.

5. Wie wird diese Erkrankung vom Tierarzt festgestellt (Diagnose)?

Zur Diagnostik werden Nasenspülungen durchgeführt, die anschließend in einem geeigneten Labor auf Schildkröten-Mycoplasmen untersucht werden können. Die Labor-Methoden (PCR) sind sehr effektiv: Es werden auch geringste Erreger-Spuren nachgewiesen.

6. Wie wird sie vom Tierarzt behandelt (Therapie)?

Ein Behandlungs-Schema mit dem Ergebnis einer vollständigen Entfernung der Mycoplasmen aus dem Körper einer infizierten Schildkröte existiert nicht! Betroffene Tiere sind lebenslang als Dauerausscheider anzusehen und deshalb auch von gesunden Schildkröten getrennt zu halten. Es kann aber notwendig sein, Tiere, die unter starken Symptomen leiden, zu therapieren. Hierzu reichen in der Regel lokale
Behandlungen aus – Spülungen der oberen Atemwege mit geeigneten Medikamenten. Da die Infektion mit Mycoplasmen eine chronische Erkrankung darstellt, ist die regelmäßige Überwachung des Gesundheitszustandes bei einer betroffenen Schildkröte sehr wichtig!

7. Wie sind die Aussichten auf einen Erfolg der Therapie (Prognose)?

Die Infektion mit Mycoplasmen ist in der Regel nicht lebensbedrohlich. Betroffene Tiere in einem akuten Schub leiden aber deutlich sichtbar. Da eine endgültige Entfernung des Erregers aus dem Körper einer Schildkröte derzeit nicht möglich ist, ist in den meisten Fällen eine Dauerbehandlung in individuell unterschiedlich langen Abständen notwendig.

8. Was kann ich tun, um in Zukunft einen akuten Schub der Erkrankung zu verhindern?

Die Schaffung artgerechter (naturnaher) Bedingungen stellt die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Dauerhaltung infizierter Schildkröten dar. Hierzu zählt auch die ausreichend verfügbare Wärme durch beheizbare Schutzhäuser bei Landschildkröten! Eine Kalthaltung begünstigt Neuinfektionen und Krankheitsschübe. Es gilt zudem jegliche Art von Stress zu vermeiden, z. B. durch Gehege-Umgestaltungen oder Umsetzungen.

9. Wie kann ich Freigehege und Frühbeet nach einem Aufenthalt infizierter Schildkröten sicher wieder desinfizieren, um eine Ansteckung zu verhindern?

Mycoplasmen sind in der Umwelt nicht lange überlebensfähig. Freilandanlagen lassen sich durch Ausbringen von Kalkmilch (ca.20%) im Herbst „desinfizieren“. Sicherheitshalber sollte die Anlage erst wieder nach einem Jahr erneut mit Schildkröten besetzt werden. Zur Desinfektion von Gegenständen oder Terrarien, die mit infizierten Tieren in Kontakt standen, eignen sich Desinfektionsmittel auf Alkohol-Basis (z.B. Isopropanol) oder auch Chloramin-Derivate (z.B. Disifin animal).

10. Durch welche Maßnahmen kann ich eine Infektion meines Bestandes mit Mycoplasmen verhindern (Prophylaxe)?

Oberstes Gebot, um ein Einschleppen von Erregern in einen spezifisch pathogenfreien Bestand (durch Laboruntersuchungen bestätigte Abwesenheit von definierten Erregern) zu verhindern, ist ein optimal angepasstes Quarantäne- und Hygienemanagement und dessen konsequente Einhaltung und Durchführung! Dazu zählt neben der größtmöglichen räumlichen Trennung zwischen infizierten und gesunden Tieren und dem zeitlichen Ablauf-Plan in der Pflege insbesondere die regelmäßige fachtierärztliche Gesundheitsüberwachung des gesamten Bestandes.

Tierarzt Frank Mittenzwei
-Reptilien-
Am Pflaster 27
63599 Biebergemünd-Bieber
Tel. 06050-3300
Mail: frank.mittenzwei@web.de

Bitte beachten Sie: Die Serie „Nachgefragt beim Tierarzt“ ersetzt nicht die tierärztliche Beratung, vor allem nicht bei einer Erkrankung der Tiere. Sie soll nur allgemeine Informationen zu Schildkrötenerkrankungen liefern, damit Halter diese frühzeitig erkennen können und wissen, wie sie sinnvollerweise reagieren können. Die Fragebögen werden von unterschiedlichen Tierärzten ausgefüllt und spiegeln ggf. unterschiedliche Erfahrungen und Behandlungsansätze wider.

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